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Cixin Liu – Die Versorgung der Menschheit

Gleiches Geld für alle – für manche eine gesellschaftliche Wunschvorstellung, für andere ein wirtschaftlicher Alptraum. In Die Versorgung der Menschheit verknüpft der chinesische Science-Fiction-Autor Cixin Liu gesellschaftliche Diskussionen mit technologischen Zukunftsträumen.

Alle Abbildungen © Splitter Verlag

Glattrohr ist der Künstler- bzw. Killername des hard-boiled Protagonisten, der seinen Lebensunterhalt als Auftragsmörder verdient. Glattrohr hat ein eiskaltes Gemüt, keinerlei familiäre Bindungen und eine spezielle Schusswaffe, die ihm seinen Namen verleiht. Sein wichtigster Arbeitgeber ist Bruder Sägezahn, dessen liebstes Folterwerkzeug … naja, man kann es sich schon denken.

Glattrohr wird von einem distinguierten Konsortium, aus 13 Magnaten bestehend, beauftragt, drei Morde zu begehen, die ihn stutzen lassen: keine Verbrecher, keine Politiker, keine Prominenten oder Industriellen stehen auf dieser Liste, sondern ein Obdachloser, eine Müllsammlerin und ein Künstler. Warum sollte man die töten? Aber professionelle Killer stellen keine überflüssigen Fragen, und so macht Glattrohr sich an die Arbeit.

Ein klangvolles Komitee empfängt Glattrohr – sind die Absichten der Finanzelite wirklich so altruistisch?

Wir Leser*innen müssen uns fragen, was es mit den Außerirdischen auf sich hat, die in dieser Welt ganz selbstverständlich am Himmel kreisen und auf den ersten Blick nichts mit Glattrohr und seinem Auftrag zu tun zu haben scheinen. Wenige Jahre zuvor erfuhren die Menschen, dass die Erde nur eine von mehreren menschlichen Kolonien ist. Und als die fernen Verwandten zu Besuch kommen, versetzen sie die Menschheit anfangs in Aufruhr, aber inzwischen haben sich alle an den Anblick der Raumschiffe gewöhnt.

Gigantische Raumschiffe kreisen über der Erde, und die Bevölkerung hat sich an diesen Anblick längst so sehr gewöhnt wie an Mikrowellenessen und Farbfernsehen.

Seltsam ist auch, dass die Finanzelite sehr großzügig mit Geld um sich wirft, mehr noch als Harry im Club schmeißen sie mit Millionen um sich und verschenken sie an die Ärmsten. Ist das die große Umverteilung, von der viele Sozialutopien immer geträumt haben? Natürlich steckt noch etwas anderes dahinter, und die drei Morde haben auch damit zu tun.

Die Kurzgeschichte wurde erstmals 2005 veröffentlicht und liegt seit Cixin Lius internationalem Durchbruch (Die drei Sonnen, 2017) auch auf Deutsch vor. In der 2019 veröffentlichten Kurzgeschichtensammlung Die wandernde Erde ist auch Die Versorgung der Menschheit enthalten. Kurz ist die Geschichte allerdings kaum: Mehr als 70 Seiten nimmt die Story in dieser Heyne-Ausgabe ein. Bei Splitter erscheinen seit April 2021 diverse Kurzgeschichten des chinesischen Science-Fiction-Autors von verschiedenen Szenarist*innen und Zeichner*innen. Sieben der auf 16 Bände ausgelegten Reihe sind bisher erschienen, und die meisten davon (eigentlich alle) sind hervorragende Science-Fiction-Kost, vor allem Meer der Träume und Der Kreis.

Die Titel dieser Reihe sind sehr individuell, aber auch sehr gute Lektüre.

Auch dieser Band enttäuscht zunächst nicht. Mehr noch als die meisten anderen Bände spitzt die Story kapitalistische Prämissen zu und lässt die Menschheit in einer sozialen Sackgasse enden, weil der freie Markt letztlich auf dem einen Planeten zu einem absoluten Monopol, auf einem anderen Planeten zu Gewalt und Gier geführt hat. Auf dem fremden Planeten hat ein größenwahnsinniger, feingeistiger Unternehmer den ganzen Planeten ohne Gewalt und unter Einhaltung der marktwirtschaftlichen Spielregeln unter seine Kontrolle gebracht. Mit kühler, menschenfeindlicher Logik. Auf dem anderen Planeten, unserer Heimat, konkurrieren brutale Verbrechersyndikate um die Herrschaft über Menschen, Raum und Kapital. Auch die Killer sind voll und ganz der kapitalistischen Logik unterworfen, dienen Kunden und erledigen Aufträge, allerdings sind dem Protagonisten dieser Geschichte auch Werte vermittelt worden, die ihn von seinen Auftraggebern unterscheiden. Und Sägezahn ist nicht weniger gutmütig als das Komitee mit dem langen Namen.

Ich frage mich, wie sich in einem autarken Wirtschaftssystem mit gleichem Einkommen für alle die Preise entwickeln würden. Ob die inflationsfreundliche Strategie der Weltenlenker logisch ist, müssen Volkswirtschaftler beurteilen …  Spielt es, wenn alle gesellschaftlichen Unterschiede nivelliert werden, noch langfristig eine Rolle, wie hoch das Gehalt ist? Ein Blick in die literarische Vorlage klärt rasch auf, denn dort ist nicht vom „Einkommen“ die Rede, sondern vom Lebensstandard, und die Erläuterung des Wirtschaftssystems reicht etwas weiter als in Runbergs Szenario. Abgesehen von vielen Ähnlichkeiten (etwa die zahlreichen Rückblenden) sind die Unterschiede doch erheblich. Während Cixin Liu das Setting durch den Erzähler erläutern lässt, übergibt Runberg den Figuren das Wort. Grundsätzlich eine elegante Lösung, aber in diesem Fall ist es doch ein arg künstliches Vehikel, um den Leser*innen die Hintergründe zu erklären. Warum sollte ein Hotelpage ein Gespräch anzetteln und Glattrohr die (für Figuren dieser Welt) banalsten Tatsachen erzählen?

Der geschwätzige Page erzählt Glattrohr, wie der Hase läuft. Es ist aber doch etwas plump, und wir merken, dass die Unterhaltung doch eher ein pragmatisches Hilfsmittel ist, um uns rasch in das Setting einzuführen.

Auch das Ende von Original und Adaption sind grundverschieden. Das ist für vergleichende Überlegungen ganz spannend, aber die Kluft ist schon so groß, dass man Cixin Lius Geschichte erst kennt, wenn man auch die Story gelesen hat. So viel Freiheit darf eine Adaption sich natürlich nehmen, und das kann auch sehr reizvoll sein. Die Ereignisse auf dem fremden Planeten etwa haben Runberg und der Zeichner Miki Montlló (Warship Jolly Roger) viel ausführlicher dargestellt. In diesem Fall aber gewinnt das Original, auch wegen der tieferen Figurenschilderung, die im Comic der intensiveren Action weichen musste.

Gleicher Lohn für alle

7von10Cixin Liu – Die Versorgung der Menschheit
Verlag, Erscheinungsjahr: Splitter Verlag, 2023
Text und Zeichnungen: Sylvain Runberg, Miki Montlló
Übersetzung: Maximilian Schlegel
128 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-96792-071-0
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