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Währenddessen… (KW 7)

Christian findet Robert McGregors Indiana Jones-Bücher überraschend lesenswert. Aber davor erzählt uns Niklas von einem ziemlich harten Rollenspiel.

Niklas: Ich habe ambivalente Gefühle, was Age of Decadence, das erste Spiel von Iron Tower Studio angeht. Einerseits war ich froh, dass es 2015, nach zehn Jahren Entwicklung, endlich erschien. Andererseits brauchte ich fast genauso lange, um es wirklich zu genießen.

 Es liegt nicht an der Grafik. Die sah schon zu Beginn der Entwicklung (2004) älter aus, als das zwei Jahre zuvor erschienene Neverwinter Nights 1.

 Es ist auch nicht das Kampfsystem. Damit habe ich mich tatsächlich nur einmal vertieft beschäftigt und fand es sogar unterhaltsam. In rundenbasierten Kämpfen kann ich mich einer Vielzahl von Waffen bedienen, vom Dolch bis hin zum Dreizack oder dem Wurfnetz eines Gladiators. Außerdem darf ich auswählen, ob ich lieber mehrere, schnelle Hiebe, gezielte Angriff auf Körperteile oder mit wuchtigen Attacken den Feind erschlage. Mit der richtigen Figur kann ich mich alleine durch Horden von Gegnern metzeln. Das muss ich allerdings auch, da mir das Spiel keine Begleiter zur Verfügung stellt. Wer kämpft, muss sich also ganz dem Pfad des Kriegers verschreiben.

 Aber auch als Diplomat kann man in Age of Decadence Erfolg haben. Tatsächlich finde ich das viel belohnender, da man mit den Anführern der vielen Fraktionen des Spiels viele, lange und tiefe Dialoge führt, die das Schicksal eines postapokalyptischen Imperiums entscheiden. Im Kern ist Age of Decadence eine Geschichte über den ewigen Kampf um Macht und wie die Welt, selbst Jahrzehnte später, unter den Entscheidungen der gleichen Machthaber leidet, die das Imperium zerstörten. Auf den ersten Blick sind die Anführer aller Fraktionen (darunter Adelige, Diebe, Assassinen, Händler und die letzte Legion des Reiches) nur ein Haufen Opportunisten, die sich selbst der Nächste sind. Auf den zweiten Blick bleiben sie es, aber vielleicht sind sie das kleinere Übel gegenüber dem Bösen, das in finsteren Katakomben schläft. Auf jeden Fall sind sie harmlos im Vergleich zu dem, was mich das Spiel alles tun lässt.

Die Age of Decadence-Welt ist gefüllt mit tollem Hintergrundmaterial, das mir nach und nach die Hintergründe der Apokalypse erzählt, verpackt in eine Welt, die die römische Antike mit Hochtechnologie vermischt. Das Spiel hätte das Potential, ein zeitloser Klassiker zu sein. Leider macht es das damit kaputt, indem es mit Erfahrungspunkten knausert und Proben bezüglich der Attribute und dem Können meines Charakters sehr hoch ansetzt. Selbst in der ersten Siedlung kann ich manche Situationen nicht lösen, wenn ich nicht schon zu Beginn den dementsprechenden Charakter für genau diese Situation gebaut habe. Ich muss also erst einmal in diese Sackgasse rennen, neu laden und es woanders versuchen oder das Spiel von vorne beginnen und hoffen, dass ich mit dem nächsten Charakter mehr Erfolg habe. Anstatt frei zu erforschen und zu probieren, habe ich also gefälligst so zu spielen, wie es das Spiel will. Man könnte es ja mit Begleitern ausgleichen, aber wie gesagt, die gibt es nicht. So habe ich Jahre gebraucht, bis ich endlich einen Charakter baute, der genau zu meinem Spielstil passte und mich die Welt erkunden ließ, dass es mir Spaß machte.

 Colony Ship, Iron Tower Studios drittes Werk, ist in diesem Fall das bessere Spiel, das ich auch immer wieder installiere und das mir mechanisch weiterhin Freude bereitet. Aber Age of Decadences Welt wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Vielleicht werde ich es bald noch einmal durchspielen. Inzwischen dauert das nur zwei Stunden, da ich es trotz allem Gemeckers über den Schwierigkeitsgrad mindestens sechs Mal durchgespielt habe. Wie gesagt, meine Gefühle zu diesem Spiel sind halt etwas kompliziert.

