Rezensionen
Kommentare 1

Die große Macht des kleinen Schninkel

Auf dem Planeten Daar herrscht schon seit jeher ein endloser Krieg. Drei sogenannte „Unsterbliche“, Barr-Find Schwarzhand, Jargoth der Wohlduftende und Zembria die Zyklopin, führen gigantische Heere von Sklavenvölkern an, die sich gegenseitig bekriegen. Doch eines Tages erscheint dem kleinen Schninkel J’On der Schöpfer aller Welten am Firmament. Dieser sieht aus wie ein schwarzer Quader und beauftragt den Auserwählten mit der Mission, Daar zu befrieden. Andernfalls wird die Existenz aller Lebewesen des Planeten ausgelöscht. J’On, vom Schöpfer vermeintlich mit übersinnlicher Macht gesegnet, beginnt also etwas unfreiwillig seine Quest und muss es unbedingt schaffen, die drei Unsterblichen vom Krieg abzuhalten.

© Splitter-Verlag

© Splitter-Verlag

Die große Macht des kleinen Schninkel ist eine Kollaboration des Szenaristen Jean van Hamme und des Zeichners Grzegorz Rosinski, die Ende der 1980er Jahre für das französische Magazin (À Suivre) entstand. Gut zehn Jahre zuvor starteten die beiden bereits gemeinsam die legendäre Serie Thorgal. Nun verspürten sie den Drang, etwas Experimentelles zu wagen, einen Comic, der sich tiefer hinabtraut in eine erwachsene Erzählweise. Für Rosinski war es vor allen Dingen reizvoll, sich an einem reinen Schwarz-Weiß-Comic zu versuchen, van Hamme wollte dem Rahmen des standardmäßigen 48-Seiten-Umfangs französischer Alben entfliehen und eine breiter angelegte, epische Geschichte erzählen.

So entstand also diese Serie, die in monatlichen Episoden zwischen 1986 und 1987 erschien. Später sollte es doch noch zu einer farbigen Version kommen – Koloristin Graza, die wie Rosinski aus Polen stammt und mit ihm auch an Thorgal arbeitete, war hierfür zuständig, eng betreut und abgesegnet von Rosinski persönlich. Carlsen publizierte Die große Macht des kleinen Schninkel hierzulande zunächst als Einzelband in der ursprünglichen Schwarz-Weiß-Variante, später folgte die farbige Fassung in drei Einzelalben. Der Splitter-Verlag hat sich des Klassikers nun angenommen und die schlussendliche Version in einer bibliophilen Gesamtausgabe, die auch ein Vorwort und einiges an Skizzenmaterial enthält, neu aufgelegt.

© Splitter-Verlag

© Splitter-Verlag

Der Comic ist mehr als ein generischer Genrevertreter, auch wenn er auf den ersten Blick womöglich im klassischen Fantasygewand erscheint. Nicht von ungefähr erinnert das Sklavenvölkchen der Schninkel an Tolkiens Hobbits und Hauptfigur J’On an Frodo. Beide haben einen Auftrag, den nur sie ausführen können. Und beide sind eigentlich keine Heldentypen. Van Hamme geht in seiner Handlung allerdings weiter als Der Herr der Ringe, indem er in seinem Werk einen humoristischen Unterton pflegt. J’On ist kein mutiges Kerlchen, das über sich hinauswächst, sondern ein unglücklicher Tropf, dem der Beischlaf mit seiner Angebeteten auch dann nicht vergönnt ist, nachdem er mit einem tentakelarmigen Orakel selbigen vollziehen musste. Zudem ist das mit den göttlichen Kräften irgendwann auch nicht mehr als so sicher anzusehen. Doch bevor er sich überhaupt ernsthaft fragen kann, ob er sich seine Rolle als großer Befrieder nicht nur einbildet, scharen sich bereits Jünger um den Auserwählten.

Von Beginn an spielt van Hammes Geschichte mit dem Neuen Testament der Bibel, persifliert es, münzt es für sich um und lässt nebenbei Religionskritik anklingen. Sein J’On ist eine typische Erlöserfigur in der Tradition Jesu, dessen Aufstieg und Leidensweg er gewissermaßen nachstellt. Der Plot ist brillant ausgearbeitet und bietet neben einer großartigen Fantasywelt und toll gestalteten Schlachten auch leise, nachdenkliche Momente. Dass die Reise des kleinen Schninkel dabei mal mehr, mal weniger subtil eingebettet ist in eine abgewandelte Form christlicher Glaubensgrundlagen und jene damit über den Umweg einer frechen Interpretation schonungslos offenbar werden, macht die das Endprodukt umso reizvoller.

© Splitter-Verlag

© Splitter-Verlag

Damit ist van Hamme und Rosinski in der Tat ein  einmaliges Comicstück gelungen, das bis zum heutigen Tag experimentierfreudig und äußerst klug daherkommt. Aber auch wer den an manchen Stellen aufkommenden, beißenden Humor und die Religionssatire im Nebenspiel unbeeindruckt an sich vorbeiziehen lässt, wird in dem Band einen hervorragend gezeichneten Comic wiederfinden. Allein die ersten paar Seiten sind derart imposant bebildert, dass einen die Seiten direkt in ihren Bann ziehen. Rosinski liefert eine großartige Arbeit ab, die sanfte (nachträgliche) Kolorierung unterstützt den feinen Strich nicht nur, sondern erweckt die Welt von Daar mit all ihren befremdlichen Wesen auf faszinierende Weise zum Leben.

Ein zeitloser Klassiker in einer verdienten Gesamtausgabe

Die große Macht des kleinen Schninkel
Splitter-Verlag, 2015
Text: Jean van Hamme
Zeichnungen: Grzegorz Rosinski
Übersetzung: Sylvia Brecht, Martin Budde
192 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-012-6
Leseprobe

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Mit dem Abschicken dieses Formulars erklärst du dich mit unserer Datenschutzerklärung einverstanden.