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Mort Cinder

Ein spät gehobener Schatz: mit dieser argentinischen Kultserie aus den 1960er Jahren begann die moderne Phantastik im Comic.

London, eines dieser phantasierten Grusel – Londons, in den frühen 1960ern: der ältliche Antiquitätenhändler Elias stolpert in die Schusslinie unheimlicher Menschen mit Bleiaugen und gebrochenem Willen, die unter dem Befehl eines totalitären Wissenschaftlers auf der Jagd nach Mort Cinder sind. Mort Cinder, ein sanftmütiger Hühne mit einem Gesicht wie aus vermodertem Holz, ist so etwas wie das unsterbliche Weltgewissen. Nach dem zumindest vorübergehenden Sieg über ihre Gegner untersuchen Elias und Mort Seite an Seite seltsame alte Artefakte voll guter und böser Magie oder betrachten gemeinsam Morts Erinnerungen an seine vielen Kämpfe mit verschiedenen Facetten des Bösen. Immer war er dabei, als Menschen andere Menschen versklavt, unterdrückt und ausgebeutet haben, und immer wieder stand er erst auf der falschen Seite und hat sich dann für die richtige entschieden.

Alle Abbildungen (c) Avant-Verlag.

Da spreche ich einmal mit einem lateinamerikanischen Intellektuellen und will ein bisschen prahlen, und schon blamiere ich stattdessen mich und dieses Land: ob der andere denn Mort Cinder kenne, habe ich gefragt, von dem ich schon mehrfach gehört hätte und den ich rezensieren wollte, sobald er auf Deutsch in einer Gesamtausgabe erscheinen würde. Mein Gesprächspartner, er hat hier studiert, lacht spöttisch und ungläubig auf: Ich habe als Phantastikfan nie Mort Cinder gelesen? Und er erscheint nach 60 Jahren zum ersten Mal komplett auf Deutsch?

Dieser trotz zwei Carlsen-Bänden in den frühen 1990ern bei uns bisher beinahe unbekannte Kultcomic ist das fehlende Bíndeglied zwischen den expressionistischen EC – Comics der 1950er (Tales from the crypt) und den moderigen Monstermagazinen der 1970er (Eerie), und, so seltsam sich das lesen mag, der überraschende Zwischenschritt zwischen Goya und Jim Sterankos Dr. Strange-Heften. Mort Cinder komplett, gebunden und restauriert ist einer der seltenen nahezu neu gehobenen Schätze der Comicgeschichte.

Diese kunstvoll abwechselnd schattigen, schimmeligen und schlaglichtgrellen Schwarzweißseiten mit ihren zerlaufenen Handlungsfäden, ihren wortreichen Anmerkungen zu Gott und der Welt und ihrem düsteren Humanismus wirken wie die Ursuppe für all die kluge, morbide und menschenfreundliche Phantastik, die der Comic seitdem hervorgebracht hat. Jeden Moment könnten das Swamp Thing und John Constantine oder Dylan Dog in einem Panel auftauchen. Der griffig edel aufgemachte Band dampft Geschichte und Atmosphäre so aus wie die überkecke Attitüde von Popkultur mit Anspruch.

Alberto Breccias wilde Virtuosität droht dabei immer wieder, die Geschichten zu erschlagen. Wir kennen ihn in Deutschland bisher eher als Zeichner von bunter, etwas unförmiger Popart (seinem späteren Werk), hier zieht er alle Register der scharfen Schwarzweißzeichnung: Strichgewitter und verschmierte Tuschewolken wechseln sich mit kleinteilig gemalten Portraits, hastig skizzierten Götterfratzen und akribisch hingepieksten surrealen Welten ab. Hugo Pratt und Frank Miller haben sich offensichtlich von ganzen Seiten Strich für Strich inspirieren lassen (und erinnert sich noch jemand an die makabren Comics von Foerster?). Die spektakuläre Reproduktion (den Angaben im Buch zufolge wurde das Material neu eingescannt und restauriert) vermittelt das Gefühl, Originalseiten in der Hand zu halten, auf denen verschiedene Lagen von Schwarz und die Echos von Bleistiftvorzeichnungen ausgemacht werden können. Man könnte sich extra einen Lesesessel anschaffen, um diesen Band darin zu durchschmökern, und zum Danebenstellen eine kaputte Standuhr mit einem rätselhaften Zifferblatt.

Die Geschichten von Héctor Germàn Oesterheld verweisen dabei klar auf den lateinamerikanischen „magischen Realismus“ in der Literatur, weisen zurück auf Borges und nach vorne auf Marquez und verschwörerisch seitwärts auf die damals zeitgenössischen Arbeiten von Cortazar (und stehen sehr viel deutlicher in Genretraditionen als die in den letzten Jahren bei uns veröffentlichten Arbeiten des Szenaristen). Geister, Überlieferungen und Flüche erscheinen weniger als bedrohlich, als vielmehr als notwendiges Korrektiv in einer harten Welt. Ein Spuk ist lustvoll im Vergleich zu den Gefängnissen und Galeeren, in denen diese manchmal packenden, manchmal schwerfälligen, aber immer sehr lesbaren Parabeln angesiedelt sind. Erzählt werden sie dabei ausgesprochen visuell, allerdings absolut unfilmisch: kräftige Bilder in abwechslungsreichen extremen Perspektiven stehen meist für ganze Szenen und werden von sehr viel Text begleitet. Ein im Anhang abgedrucktes, nicht realisiertes Skript macht deutlich, dass Héctor Oesterheld bereits in den 1960ern als Szenarist Zeichnenden kleinteilig Bildaufbau und graphisches Storytelling vorgeschlagen hat. Wir sind heute allerdings einen sehr viel verspielteren und schnelleren Umgang mit alten Mythen gewöhnt: die unklar bedeutungsschwere Episode über den Turmbau zu Babel bspw. hat nun bei diesem Rezensenten vor allem Fragezeichen hinterlassen. Und nirgendwo in allen Zeitsträngen ist auch nur eine Frau zu sehen. Zum echten Genuss ohne Blick auf Jahreszahlen fehlen diesen etwas vehement weihevoll präsentierten Plots hier und da Stringenz und Pfiff (und Frauen!). Aber es sind gute und kluge Geschichten und nichts an ihnen ist veraltet, sie pflegen lediglich eine Tonlage, die heute so nicht mehr neu entwickelt werden würde und die umgekehrt zum Schmökergefühl passt.

Aber machen wir uns nichts vor: der wohlige Grusel und das Schwelgen in Literatur und Gänsehaut sind in Wahrheit nie nur ein gemütlicher Spaß. Insgeheim wissen wir das alle und leider vor allem die Falschen: Szenarist Héctor Oesterheld „verschwand“ in den 1970er Jahren zur Zeit der Militärregierung in Argentinien, ebenso seine vier Töchter und Teile ihrer Familien. Erklärtes Ziel dieser faschistischen Herrschaft war die totale Vernichtung kritischen Denkens. Vermutlich hatten Oesterhelds Mörder Bleiaugen. Mort Cinder konnten sie nicht erwischen.

Der Inbegriff eines unheimlichen Schmökers. Ein verfluchtes Buch. Der Wiedergänger eines Klassikers

9von10Mort Cinder
avant-verlag, 2023
Text/Szenario: Héctor Germàn Oesterheld
Zeichnungen: Alberto Breccia
Vorwort: Juan Diaz Canales
Übersetzung: Myriam Alfano
256 Seiten, Schwarzweiß, Hardcover
Preis: 40,00 Euro
ISBN: 978-3-96445-098-2
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