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Buffalo Runner

Den meisten dürfte der Name Tiburce Oger von dessen Fantasy-Saga Gorn ein Begriff sein. Nachdem er zuletzt für Patrick Prugne Canoe Bay und Die Herberge am Ende der Welt textete, kehrt der Franzose mit seinem neuen Werk an den Zeichentisch zurück. Der Comic Buffalo Runner komprimiert die Geschichte der Eroberung des Westens in die spannende Erzählung eines alten Mannes.

Alle Bilder: © Splitter-Verlag

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Dabei wirkt Edmund Fisher, die zentrale Figur in Ogers Plot, zunächst wie ein klassischer Cowboyheld: Es ist das Jahr 1896 und Fisher kreuzt den Weg einer Familie, die per Kutsche im südlichsten Texas unterwegs ist und dabei von einer Bande aus Indianern und Mexikanern überfallen wird. Einige der Ganoven kann Fisher liquidieren, doch nur die Tochter überlebt den Vorfall. Zusammen mit dieser verschanzt er sich in einer Hütte und bereitet sich die Nacht über auf die nächste Angriffswelle vor.

Dieses bedrohliche Szenario ist eigentlich nur der Auftakt zum Kern des Comics, in welchem Fishers Leben anhand von Rückblenden nachvollzogen wird. Und das war ein durchaus bewegtes. Als Sohn deutscher Immigranten wurde er früh von einem Indianerstamm entführt. Später arbeitete er auf der Ranch eines reichen Franzosen, kämpfte als Soldat im Sezessionskrieg und wurde schließlich Bisonjäger.

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Tiburce Ogers Intention war es hierbei, exemplarisch die ungeschönte Seite der Besiedlung des amerikanischen Kontinentes zu zeigen, jenseits aller Western-Romantik. Denn in Wahrheit, so die Schlussfolgerung des Autors und Zeichners, kamen damals aus Europa bevorzugt die Armen und Hoffnungslosen, die Verbrecher und moralisch Kaputten, die zwangsweise in der neuen Welt Zuflucht suchten und gemeinsam das Fundament für ein neues Land gründen sollten. Dabei war offensichtlich weder das Abschlachten der Ureinwohner noch das Ausrotten des Bisons glamourös. Die Figur des Edmund Fisher steht für all das, ihn hier als beispielhaftes Muster zu instrumentalisieren, um der Zeitgeschichte ein Gesicht zu geben, ist beim Lesen nachvollziehbar. Zudem ist Fisher eine spürbar ambivalente Figur, die einerseits aus edlen Motiven heraus agiert, andererseits selbst viel auf dem Kerbholz hat. Das Comicalbum versucht hochgradig authentisch zu sein, was Oger sicherlich viel Recherchearbeit gekostet hat. Das fängt mit der Waffenausstattung an und zieht sich hin bis zur sinnvollen Einbindung Theodore Roosevelts. Die Liebe zum Detail fällt auf und macht beim Lesen Spaß.

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Aber mehr noch als die packende, ungeschönte Story des Zweiteilers (beide Originalalben befinden sich in dem deutschen Komplettband) sorgte bei mir die Grafik des Comics für Begeisterung. Tiburce Oger setzt hier seinen gewohnten Zeichenstil ein, d.h. die aquarellige Kolorierung ist mit weißen Akzenten versehen, die die Bilder in gewisser Weise aufhellen und gleichzeitig für Konturen und Tiefe sorgen. So wird jedes Panel zum prächtigen Kunstwerk. Es gibt zwar viele Künstler, die mit ähnlichen Techniken arbeiten, aber nur wenige davon besitzen eine so unverkennbare Handschrift und trauen sich solche Farbkontraste zu. Im Anhang des Albums ist als Bonus auch noch ein aufschlussreiches Interview mit dem Künstler abgedruckt, der darin mehr zu Entstehung und Intention von Buffalo Runner verrät.

Ein Western, der aus der Reihe fällt; hier wird ein Mythos neu verhandelt und optisch beeindruckend geradegerückt

Buffalo Runner
Splitter-Verlag, 2015
Text/Zeichnungen: Tiburce Oger
Übersetzung: Harald Sachse
88 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 18,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-224-3
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