Der primitive Mensch erklärte sich die unheimliche Welt mit Mythologie und magischem Denken. Nach und nach aber erwarb die Menschheit die Mittel, sich die Welt rational zu erklären und erklärte das Magische zum Aberglauben.

Der Zweifler vor dem Wanken. Alle Abbildungen © Sebastian Dietz
Sebastian Dietz, dem wir bereits die ausgefuchste Lovecraft-Aneignung Yuggoth Rising verdanken, hat in diesem Spannungsfeld seine neue Indie-Serie Die Selene Society angelegt. Die Story spielt um 1890 herum und sie erzählt von einer Zeit, in der die Wissenschaft keine Zweifel mehr zulassen will, alles muss rational erklärbar sein. Und doch lauert in den Schatten stets das Unerklärliche – und je mehr es zurückgedrängt wird, desto mächtiger wird es hervorbrechen. Es beginnt damit, dass der Wissenschaftler und Mythenforscher Dr. Sinclair von seinem Widersacher Montcalfe zu einer Besprechung eingeladen wird. Der reagiert ungläubig, denn Montcalfe ist seit Kurzem verstorben.
Nach und nach entfaltet sich eine groß angelegte Geschichte, in der wir sowohl erfahren, wie es Montcalfe mit Hilfe von Hypnose gelang, seinen Geist vom Körper zu trennen, als auch, warum Sinclair sich so sehr dem Rationalen verschrieben hat. Wir lernen ein halb indisch, halb britisches Mädchen kennen, das in die Zukunft sehen kann und inzwischen in einer Irrenanstalt dahindämmert. Und wir treffen eine Gruppe Anarchisten, die den Lauf der Geschichte ebenso umdeuten will wie die Selene Society. Viele spannende Ideen also, oft garniert mit einer gewissen Relevanz, die sich nie aufdrängt und trotzdem den Reiz der Story verstärkt. Den bisher gepflegten Bezug auf Lovecraft hat Dietz in dieser Geschichte nach eigener Aussage hinter sich gelassen, von Erzählweise und Grundstimmung her ist die Nähe zu Yuggoth Rising dennoch unverkennbar. Die Lovecraft-Society dürfte nach wie vor Spuren des Lovecraftischen erkennen.

Hypnose/Ein Aufstand in Indien.
Auch darstellerisch ist alles beim Alten. Dietz‘ Figuren wirken auf den ersten Blick steif, Arme und Hände oft etwas zu klein geraten, dennoch gelingt es dem Künstler an jeder Stelle, Stimmungslagen und Aktionen (auch Action) perfekt in Szene zu setzen. Seine Zeichnungen sind hochdiszipliniert, die Striche akkurat, die Perspektiven oft außergewöhnlich, sodass auf grafischer Seite zu keiner Zeit Langeweile herrscht. Die Behäbigkeit der Figuren unterstreicht dabei noch die okkulte Stimmung, wie man sie von Geschichten über Geheimgesellschaften des 19. Jahrhunderts erwartet. Man sah eine ähnliche Darstellung von Langsamkeit auch in Alan Moores Providence. Im Gegensatz zu Providence ist die Langsamkeit jedoch weniger zermürbend, das Artwork zwar stilisierter, aber weniger steril. Und Sebastian Dietz‘ Erzählung ist wendungsreich und hat Tempo.
Wenngleich die Figuren Anteile von naiver Malerei in sich tragen, erinnert die Puppenhaftigkeit ihres Aussehens auch an Arbeiten von Richard Corben. Der Darstellung von Gebäuden und Landschaften hingegen wohnt stets ein Hauch von Bryan Talbot inne. Das Wichtigste aber ist, dass Sebastian Dietz mit seinen Mitteln eine Geschichte aufreißt, die nicht nur spannend ist, sondern die Phantasie beflügelt, wobei auch die non-lineare, oft elliptische Erzählweise ihren Anteil hat. Ich würde das als große erzählerische Kunst bezeichnen. Die Art und Weise, wie Dietz seine Seiten strukturiert, manchmal Einzelszenen über viel Panels in kleinste Schritte aufteilt, dann wieder den breiten epischen Wurf mit Bildfolgen ohne direkten Zusammenhang sucht, zeigen, wie sehr er das bildliche Erzählen durchdrungen hat.

Bilder aus glücklichen Tagen.
Die Selene Society wandelt abseits von ausgetretenen Pfaden, ist erzählerisch komplex und hervorragend komponiert. Auch das strenge Schwarzweiß macht Freude, bietet es doch einen ästhetischen Gegenentwurf zum computerkolorierten Einerlei, das man sonst so häufig zu sehen bekommt. Und wenn Sebastian Dietz doch mal zum Farbstift greift – er macht das viermal, wenn er mit Farbtafeln die Kapitel voneinander abtrennt – erweist er sich auch noch als hervorragender Kolorist. Nicht nur erzählerisch, auch vom Artwork her verdient Die Selene Society unsere Aufmerksamkeit.
Atmosphärisch dichte Mysteryserie mit unendlich viel Potenzial
Über PPM kann der Band in alle Comicläden geliefert werden.
Die Selene SocietyBESTIEunlmt, 2026
Text und Zeichnungen: Sebastian Dietz
116 Seiten, schwarz-weiß und Farbe, Softcover
Preis: 16,80 Euro
ISBN: 978-3033121324



