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Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung

Zwischen Avantgarde, Autobiographie und Didaktik: Eine Zeitzeugin ringt um die Erinnerung an die Shoah.

Die Comiczeichnerin Barbara versucht der Holocaust-Überlebenden Emmie Arbel (sie mag den Begriff „Überlebende“ überhaupt nicht) Erinnerungen an ihr kompliziertes Leben zu entlocken, das von Traumata und den Wirren der Weltgeschichte geprägt war. Nicht immer scheint Emmie die Wahrheit zu sagen, häufig scheint sie sich ihre Vergangenheit gegen Schmerzen und Blockaden erkämpfen zu müssen. Die sperrige und toughe Zeitzeugin konfrontiert uns mit zahlreichen Fragen beispielsweise danach, was Schmerzen bedeuten, was Erinnerung bedeutet und wovon sich erzählen lässt. Schließlich schält sich heraus, dass Emmie in öffentlichen Gesprächen über ihre Erfahrungen einen Sinn für ihr Leben findet.

Alle Abbildungen © Reprodukt

Barbara Yelin besitzt die ungewöhnliche Fähigkeit, neuartige graphische Chiffren für bisher noch nicht kartographierte Bereiche des Bewusstseins zu finden. Ob ein stumpf gewordener Überlebenswillen die Welt zu weißblauen Schlieren werden lässt oder zerkratzte impressionistische Gartenlandschaften brüchige Geborgenheit vermitteln, ob die erdrückende Behaglichkeit von Familie als Klumpen rundlicher Figuren gezeigt wird oder ob die Welt von Rauchkringeln beseelt wird – immer wieder scheint Yelin bei der visuellen Darstellung alltäglichster Szenen selbstbewusst und forschend bei Null anzufangen. Besonders ergiebig ist diese Bereitschaft zu einem neuen Blick aber bei den bestimmenden Themen: Einsamkeit und Schmerz, Trauma und Erinnerung.

Emmie Arbels früheste Erinnerungen sind Lager während des Zweiten Weltkriegs, Konzentrations- und schließlich Vernichtungslager. „Der Tod war uns sehr vertraut“ heißt es, und später: „Wir wussten, das ist unser Leben.“ Noch nach der Befreiung stirbt ihre Mutter entkräftet im Lager. Emmies weiterer Weg führt sie über ein Kinderheim zum Missbrauch durch einen Pflegevater und über das Leben im Kibbuz und die israelische Armee zu einem ruhelosen, verbittert um Autonomie bemühten Weg voller Verluste – bis hin zu einem von inneren und äußeren Kämpfen und Erschütterungen geprägten Alter. Als Kind zündet sie die Vorhänge im Heim an, als Erwachsene schmeißt sie Jobs, ist gleichzeitig hochengagiert und ungerührt und kämpft darum, Gefühle für ihre Kinder zulassen zu können. Sie empfindet sich gleichzeitig als beschädigt und als unverwundbar. Immer wieder präsentieren die Zeichnungen ihr faltenreiches, gleichzeitig warmes und hartes Gesicht aus immer neuen Perspektiven, um dann Erinnerungen und Dokumente über sie und uns hereinbrechen zu lasen.

Der Kiesweg im Lager Ravensbrück wird zur blauen Unterwasserwelt, in der Blasen aufsteigen wie primitive Lebensformen, und dann zu einem abweisenden Sternenhimmel. Die Baracken werden bei einem Besuch der gealterten Emmie zu unscharfen Skizzen, die an Laborbilder erinnern. In gewalttätigen Passagen wird Emmie zu einer knopfäugigen Puppe, die sich ungelenk vor schwarzen Schatten und grellgerben Verletzungen wegduckt. Zu den vielen eindringlichen Passagen gehört Emmies Schilderung, wie sie der im Lager hingefallenen Mutter nicht zu Hilfe eilt und sich dazu zwingt, aus Selbstschutz mit großen, offenen Augen zu versteinern. Eine besonders verstörende Erinnerung bricht ab, weil die Erzählerin sich ihr verweigert. Die Unfähigkeit, sich an die mutmaßlich glückliche Kindheit in den Niederlanden vor den Lagern zu erinnern, wird zu einer gespenstischen kleinen Bilderbuchszene, die zu flackernden, leeren, hellen Bildern verblasst.

Yelin verzichtet vollständig auf das bekannte Repertoire an Bildern, die den Holocaust versinnbildlichen sollen. Nur in wenigen Panels sehen wir Tote und Sterbende, und es sind bewusst keine nackten Skelette. Wir sehen auch keine Berge von Koffern oder Schuhen. Aus der Parallelwelt der historischen Dokumente wird die Wahrheit des Holocaust in unspektakulärer schrecklicher Brisanz in unsere Welt zurückgebracht. Seine Opfer sind durch nichts anderes als Opfer markiert als durch die Wahnideen ihrer hier vollständig schemenhaft bleibenden Mörder. Emmie, die immer wieder Gefühle von Entfremdung und Einsamkeit äußert, wird als unauffälliger, unspektakulärer Mensch gezeigt, der die eigenen Erinnerungen als furchteinflößende fremde Bereiche des Erlebens erfährt. Kaum ein Bild verdeutlicht das eindringlicher als die trügerisch gemütliche Splashpage, in der die alte Emmie schlaflos am Computer „Solitär“ spielt.

Das Gefühl einer umfassenden, unheilbaren Einsamkeit ist es, das sich als Leitmotiv ihrer Erinnerungen herausschält und durch eine Szene pointiert wird, in der herausfordernd eine Katze auf der Brust der tuberkulosekranken und gebannten jungen Emmie sitzt. Als die titelgebende Farbe der Erinnerung macht unsere grimmig Zeitzeugin letztendlich Schwarz aus. Die Zeichnerin konterkariert diese von ihr tastend visuell herausgearbeitete Düsterkeit aber immer wieder mit den beinahe idyllischen und sehr eigenen Zeichnungen von blühenden Pflanzen.

