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JLA: Heaven’s Ladder

Einer der bildgewaltigsten Comics mit DCs prominent besetztem Superheldenteam, der Justice League of America, erfährt bei Panini eine würdige Neuauflage: JLA: Heaven’s Ladder, erstmals im Jahr 2000 auf Englisch publiziert, kommt originalgetreu im Überformat daher und raubt einem aufgrund der prächtigen Zeichnungen (Bryan Hitch) schon beim bloßen Durchblättern den Atem. Die Story von Comicautor Mark Waid ist dabei dermaßen ambitioniert und abgefahren, dass man sich fragt, ab welchem Punkt man sich vom Plot einer Star-Trek-Folge ins Philosophieseminar verirrt hat.

Coverillustration von Heaven’s Ladder. Alle Abbildungen © DC Comics

Hinter der hoch-konzeptuellen Erzählung rund um eine uralte Alien-Zivilisation, die sich mit ihrer eigenen Endlichkeit konfrontiert sieht, steht Waids prinzipielles Anliegen, den mythischen Charakter der Superheldengeschichten zu festigen und seine Leserinnen und Leser durch die Entführung in fantastische Welten zum Staunen zu bringen.

Aber erst mal zum Kontext: Als Waid im Jahr 2000 DCs Justice League of America-Reihe (kurz JLA) übernahm, waren es große Fußstapfen, in die er treten musste. Unter der Federführung von Waids Vorgänger Grant Morrison hatte es das Team rund um DCs prominenteste Helden wie Superman, Wonder Woman oder Batman geschafft, zum am meisten verkauften Titel bei DC zu werden. Morrisons Run zählt auch heute noch für viele zur besten Reihe in der bewegten Geschichte dieses Teams. Was war das Erfolgsrezept? Morrisons Zugang kann als eine Reaktion auf die Dekonstruktion des Superheldenmythos durch Alan Moores und Dave Gibbons Watchmen in den 1980ern verstanden werden. Wo Moore und Gibbons daran gingen, den Menschen hinter der Maske in all seinen Mängeln und Schwächen offenzulegen, versuchte Morrison, DCs Superhelden als eine Art modernes Götterpantheon neu zu etablieren. Das Ziel war nicht, die Helden als Menschen zu zeigen, sondern als Verkörperungen allgemeiner Prinzipien und Ideale. Morrison zog bewusst Parallelen zur traditionellen griechischen Göttermythologie, indem unter anderem sichtbar werden sollte, auf welche Weise Figuren wie Hera in Wonder Woman oder der Götterbote Hermes in The Flash weiterwirken. Göttliche Gravität kombiniert mit Anleihen an den albernen Humor der frühen Gardner-Fox-Ära verliehen den JLA-Stories unter Morrisons Schirmherrschaft ihren unverwechselbaren Charakter.

Cover von Waids JLA: Year One #1 (1998)

Mark Waid war der logische Kandidat, um Morrisons Erbe fortzuführen. Nicht nur hatte er bereits einzelne Ausgaben während Morrisons Zeit beigesteuert, er lieferte mit der zwölfteiligen Miniserie JLA: Year One (1998) außerdem die aktualisierte Ursprungsgeschichte der Justice League, nachdem die Anfänge vieler Heldinnen und Helden aus dem DC-Universum aufgrund der realitätsumstürzenden Ereignisse von Crisis on Infinite Earths (1985-86) quasi neu erzählt werden mussten. (Year One ist bis heute wahrscheinlich die beste Einführung für alle neuen Leserinnen und Leser, die sich ohne großes Vorwissen in die Abenteuer der Justice League stürzen wollen.) Ähnlich wie Morrison affirmiert Waid die positive Vorbildwirkung der Superheldenmythen; insbesondere Superman wird von Waid zu einer quasi moralischen Instanz hochstilisiert und soll dabei einen bewussten Gegenpol zu den desillusionierenden Helden à la Watchmen bilden. Davon handelt nicht zuletzt auch Waids großartige Elseworlds-Story Kingdom Come (1993), der – ähnlich wie Watchmen – der Status als absoluter Klassiker der Comicliteratur nicht mehr abzusprechen ist.

Es herrschten also die besten Voraussetzungen. Der unabhängig von der Hauptserie JLA publizierte Einzelband Heaven’s Ladder stammt aus der Zeit, als Waid gerade das Ruder übernommen hatte, und tatsächlich bekommt man auf jeder Seite das Gefühl, dass sich hier jemand bewähren will. Davor gab es zwar bereits den über die Ausgaben 43 bis 46 der Hauptserie sich erstreckenden Handlungsbogen „Tower of Babel“ (noch mit Morrisons Stammzeichner Howard Porter, bevor dieser von Hitch abgelöst wurde), diese war aber hauptsächlich auf Batman und seine Querelen mit Ra’s al Ghul zugeschnitten und weniger dazu gedacht, dem JLA-Team ein eigenes Profil zu geben. Ganz anders Heaven’s Ladder: Batman tritt hier in den Hintergrund, nicht zuletzt, weil es die Justice League mit Bedrohungen aus dem Weltraum zu tun bekommt, wo ein Mensch ohne Superkräfte wenig ausrichten kann.