[Christian schmunzelt: früher waren die Rollenspiele doch alle so hart. Auch deswegen klingt Age of Decadence wirklich interessant für ihn und er bedankt sich für die Empfehlung.]

Trailer: The Age of Decadence bei Steam

Christian: „Indy, oh Indy, the sky is so windy.“ Jetzt habe ich mich doch tatsächlich in die Untiefen der Indiana Jones-Romane verirrt und Rob MacGregors Indiana Jones und das Orakel von Delphi von 1991 gelesen. Ich war angenehm überrascht. Indiana Jones ist am Anfang der Story noch College-Student, wir lernen ihn kennen, als er mit seinem Kumpel Shannon die Abschlussfeier seines College sabotiert. Der Präsident der Universität hat ihn das Jahr zuvor mit aufgeblasenem Getue um die Gründerväter arg genervt, deswegen hängen die beiden Studenten in der Nacht lebensgroße Gründerväter-Figuren an Laternenpfählen auf, um darauf hinzuweisen, dass die Geschichte mit der Unabhängigkeit auch ganz anders hätte kommen können – und Gott hat damit auch nichts zu tun.

Eine sehr ungewöhnliche Gefahrenlage für eine Indiana Jones-Geschichte ergibt sich aus diesem Streich, denn natürlich fliegt er als Urheber schnell auf:

„Ich…äh…“ Indy räusperte sich und versuchte seine Nervosität zu überwinden. „Ich versuche überhaupt nicht, irgendwie ungestraft davonzukommen. Meine Arbeit befasst sich mit der hauchdünnen Grenze zwischen Volkshelden und widerwärtigen Verrätern. Wenn die Briten gewonnen hätten – „

„Aber die Briten haben nicht gewonnen, Mr. Jones“, unterbrach ihn der Vorstand des historischen Instituts. „Und als sie diese scheußlichen Schaufensterpuppen, verkleidet als unsere nationalen Helden, die Väter und Gründer unserer Nation, an Laternen aufgehängt haben, haben Sie wie ein Hochverräter gehandelt. Und genauso sehen es die meisten Leute.“

Ach du Scheiße! Hochverrat also! Aber ist es nicht herrlich, wie Rob MacGregor hier amerikanische Befindlichkeiten aufs Korn nimmt? Und dann wagt ein von Jones stets bewunderter, inspirierender Dozent den Eiertanz und nimmt einerseits die Seite der Universitätsleitung ein, mildert aber die Strafe ab, so dass Jones keine allzu empfindliche Strafe erhält, sondern sich lediglich öffentlich entschuldigen muss. Jones aber versteht gar nicht, wie viel Glück er hatte und fühlt sich von seinem Vorbild verraten. Stur und wütend stapft er davon und man sieht sofort Harrison Ford, wie er in der letzten Szene von Jäger des verlorenen Schatzes erbost das Regierungsgebäude verlässt und auf „die dämlichen Bürokraten“ schimpft. Rob MacGregor bringt neue Aspekte in die Dr. Jones-Welt und trifft den Ton des Charakters doch ziemlich exakt.

Danach studiert Jones erst mal Linguistik, bevor er einer attraktiven Archäologie-Dozentin verfällt und mit ihr als studentische Hilfskraft nach Griechenland fliegt, um das Orakel von Delphi zu untersuchen. Er kann ja nicht ahnen, dass die Dozentin, auf die Jones ganz schön scharf ist, sich für die wiedergeborene Pythia hält und in einen Plot verstrickt ist, der unter anderem den Umsturz in Griechenland zum Ziel hat, ebenso das Wiederauflebenlassen alter Riten. Der junge, noch nicht fertige Dr. Jones ist dabei erstaunlich tapsig, wird im Verlauf der Story aber zunehmend souverän und vollbringt zuletzt dann sogar schon das ein oder andere Kunststück mit der Peitsche. Keine Sorge, angemessen mystisch geht es im zunehmenden Verlauf der Story auch zu, dennoch mit einer wohltuenden Bodenständigkeit.

Als RobMcGregor diesen Roman schrieb, gab es die Young Indy-Fernsehserie noch nicht. In meinen Augen bietet der Roman die stimmigere Herkunftsgeschichte. Im Gegensatz zur letzten Kino-Scheußlichkeit Dial of Destiny (nach 60 Minuten ausgemacht) werde ich Orakel von Delphi in guter Erinnerung behalten und vielleicht demnächst sogar eine der Fortsetzungen in die Hand nehmen.

 

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