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Wie zerknülltes Papier

Wer beim Anblick der gefesselten Person auf dem Cover, die unheilvoll im Schatten eines uns den Rücken zuwendenden Mannes sitzt, eine harte Kriminalgeschichte erwartet, wird enttäuscht werden. Oder positiv überrascht. Je nachdem, mit welcher Prämisse man zum Comic Wie zerknülltes Papier des spanischen Newcomers Nadar (i.e. Pepe Domingo) greift. Der Band ist die erste längere Erzählung des Künstlers und wurde in seinem Heimatland bereits mit dem Publikumspreis des Comic-Salon in Barcelona bedacht.

Alle Abbildungen: © Avant-Verlag

Alle Abbildungen: © Avant-Verlag

Um Kriminalität geht’s darin zwar auch, aber nur am Rande. Nadars Handlung lässt sich resümierend als Charakterstudie beschreiben. Und sie kreist unentwegt um die Themen Schuld und Verantwortung. Von Beginn an fährt Wie zerknülltes Papier zweigleisig und verfolgt parallele Erzählstränge. Da wäre zum einen die Geschichte des 16-jährigen Javi, der sich um seine alleinerziehende Mutter sorgt, die Schule hingeschmissen hat und sich als Rowdy und Kleinkrimineller bezahlen lässt, um andere zu erpressen, zu verprügeln oder sonstwie einzuschüchtern. Auf der anderen Seite gibt es Jorge, der neu in der Stadt ist, im Hotel übernachtet und einen Job in einer Schreinerei antritt.

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Die Übergänge zwischen diesen beiden Ebenen sind fließend und doch weiß man als Leser fast bis zum Schluss nicht, was der aufsässige Jugendliche und der traurig wirkende Mann, der offenkundig mit seiner Vergangenheit zu kämpfen hat, miteinander zu tun haben. Nadar macht das clever, weil er auf eine Auflösung hinarbeitet und dabei konsequent über ein paar hundert Seiten die Spannung aufbaut. Außerdem nimmt er sich Zeit, um seine beiden zentralen Figuren als vielschichtige Wesen und innerhalb eines für den Leser nachvollziehbaren Umfelds zu charakterisieren. Denn obwohl die Plotkomponenten sich oberflächlich nur zum Ende hin wirklich kreuzen, so gibt es dennoch strukturelle Verbindungen bzw. Ähnlichkeiten zwischen diesen. Javis Leben ist spürbar ab einem gewissen Zeitpunkt aus dem Gleichgewicht geraten, die Familie funktioniert nicht mehr, das eigene Schicksal ist ungewiss. All dies trifft in gewisser Weise auch auf Jorge zu, der aufgrund seines Alters zwar in anderen Umständen als Javi lebt, aber ähnlich dysfunktional agiert. Es fällt ihm schwer, sich mit seinen neuen Arbeitskollegen anzufreunden. Ebenso schwierig ist die Beziehung zur Hotelbesitzerin, deren Nähe er kaum zulassen kann. Auch Jorge ist also eine verlorene Seele, der Halt fehlt und die nach einer Adjustierung ihrer Existenz strebt.

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Wie zerknülltes Papier hat trotz seines Umfangs kaum langweilige oder zähe Momente aufzuweisen. Lediglich im ersten Drittel, als noch völlig unklar ist, was im Leben Javis und Jorges vor sich geht, fällt es nicht immer leicht, dem Erzählfluss zu folgen. Im weiteren Verlauf, wenn man sich auf die Parallelstuktur des Comics eingelassen hat und die Übergänge deutlicher werden, macht das Lesen dann auch mehr Spaß. Nadar hat mit seinem Debüt ein äußerst interessantes Werk geschaffen, das ambitioniert wirkt und einen bei der Stange zu halten weiß. In diesem Sinne überzeugen auch die schwarz-weißen Zeichnungen des Spaniers. Sein Stil ist nicht spektakulär, er transportiert aber die Emotionen der agierenden Personen sehr gut. Insofern profitiert der Comic von einer grafischen Reduziertheit und einer farblichen Monotonie, die dem melancholischen, fast besinnlichen Grundsetting gut zu Gesicht steht.

Starke Charakterstudie, verpackt als mutige Parallelerzählung; Nadar zeigt, dass er großes Talent besitzt

Wie zerknülltes Papier8von10
Avant-Verlag, 2015
Text/Zeichnungen: Nadar
Übersetzung: André Höchemer
400 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 24,95 Euro
ISBN: 978-3-945034-30-9
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