Seiten 4 und 5 von Heaven’s Ladder

In einem Interview hat Waid einmal betont, dass er das Alleinstellungsmerkmal der Justice League gegenüber anderen Superheldenteams darin sieht, dass sie außerweltliche Konflikte kosmischen Ausmaßes austragen anstatt sich bloß mit profanen Schurkenfiguren auf der Erde prügeln zu lassen. Prompt beginnt Heaven’s Ladder damit, dass der gesamte Planet Erde (!) von einem riesigen Raumschiff umschlossen und „entführt“ wird. Die Mitglieder der Justice League – zu diesem Zeitpunkt bestehend aus: Superman, Batman, Wonder Woman, The Flash (Wally West), Green Lantern (Kyle Rayner), Martian Manhunter, Steel, Atom, Aquaman und Plastic Man – versuchen herauszufinden, was die Entführer mit ihrem Planeten vorhaben. Es stellt sich heraus, dass das Raumschiff der ältesten Alien-Rasse des Universums gehört, die aber im Sterben begriffen ist. Durch das Einsammeln verschiedener Planeten versuchen die hochintelligenten Aliens von deren Bewohnern etwas über religiöse Konzeptionen des Jenseits zu erfahren, um ihrem eigenen Untergang hoffnungsvoll entgegentreten zu können. Die Justice League soll dabei helfen, einzelne „Schläfer“ dieser Aliens auf den unterschiedlichen Planeten aufzufinden und in eine Art Geburtskammer zu bringen, die „mit der metaphysischen Energie der Planeten einen extradimensionalen Raum erschaffen … eine Heimat für ihre Seelen“ (S. 21, siehe Abb. 5 unten). Einen wirklichen Sinn ergibt das Ganze auf der Handlungsebene nicht – was, bitte, ist die „metaphysische Energie der Planeten“? –, dennoch wird Waids Anliegen klar. Anhand der Bestrebungen der ultrarationalen Aliens, sich quasi einen Himmel zu bauen, soll eine einfache Botschaft vermittelt werden: Auch wenn die eigene Existenz (wie im Falle der Aliens) von Vernunft und Wissenschaft geprägt ist, im Angesicht der eigenen Endlichkeit ist der Glaube an ein Jenseits unabdingbar. Diese Botschaft mag für sich genommen nicht unproblematisch sein, Waid reflektiert damit aber in erster Linie seine eigenen Überzeugungen auf einer meta-textuellen Ebene, indem er auf der Notwendigkeit des Glaubens an etwas Größeres als uns selbst beharrt. Martian Manhunter betont an einer Stelle, „wie winzig wir sind“ (Seite 13) angesichts einer derart hochentwickelten Alien-Zivilisation, die es erlaubt, die Bewohner der Erde wie Bakterien zu behandeln. Dennoch sind es die Superhelden selbst, die Waid als larger than life porträtiert und die selbst angesichts kosmischer Bedrohungen niemals die Nerven verlieren.

Seite 21 (Original bei DC) von Heaven’s Ladder

Einziges Manko von Heaven’s Ladder ist wohl, dass Waid an manchen Stellen zu wenig darauf vertraut, die Bilder selbst sprechen zu lassen und stattdessen in einen eher didaktischen Tonfall verfällt. Als Leserin beziehungsweise Leser wird man von den Konflikten und Plänen der (formlos bleibenden) Aliens ausschließlich über die voice over Narration des Martian Manhunter unterrichtet, der mit den Aliens telepathisch in Kontakt ist. Da wäre es mitunter besser gewesen, einen Großteil des pseudo-philosophischen Vokabulars über Bord zu werfen – was Heaven’s Ladder viel von seinem übertriebenen Pathos genommen hätte – und nach bildhaften Lösungen für die abstrakt beschriebenen Vorgänge zu suchen. Trotzdem kann man nur den Hut ziehen vor diesem (über-)ambitionierten Weltraumepos, welches das Superheldengenre um Facetten zu erweitern versucht, die zur Abwechslung einmal nichts mit dem Kampf Gut gegen Böse zu tun haben.

Ambitioniertes Weltraumepos

7von10JLA: Heaven’s Ladder
Panini, 2022
Text: Mark Waid, Zeichnungen: Bryan Hitch
Übersetzung: Christian Heiss
84 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 29,00 Euro
ISBN: 978-3-7416-2767-5
Leseprobe

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