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Historische Persönlichkeiten: Kennedy

Ein amerikanischer Präsident, geschickt im Umgang mit den Medien, ohne Scheu, mit seinen Poisitionen auch einmal anzuecken: Diese Comic-Biografie von Sylvain Runberg und Damour widmet sich John Fitzgerald Kennedy.

Alle Abbildungen © Splitter Verlag

Während das Weiße Haus sich gerade als Ort schwarzer Seelen entpuppt, blickt diese Comic-Biografie in die Jahre zurück, als fast die ganze Welt bewundernd gen Westen blickte und ein politisches Talent bestaunte, das nach seinem Tod noch mehr verklärt wurde als schon zu Lebzeiten. John F. Kennedy war bei Amtsantritt mit seinen 43 Jahren ein sehr junger Präsident, erheblich jünger als seine Vorgänger Eisenhower und Truman, und jugendlicher im Habitus als sein republikanischer Konkurrent Richard Nixon, der die Wahl nach Wahlmännern deutlich verlor, in der Gesamtzahl der Stimmen aber so knapp unterlag wie kein amerikanischer Gegenkandidat im 20. Jahrhundert.

Kennedy entstammt einer wohlhabenden und politisch ambitionierten Familie mit einem Vater, der US-Botschafter in London war, sowie einem Bruder, dessen politische Karriere nur durch ein Attentat 1968 beendet werden konnte, ebenso wie John F. Kennedys Leben fünf Jahre zuvor. Kennedy setzte sich gegen andere demokratische Präsidentschaftskandidaten wie Lyndon B. Johnson durch, und traf, gut beraten von seinem Bruder Robert „Bobby“ Kennedy, kluge Entscheidungen, die ihm halfen, sich gegen den Republikaner Nixon durchzusetzen. In die Wahlkampfgeschichte gingen die TV-Duelle ein, in denen die beiden Kandidaten erstmals live im Fernsehen gegeneinander antraten und ihre Argumente austauschten (hier ist das erste Duell zu sehen).

Der frisch aus dem Krankenhaus entlassene Nixon sah etwas blass aus im Vergleich mit Kennedy, und schwitzte stark. Runberg und Damour machen darauf aber keine Übertreibung und stilisieren das Duell nicht etwa zum wahlentscheidenden Moment – der französische Historiker André Kaspi hat sie in dieser Hinsicht gut beraten.

Auf dem Cover sehen wir JFK hinter einem Pult während seiner berühmten Rede vor dem Schöneberger Rathaus am 26. Juni 1963: „All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‚Ich bin ein Berliner‘.“ Das Mikrofon war Kennedys schärfstes Schwert, und deshalb ist es auch sinnhaft, dieses ikonische Bild für das Cover auszuwählen, im Gegensatz zu den Schlachtenbildern, die auf manchen der anderen Bände dieser Reihe zu sehen sind. Wie die Welt sich verändert hat, zeigt ein anderes Zitat, nicht von Kennedy: „Grab ‚em by the pussy.“

Splitter hat sich schon seit ein paar Jahren neben dem Fantasy- und Science-Fiction-Schwerpunkt zunehmend auch auf Comic-Biografien konzentriert. Diese neue Albenserie „Historische Persönlichkeiten“ von verschiedenen Künstler:innen hat bislang Napoleon, Caesar, Kennedy und Lenin porträtiert. Es handelt sich um eine Auswahl von Alben, die seit 2014 bei Glenat erscheinen. Diese historiografische Serie widmet sich in einzelnen Bänden (von wenigen Fällen abgesehen) berühmten Gestalten der politischen Geschichte. Die Auswahl, die Splitter aus den mehreren Dutzend Alben getroffen hat, beschränkt sich auf die ganz Großen: Napoleon, Caesar, Lenin, Stalin, Churchill, Dschingis Khan, Ludwig XIV. und eben Kennedy. Eine abenteuerliche und nicht durchweg schmeichelhafte Nachbarschaft.

