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Mercury Heat 1

Menschen auf dem Mars sind ein alter Hut, aber auf dem Merkur? Kieron Gillen hat die Menschen dorthin geschickt, wo der Pfeffer wächst, wo kein Hahn mehr kräht, wo Fuchs und Hase nur „am Arsch die Räuber“ brüllen“ – willkommen bei Mercury Heat.

Alle Abbildungen © Dantes Verlag

Die Protagonistin Luiza Bora taugt leider nicht zur Polizistin. In der diffus zukünftigen Welt von Mercury Heat werden die Menschen in jungen Jahren psychologischen Einstufungstests unterzogen, die ihren weiteren Lebensweg bestimmen. Und wer sich in diesem Testverfahren als eine 57erin erweist, liegt anschließend schluchzend in den Kissen wie Luiza Bora. Als 57er werden Menschen klassifiziert, die nicht empathiefähig sind, und damit sind Luizas Karriereoptionen ratzfatz dramatisch reduziert. Immerhin genügt es noch für Jobs, die sonst niemand machen möchte.

In Gillens Zukunftswelt sind das vor allem Jobs auf dem Merkur, wo Luiza als Polizistin anheuert und prompt einen Todesfall untersuchen soll. Eigentlich wird von ihr erwartet, die Akte lediglich abzuzeichnen und den Verwaltungsvorgang damit sachgerecht abzuschließen, aber Luiza setzt sich gern über Vorschriften hinweg und untersucht den Fall tatsächlich. Die Leiche von Waldo Burgess wurde auf der Oberfläche des Planeten gefunden. Tot. Mausetot. „Nur’n paar Klumpen verkohltes Fleisch“, wie Luizas vertrottelter Sidekick Lucas Ansom es formuliert. Aber irgendetwas ist faul an der stinkenden Leiche, und Luiza lässt nicht locker.

Die zukünftige Welt von Mercury Heat trägt Züge einer ökologischen Dystopie: Weil der erdverbundenen Menschheit durch ihren anhaltend maßlosen Energieverbrauch langsam die Lichter auszugehen drohen, suchen sie neue Energiequellen dort, wo der Raubbau sie nicht allzusehr in ihrem Alltag belästigt. Globale Probleme brauchen natürlich interplanetare Lösungen, und so – think big! – müssen die Ressourcen des Merkur angezapft werden, um den Energiehunger der Menschen zu stillen. Die Windräder an der polnischen Ostsee, die wir in den wenigen Rückblenden sehen, deuten an, dass irdische Energiegewinnung ein wichtiges Thema ist, allerdings bieten die grünen Wiesen der Tellurier einen denkbar großen Kontrast zu den höllischen Lebensbedingungen auf dem Merkur. Dort ist es tagsüber zu heiß, um zu überleben. Nachts ist es zu kalt, um zu überleben. Hier Himmel, dort Hölle. Ob damit aber schon alles über diese Welt(en) gesagt ist, bleibt zunächst offen, denn die Erinnerungen der Menschen werden ständig manipuliert: Wer seinen Ex-Partner nicht nur aus dem Haushalt, sondern ganz und gar aus seinem Bewusstsein tilgen möchte, kann dies ganz einfach per Sprachbefehl tun.

Diese „Akkuschiffe“ sollen die auf dem Merkur gewonnene Energie speichern und zur Erde transportieren.

Die Menschen in dieser Welt (bzw. die Cyborgs, denn sie sind technisch allesamt modifiziert) haben offensichtlicherweise keine gute Entwicklung eingeschlagen. Gillen hat eine düstere Zukunft entworfen, in der alles dem Pragmatismus wirtschaftlicher Notwendigkeiten unterworfen zu sein scheint. Daraus hätte eine politische Groteske werden können, aber all dies bleibt meist im Hintergrund der rasanten Thrillerhandlung. Stück für Stück nur gibt Gillen etwas von dieser Welt preis, und während Luiza den Mord an Burgess ermittelt, werden wir Leser*innen zu Ermittlern in einem parallelen und viel größeren Kriminalfall: Wie konnte die Welt nur so vor die Hunde gehen?

Bei Gillen macht diese trübe Zukunft jede Menge Spaß: Die Dialoge sind ungemein amüsant, scheuen auch nicht vor manchem Kalauer zurück, und die visuelle Übertreibungsästhetik der Gewaltszenen wirkt weniger brutal als vielmehr ungemein lustig, wenn die Gedärme wieder wie Konfetti durch die Panels fliegen. „Hypergewalttätige Hardcoreaction“ nennt Lucas Ansom das, und er hat Recht.

Wie in Gillens lesenswertem Modded (Dantes, 2020) ist die Übertreibung Teil des Programms, und Omar Francia, Zeichner der ersten drei Kapitel, setzt dies auch wunderschön um: Wenn Luiza den Kopf eines Widersachers mit den Knien zerdrückt, bis sein Kopf zerplatzt, ist das so blutreich absurd, dass das Abscheuliche ins Urkomische umschlägt. Die Zeichnungen von Nahuel Lopez hingegen (Kapitel 4 bis 6) unterscheiden sich davon deutlich. Aus leblosen Augen starren die Fratzen einander an, der Mund steht dann offen, wenn sie erschrocken dreinblicken sollen, nur das Blut fließt weiterhin zuverlässig. Das ist ein wenig bedauerlich, zumal Lopez die Serie bis zu ihrem Ende begleitet hat.

Omar Francia, der Zeichner der ersten drei Kapitel, legt Wert auf Schatten: Und Luiza ist auch keine strahlende Heldin, sondern durchaus ambivalent. Ihre dunkle Seite ist hier von kühlen Blauflächen durchsetzt, ganz ihrer Gefühlskälte entsprechend.

Nachdem Luiza den Mordfall zum Ende des ersten Bandes aufgeklärt hat, zeichnet sich ein viel größeres Verbrechen dahinter ab. Der zweite Band (mit den Kapiteln 7 bis 12) erscheint im April 2023. Damit ist die zwischen 2015 und 2017 bei Avatar Press publizierte Serie abgeschlossen.

Hypergewaltige Hardcoreaction

7von10Mercury Heat 1
Dantes Verlag, 2022
Text und Zeichnungen: Kieron Gillen, Omar Francia, Nahuel Lopez
Übersetzung: Jens. R. Nielsen
180 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-946952-82-4
Leseprobe

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