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Batman – Der weiße Ritter

Man sollte nicht immer in Superlativen schwelgen, aber der dieser Batman von Sean Murphy ist nun einmal der beste seit Jahren.

Alle Abbildungen: © Panini Comics

Batman setzt seinen Ruf aufs Spiel, als er den Joker unter Einsatz erheblichen Aufwands (zerstörte Hausdächer, schmerzklagende Polizisten, verstörte Passanten etc.) arrestiert und den Erzschurken als Höhepunkt seiner Verfolgungsorgie vor laufender Kamera quält, indem er dem hilflos am Boden liegenden Joker unbekannte Medikamente einflößt. Ein Smartphone mit Videofunktion ist nicht weit, und so gehen diese Bilder um die Welt, zumindest die Welt von Gotham City. Entsetzen macht sich breit: Hat Batman diesmal nicht doch übertrieben? Umso dramatischer, dass die Pillen den Irren offenbar von seinem Wahnsinn heilen und den Joker in Jack Napier zurückwandeln.

Während der Joker, sorry: Jack Napier, im Verhörzimmer der Polizeistation von Commissioner James Gordon befragt wird, legt er zugleich im Laufe des Gesprächs seine Täterrolle als psychopathischer Verbrecher und, dezent ins Bild gesetzt, seine Handschellen ab. Indem er sich gleich in mehrfacher Sicht von seinen Fesseln befreit, zwingt er Gordon dazu, sich von Batman, dessen maßlose Gewaltanwendung nun offen zutage tritt, zu distanzieren: „Batman ist keiner von uns.“ Und so erklärt Jack Napier, dass er aus Liebe zu Gotham handele, als Gegenpart zum Dark Knight: Er sei der weiße Ritter.

Rasch erhalten beide eine psychologische origin story: Batman trauert über den im Sterben liegenden Alfred, während der Joker sein berufliches Scheitern als erfolgloser Komiker nicht verkraften kann. Inmitten seines Batman-Memorabilia-Messi-Haushalts sitzt der liebeskranke Jack Napier und analysiert seine Beziehung zum Dunklen Ritter: „Du hast mich gehasst, und ich liebte dich.“ Es entwickelt sich eine komplexe Dreiecksbeziehung um den Joker, Batman und Harly Quinn, und unter Einbeziehung der widerstreitenden Doppelidentitäten erwächst daraus eine Story, deren Ablehnungs- und Zuneigungsbeziehungen einigermaßen anspruchsvoll sind – eine Sechseckbeziehung, die Papier und Stift erfordert.

Napier avanciert zu einer politischen Instanz mit einer klaren Agenda: Batman muss weg! Mit der Attitüde eines Anti-Politikers (ohne Programm, aber mit Feindbild) kandidiert er für das Amt des Gemeindesprechers von Backport: „Was wir hier erleben, ist der Beginn einer Bewegung – einer Revolution gegen die Eliten von Gotham!“ Durch seine Popularität und mit Unterstützung einer Medienkampagne überzeugt er die Polizei mitsamt der Öffentlichkeit davon, dass Batman kein Ritter ist, auch nicht ein dunkler. Zur gleichen Zeit erkennt Bruce Wayne, dass er als Batman auch zum Bestandteil einer groteskten Industrie geworden ist, die etwa mit von Batman zerstörten Immobilien Geld verdient hat. Es geht auch um politischen Populismus, Glaubwürdigkeit und die Verführbarkeit der Massen, wobei der Comic gar keinen klaren Blick hinter die Kulissen der Fassaden erlaubt: Wir sehen die Handlungen der Figuren, wohingegen uns manche Motive verborgen bleiben.

Der weiße Ritter ist aber mehr als eine einfache Umkehrung der moralischen Vorzeichen, weil alle Figuren, weiße wie dunkle Ritter, im Graubereich bleiben: Jack Napiers Absichten erweisen sich als nicht ganz so edel, wie er sie der Medienöffentlichkeit verkaufen möchte.

Ich habe Sean Murphy zum ersten Mal kennengelernt, als ich für einen Workshop Comics über Christus gesucht und dabei seinen Punk Rock Jesus (2013) über einen Christus-Klon in einer Mediendystopie gefunden habe. Seine kantigen Zeichnungen und die erzählerische Unabhängigkeit, seinem Gegenstand so viel Gegenwart einzuhauchen, haben mich schnell in den Bann gezogen. Das galt bedingt auch für Chrononauts (2015) und Tokyo Ghost (2016), wenngleich er in beiden Projekten ’nur‘ das Artwork übernahm und Mark Millar (Chrononauts) bzw. Rick Remender (Tokyo Ghost) das Szenario. Sean Murphy bestätigt mit BatmanDer weiße Ritter, bei dem er Story und Gestaltung verantwortet, dass sein Talent eben nicht nur im Zeichnen besteht, sondern auch im Geschichtenerzählen.

In Der weiße Ritter warten einige Überraschungen auf den Leser: Batman im Arkham Asylum (nicht als Besucher), Alfreds Abschiedsbrief, Batmans Ankündigung, seine Identität zu offenbaren (ob er es machen wird?), ein herrliches Verwirrspiel um Harley Quinn und die Aufklärung, was wirklich mit Jason Todd geschehen ist. Eine aufregende Karusselfahrt durch das Batman-Universum!

Mit dem Black-Label-Imprint, als dessen erste Veröffentlichung Der weiße Ritter erschienen ist (danach Damned), hat DC eine ausgesprochen düstere und komplexe Vision des Dark-Knight-Kosmos geschaffen, dunkler noch als Frank Millers Klassiker The Dark Knight Returns (1986) und nicht weniger brillant als die berühmten Storys um die selbsträchende Fledermaus von Alan Moore (The Killing Joke, 1988) oder Grant Morisson (Arkham Asylum, 1989). Die acht Hefte erschienen zwischen Oktober 2017 und Mai 2018 und sollen mit Curse of the White Knight noch 2019 eine Fortsetzung erhalten.

By the way: Der TV-Moderator, der über den Gewaltexzess Batmans berichtet, hat eine Kaffeetasse auf dem Moderationspult, deren Aufschrift beweist: Er ist ein Punk-Rock-Jesus-Fan. Ich würde mir auch eine White-Knight-Tasse kaufen, denn Sean Murphys Batman gehört zu den besten Batman-Geschichten, die jemals erzählt wurden. Soviel Superlativ muss sein.

Darkest Knight

9von10Batman – Der weiße Ritter
Panini, 2019
Text und Zeichnungen: Sean Murphy
208 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3741609848
Leseprobe

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