Kennedy ist ein beliebter Comic-Stoff, vor allem weil das Attentat auf ihn am 22. November 1963 so manche Frage offen gelassen hat. Während einer Wahlkampf-Autokolonne in Dallas wurde Kennedy von Lee Harvey Oswald erschossen – die Frage, ob es neben oder statt Oswald andere Täter gab, hat über Jahrzehnte Hobbydetektive, Verschwörungsfreunde und True-Crime-Fans beschäftigt. Kein Wunder, dass dies nicht nur zu Filmen (JFK, 1991, Regie: Oliver Stone) und Romanen (Libra, 1988, Don Delillo) inspirierte, sondern auch in Comics aufgegriffen wurde, so etwa am Rande in Alan Moores Watchmen oder Matt Kindts Mind MGMT. In Tag X: Wer ermordete den Präsidenten? von Fred Duval und Colin Wilson steht das Attentat sogar im Zentrum der Geschichte – der Comic gehört aber nicht unbedingt zur Kennedy-Pflichtlektüre.

Martin Luther King wurde 1968 ermordet.

Im Gegensatz dazu beschäftigt Runbergs Kennedy sich nur ganz nebenbei mit dem Attentat (und verzichtet auf peinliche Theorien), sondern stellt Kennedys Leben und Präsidentschaft in den Fokus, die Kubakrise und die Bürgerrechtsbewegung etwa.

Runberg hat eine erzählerische Entscheidung getroffen, die den Comic sehr stark prägt und auch einen individuellen Fokus auf ausgewählte Ereignisse plausibel macht. Die Präsidentschaft ist Gegenstand der Binnenerzählung, und als Rahmenerzähler fungiert Bobby Kennedy, der in einem Interview von seinem Bruder berichtet. Dadurch erhalten wir aber keinen intimen Einblick in sein Leben (und Sterben), sondern nur die Version durch den Filter seines Bruders. Das ist ungemein sinnvoll bei der Attentatssequenz, die auf wilde Spekulationen verzichtet, aber nimmt insgesamt viel Platz ein.

Wir sehen das Gewehr, mit dem Kennedy nachweislich erschossen wurde, aber wir sehen weder den Hintergrund des Schulbuchgebäudes, noch erahnen wir die Identität des Schützen. So verzichtet der Comic darauf, sich auf eine der konkurrierenden Attentatserzählungen festzulegen. Das ist sehr common sense, aber ein Bekenntnis zu der von seriösen Historikern bevorzugten Oswald-Version wäre wohl redlicher gewesen. 

Der Comic enthüllt also keine Geheimnisse (auch nicht über Marilyn Monroe). Der Blick durch die Brille seines Bruders hätte womöglich auch manchen Konflikt offenbaren können, die Konkurrenz zwischen den beiden unterschiedlichen Brüdern, aber diese Karte spielt Runberg nicht, sondern bleibt an der Oberfläche der Faktengeschichte. Oberflächlich sieht auch das Setting der Rahmenhandlung aus. Wir sehen die Interviewpartner an einem Pool, in dem sich junge Menschen amüsieren und einander präsentieren. Diese künstliche Situation entspricht auch dem Status Kennedys, der durch seinen frühen Tod zu einer Pop-Ikone verklärt wurde. Wer sich von diesem Comic versprochen hat, dass an dem Kennedy-Denkmal, das er sich zeitlebens selbst gesetzt hat, gekratzt werden würde, wird enttäuscht werden.

Auch unter schönen Oberflächen sind Abgründe zu vermuten.

So begrüßenswert die Zurückhaltung dieses Comics angesichts des sensiblen Themas ist (gerade im Vergleich zu Duvals Kennedy-Comic), so hat dieser erzählerische Entscheidung auch etwas Mutloses und Blasses, bietet schlussendlich nicht mehr als eine Einführung, die auch ein Wikipedia-Artikel leisten kann, wobei dem Medium die visuelle Kraft von Kennedys Stil entgegenkommt: Seine kurze Amtszeit hat diverse Bilder hervorgebracht, die ihn bei Weitem überlebt haben. Dass Damour zeichnerisch keine besonderen Ideen gekommen sind und seine stereotypen Gesichter schnell ermüden, könnte man da beinahe übersehen.

Diese Biografie bietet solides Edutainment, nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Solides Edutainment

6von10Historische Persönlichkeiten: Kennedy
Spltter Verlag, 2025
Text: Sylvain Runberg und André Kaspi
Zeichnungen: Damour
Übersetzung: Harald Sachse
56 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 17,00 Euro
ISBN: 978-3-98721-484-4
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