Das ist nahe am Meisterwerk, und ich denke nicht, dass in Deutschland zur Zeit irgendjemand interessantere Comicseiten gestaltet als Yelin (und das bei starker Konkurrenz). Aber dennoch bleiben prinzipielle Fragezeichen, zumindest bei mir, ob das betont nicht-fiktionale Konzept tatsächlich aufgeht. Yelins Begegnungen mit Emmie Arbel bilden die erzählerische Rahmung für deren Erinnerungen, oder, böser formuliert: Sie bilden den Ersatz für eine Geschichte, eine Entwicklung oder eine zugespitzte Haltung, die dem trotz herausgestrichener Chronologie hin und her verlaufenden Band so empfindlich fehlen. Barbara Yelin ist vermutlich eine faszinierende und sympathische Persönlichkeit, die Comicfigur „Barbara Yelin“, die in recht umfangreichen Passagen mit Emmie zusammensitzt und sie verhalten befragt, bleibt eine weitgehend blasse Stichwortgeberin. Mit der zerrütteten Vater-Sohn-Beziehung, deren Entwicklung anhand geteilter Erinnerungen Art Spiegelmans Maus die Struktur gab, lässt sich dieses faserige Vor und Zurück nicht vergleichen. Das immer wieder herausgestrichene Thema der ambivalenten, sich verändernden und aufgrund erlebter Traumata nur schwer erfahrbaren Erinnerung wird dabei kaum entwickelt. Am Ende stehen beinahe (berechtigt) didaktische Bekenntnisse zur Auseinandersetzung mit den furchtbaren Verbrechen. Aber die Emmie auf der letzten Seite ist nicht glaubwürdiger oder weniger glaubwürdig als die auf der ersten, und dass ihr sperriger Charakter implizit vollständig auf die Erfahrung der Shoa zurückgeführt wird (was die Figur sich im Comic explizit verbittet), bleibt bei einer individuellen Biographie etwas unbefriedigend.

Nun hat Yelin mit dem inhaltlich gegenläufigen Comicroman über die Mitläuferin Irmina vor Jahren bewiesen, wie gekonnt sie verwandte Themen subtil verhandeln und dramaturgisch zuspitzen kann und dass sie ein ungewöhnliches Gespür für das Hinterfragen von Lebenslügen und für ambivalente Figuren hat. Dass das alles hier nicht zum Tragen kommt und Emmie Arbel passagenweise so ziellos anmutet wie ein üblicher investigativer Podcast, liegt an der Form, liegt an der Entscheidung für Non-Fiction. Und dass Yelin dann durch ihre aufgeladenen und gebrochenen Bilder die künstlerische Konsequenz und emotionale Wucht wieder durch die Hintertür hineinschmuggelt, macht Emmie zu einem sehr guten Comic, unterläuft aber den dokumentarischen Habitus total.

Was ist das zur Zeit mit den „dokumentarischen“ Theaterstücken (die dafür umso manierierter und elitärer sind), den „dokumentarischen“ Animationsfilmen (eine Formulierung, bei der mir der Schädel platzt – was ein hübsches Bild für einen „dokumentarischen Animationsfilm“ wäre) und den „dokumentarischen“ Büchern, die aus Hunderten von Seiten intimer Assoziationen in Privatsprache bestehen? Wieso werden überall Geschichten durch authentizistischen Leerlauf, wie die weihevolle Beschreibung einer wenig spektakulären Recherche, ersetzt? Ist es eine Angst vor der Aussage? Oder in diesem konkreten Fall: eine Angst vor dem Verrat an der portraitierten Interviewpartnerin? Genau weil die Non-Fiction als Erzählung (!) zwangsläufig immer nur ein Kompromiss sein kann, unter anderem aufgrund von Verstricktheit, Respekt, Treue zu relativ beliebigen Fakten, wurde die Fiktion erfunden, mit ihrer Freiheit zu klugen, wahrhaftigen Verdichtungen und Stilisierungen (und Maus wird nicht zufällig in dem Moment schwächer, in dem der Comic nicht mehr genauso gut auch Fiktion sein könnte und Spiegelman sich selber als den gefeierten Schöpfer von Maus thematisiert). Jede Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. Etwa dreißig Seiten Sachtexte und Erläuterungen beschließen den Band. Sie klären und ordnen, was im vorangegangenen Comic so nicht unbedingt deutlich wird.

Emmie Arbel ist eine beeindruckende Persönlichkeit und eine einnehmende Protagonistin, und dass sie nicht nur ihre schmerzhaften Erinnerungen teilt, sondern sich dazu auch dem hinterfragenden Prozess dieses Comics ausgesetzt hat, verdient jeden Respekt. Bei Einsätzen in Schulen und in der Erwachsenenbildung wird dieser Comic ganz sicher viel Gutes bewirken. Barbara Yelin gelingt über weite Strecken ein beeindruckender Spagat. Aber zumindest ich freue mich auf die nächste erfundene Geschichte aus ihrer Feder.

Annäherung an eine Zeitzeugin: ein herausfordernder Band voller absolut beeindruckender Bilder

9von10Emmie Arbel. Die Farbe der Erinnerung
Reprodukt, 2023
Text und Zeichnungen: Barbara Yelin
Herausgegeben von Charlotte Schallié und Alexander Korb
192 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 29,00 Euro
ISBN: 978-3-95640-369-5
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