Aktuelles
Schreibe einen Kommentar

Währenddessen … (KW 3)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Christian: Neulich habe ich über einen Jungen gelesen, der enttäuscht war, weil Käpt’n Haddock sich in den Tim und Sruppi-Zeichentrickfilmen nicht „echt“ anhört. Das geht mir ebenso. Selten bis nie decken sich die Filmstimmen mit meinen Erwartungen und wenn ich eine Animationsstimme akzeptieren kann, dann hat das vor allem mit meiner fortschreitenden Abstumpfung zu tun. Heute, beim Lesen der langen Micky Maus-Story im neuen Micky Maus Comics hatte ich das erste Mal seit Ewigkeiten wieder die Idealvorstellung einer Sprecherstimme in meinem geistigen Gehörgang. Kein anderer als Hans-Rainer Müller, bekannt als deutsche Stimme des Bender aus Futurama, wäre die Idealbesetzung für das Schwarze Phantom. Achtet mal auf Gestik, Kopfform und Körperhöhe – die Ähnlichkeit ist da. Und das Phantom ist in der Geschichte „Zauber der Liebe“, die sich im neuen MMC findet, genauso zickig und kratzbürstig wie unser liebster Biegeroboter, wenn auch natürlich alles eine Stufe zahmer zugeht. Schön, dass wieder eine klassische Paul Murry-Geschichte den Weg ins zweimonatig erscheinende Micky Maus Comics gefunden hat.

Daniel: Wer keine Lust auf traurige Geschichten hat, sollte diese Passage besser überspringen und gleich sofort den nachfolgenden Eintrag lesen. Auch von dem Video sei abgeraten, da das Angucken von selbigem schwache Gemüter in Trauer versetzen und seelische Schmerzen zufügen könnte. Wer jedoch seinen ganzen Mut zusammennimmt und sich die neue achtteilige Netflix-Serie Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events ansieht, wird reichlich belohnt: Die Verfilmung einer Kinderbuchreihe stellt den Spielfilm aus dem Jahr 2005 in den schattigsten Schatten. Die beiden Adaptionen teilen die gleiche Handlung: Nach dem Tod ihrer Eltern werden die drei Baudelaire-Waisen (Violet, Klaus und Sunny) zu ihrem neuen Vormund Count Olaf geschickt. Der hat es aber nur auf das Erbe der Baudelaires abgesehen. Während Jim Carrey den bösen Graf vor allem durch seine körperlichen Verrenkungen und Grimassen zum Leben erweckt, überzeugt die aktuellere Version von Neil Patrick Harris mehr durch sein Schauspiel, seinen Ausdruck, seine Wort- und Witzwahl und sein Timing.

Ich habe bis jetzt noch keines der Kinderbücher gelesen, habe es nach den acht Folgen, die den ersten vier Büchern entsprechen, aber vor. Auch der Spielfilm von 2005 hat versucht, die ersten vier Bücher abzudecken, wirkt dabei jedoch sehr gepresst. Was Netflix‘ Adaption herausragend macht, ist das Zwischenspiel der unterschiedlichen Erzählebenen. Immer wieder werden die betrüblichen Ereignisse des Plots durch Lemony Snicket selbst – Erzähler, Autor, Alter-Ego des eigentlichen Autors Dan Handler – unterbrochen. Im Jahr 2005 hatten die Macher das wohl falsch verstanden und Jude Law nur als Erzähler eingesetzt. Für die Netflix-Variante haben sich die Produzenten hingegen für den Schauspieler und Voice-Actor Patrick Warburton entschieden und ihn als starke, eigenständige Figur etabliert. Lemony Snicket’s A Series of Unfortunate Events ist ein spannendes Hin und Her zwischen den Erzählebenen, eine intelligente Abhandlung über Sprache und Aussprache, eine Musterstudie in Sachen Timing – kurz: ein Fest für Augen und Ohren zugleich. Aber lassen wir doch den Erzähler selbst zu Wort kommen. Darf ich bitten, Mr. Warburton?

Niklas: Ich habe seit Beginn des Jahres bereits acht Bücher gelesen. Alle davon waren gut, das ist doch kein schlechter Start. Der erste Roman war ein Krimi im alten Rom, der Zweite drehte sich um die Apokalypse. Der Grund für den Untergang der Gesellschaft? Kein Atomkrieg bombt die Menschheit in die atomare Steinzeit, keine Zombieplage zerstört die Wirtschaft und auch der Krieg der Welten bricht nicht aus. Nein, am Ende ist es menschenfressende Marmelade, die die australische Großstadt Brisbane in die Knie zwingt. Die Zivilisation bricht zusammen und ein Slacker und sein bester Freund versuchen in dieser neuen Welt zu überleben. Der beste Freund ist übrigens ein Survivalist und hat mehrere Schrauben locker. Guter Start, kann nur besser werden.

