Rezensionen
Schreibe einen Kommentar

Ikon

Nomen est omen: Simon Schwartz ist kein Freund von Farben. Ikon schafft es, die Grauzone zwischen Dichtung und Wahrheit in klarstem Schwarzweiß auszumalen. Sry. Schwartzweiß.

Alle Abbildungen: © Avant Verlag

Schwartz hätte sein Thema kaum weniger populär wählen können: russische Ikonenmalerei meets Oktoberrevolution. Das ist für die 100-Jahr-Feier etwas spät und für das deutsche Publikum auf den ersten Blick sehr speziell.

Im Juli 1918 wurde die russische Zarentochter Anastasia Nikolajewna Romanowa in Jekatarinburg zusammen mit ihrer Familie von Bolschewiki ermordet. Kurz danach wurde sie zum Mythos, denn in den frühen 1920er Jahren erschien in Berlin eine junge Frau, in der manche die vermeintlich getötete Zarentochter zu erkennen glaubten. Damit begann eine popkulturelle Erfolgsgeschichte, die sich auch nicht daran störte, dass eine DNS-Analyse bewies, dass Anastasia tatsächlich 1918 ums Leben kam. Egal, mehrere Spiel- und Trickfilme, darunter die Verfilmung mit Ingrid Bergmann (1956) haben die Geschichte fortgeschrieben.

Simon Schwartz lässt offen, ob die Berliner Aspirantin auf den russischen Thron eine Hochstaplerin ist oder die authentische Überlebende des politischen Familiendramas. Er streut die Zweifel beim Leser aber subtil, indem er die Zarentochter Anastasia anders zu zeichnen pflegt als die Berliner Betrügerin. Wenn die Schwester in dem Sanatorium Dalldorf die Adelige zu erkennen glaubt, muss der Leser des Comics am Verstand oder am Sehvermögen der Dame zweifeln, denn allein die Nase erlaubt keine Verwechslung. Aber egal, die boulevardsichere Krankenschwester sieht, was sie sehen will, und informiert die Presse über ihre Entdeckung. Und daran schließt sich eine Posse um politische Ambitionen, persönlichen Geltungsdrang und zu allerletzt die Suche nach der Wahrheit an. Die Wahrheit? Was ist das eigentlich wert in einer Welt, wo eine Frau zum Pop-Star (gemacht) wird, zur unfreiwilligen Ikone eines Kults, an dem sie gar nicht teilhaben möchte?

Ihr plötzliches Coming-Out hat sie erst nach eindringlicher Lektüre eines Filmplakats für den expressionistischen Schwarz-Weiß-Klassiker Das Cabinet des Dr. Caligari: „Du musst Caligari werden“ liest sie und wird prompt zur Adeligen: „Ich bin die Großfürstin Anastasia Nikolajewna Romanowa von Russland!“ Sie erzählt, wie sie von Russland hierherkam, nur klaffen die Textboxen und bildlichen Darstellungen denkbar weit auseinander. Ihre ins Bild gesetzte Erinnerung und der Text, den sie anderen  schildert, gehen soweit auseinander, dass wir rasch wissen: Hier stimmt etwas nicht. Grandios inszeniert Schwartz hier die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Einbildung – oder Lüge, oder Selbsttäuschung. Es wird nicht klar, inwieweit die vermeintliche Anastasia glaubt, was sie erzählt – aber ist das überhaupt wichtig? Die zweite Hauptfigur neben Anastasia ist Gleb Botkin, ein Jugendfreund Anastasias, der im Laufe seiner Flucht aus Russland bei orthodoxen Ikonenmalern untergekommen ist. In den USA widmet er sich einem Kult um die griechische Liebesgöttin Aphrodite.

Das Anbeten und Verehren ist der Wahrheitssuche nicht dienlich, zumindest nicht bei Simon Schwartz. Er erzählt nicht streng entlang der Geschichtsbücher, sondern fingiert, wo es ihm beliebt. Wie schon in seinem Comic-Debüt drüben! (2009) und Packeis (2012) hat er sich auch bei Ikon für einen historischen Stoff entschieden, den er mit großer Sorgfalt mit fiktiven Elementen verrührt und ansprechend serviert. 30 mal springt die Erzählung in Zeit und Raum, hin und her zwischen New York, Jekatarinburg, Berlin und weiteren Schauplätzen. Und am Ende bleibt wenig übrig als den Anhang zu lesen, in dem Schwartz Dokumente zur Realgeschichte präsentiert, um den Wirklichkeitshunger geschichtsinteressierter Leser zu stillen.

Die cartoonigen Zeichnungen von Schwartz sind begeisternde Zeugnisse eines Comic-Autors, der seine größten Erfolge sicherlich noch vor sich hat. Ikon ist ein wunderbar gelungenes Beispiel für eine Comic-Biographie, die sich größte Mühe gibt, mehr als nur das zu sein. Gute Literatur.

Schwartz-weiß gesehen

8von10Ikon
Avant Verlag, 2018
Text & Zeichnungen: Simon Schwartz
216 Seiten, schwarzweiß, Softcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-945034-79-8
Leseprobe

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken dieses Formulars erklärst du dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.