Jam ist  tatsächlich eine Komödie und geschrieben von Ben Yathzee Croshaw, Autor der Webserie Zero Punctuation und Enwickler des Roguelikes Consuming Shadow, das ich hier bereits vorstellte. Jam ist sein zweites Buch und er nimmt gekonnt die üblichen Tropen des Endzeitgenres (Weltuntergangskulte, Verschwörungen, kompetente Survivalisten) auf’s Korn. Die Ausgangssituation ist absurd und die Überlebenden sind sozialschwache Außenseiter, die nicht an ihren Aufgaben wachsen, sondern irgendwie voran stolpern ohne zu sterben. Niemand macht eine Charakterentwicklung durch oder sieht die Welt aus einer neuen Perspektive. Du wächst nicht an deinen Herausforderungen, scheint Mister Croshaw sagen zu wollen. Wenn du nicht fit zum Überleben bist, gehst du daran zugrunde und mit Menschen, die die Apokalypse genießen, stimmt etwas nicht. Wer ein passiver Mitläufer ist, bleibt ein passiver Mitläufer und vor lauter Angst folgen die Menschen jedem, der ihnen Sicherheit verspricht. Selbst wenn diese so genannten Anführer nie eine solche Machtfülle in der Hand halten sollten. Da hat er wohl Recht. Zum Glück gibt es genug zu lachen, wenn sich zum Beispiel Hipster zu einem Weltuntergangskult zusammenschließen und das Wort ironisch nicht verstehen und daher Menschen auch nicht ironisch töten. Ihr Gegenstück ist ein Konzern, der seine Strukturen zwar beibehält, aber wohl den Herrn der Fliegen als Notfallplan vorsah. Das heißt, dass alle sich anmalen und nun mit Speeren und Bögen gekämpft wird. Außerdem versuchen sie mit riesigen Laufrädern Strom zu erzeugen und Hunde sollen sie antreiben. Das meinen sie auch ohne jede Ironie. Das alles geschieht übrigens im Zeitraum von einer Woche.

In seinen besten Momenten ist Jam ein fieses Buch, das keine Hoffnung für die Menschheit hat und seinen Figuren auch kaum Gelegenheiten gibt sich mitfühlend zu verhalten. Andererseits kann Mister Croshaw dadurch auch zeigen, dass Menschen die auf die Apokalypse warten und sie als eine Chance für ein besseres Leben verstehen, nicht die stabilsten Zeitgenossen sind, vor allem wenn sich die Frage stellt, wer am Ende überleben soll. Jam ist ein guter Start ins Lesejahr. Mal sehen, was 2017 in der echten Welt so bereit hält.

Stefan: Diese Woche habe ich mich redlich bemüht bei Amazon Prime Video die Comicverfilmungen Tank Girl von 1995 und Barbarella von 1968 anzusehen. Auszuhalten waren diese Werke nur im Schnellvorlauf. Das Beste an der Verfilmung des Comics vom späteren Gorillaz-Mitglieds Jamie Hewlett, ist eindeutig der Soundtrack. Wobei diese Masche, angesagte Bands der 1990er wie Courtney Loves Hole und andere damals angesagten Alternative-Musikerinnen zu versammeln, um damit Zuschauer für den Film zu locken beim ebenfalls trashigen „Spawn“, deutlich eindrucksvoller gelang, für den Metallica, Prodigy u.v.m. Songs beisteuerten, die bis heute faszinieren, zumal sie exklusiv für den Soundtrack entstanden. „Tank Girl“ schmückt sich mit einer aufgesetzt wirkenden Punk-Attitüde. Eine Frau, die Bier trinkt und rülpst ist auch nur ein Klischee, aber keine Rebellin. Das Szenario einer dystopischen Welt, in der Wasser der kostbarste Rohstoff ist, ist gar nicht so verkehrt, aber die Ausführung bewegt sich auf der Qualität des Super-Mario-Bros-Films. Eine überwiegend dunkle, traurige Ära für Comicverfilmungen diese 1990er. Natürlich gab es auch Lichtblicke wie Batmans Rückkehr, aber das ist ein anderes Thema. Durch die Auswahl der Lieder, die heute so angestaubt klingen und besonders durch das wiederkehrende Einblenden von Comicbildern im Film ist Tank Girl noch schlechter gealtert als Barbarella.

Barbarella ist so ganz unter dem Staub von damals begraben und in verdiente Vergessenheit geraten. Jane Fonda als, zugegeben äußerst attraktive Heldin, ist sehenswert. Aber diese Kulissen! Flash Gordon trifft auf Schulmädchenreport! Erinnert ein wenig an die kürzlich zurückgezogene Kür der Figur Wonder Woman als Frauenbotschafterin: wer nur Filmszenen kennt, aber die Comics nicht gelesen hat, verkennt diese Frauen als eindimensionale Sexsymbole und tut ihnen damit unrecht. Einfach mal reinschauen und dankbar sein, dass heute im TV Qualitätsserien wie Daredevil und im Kino zwar routinierte, aber eben funktionierende Marvel-Verfilmungen laufen, die sicher auch mit den Jahren an Reiz verlieren, aber die Zuschauer Jahre später nicht fassungslos zurücklassen werden. Zweiter Effekt: die Comics von Tank Girl und Barbarella dürften großen Spaß machen, denn trotz allem funktionieren die Filme als Werbung für die Vorlagen. Schade, dass ihnen bisher keine besseren Vehikel geboten wurden.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.