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Überwachungsstaat und Katzenbilder – Interview mit TeMeL & Michael Barck

Mit ihrem Erstlingscomic Wohlstand hat die Comickünstlerin TeMeL 2013 ein bemerkenswert wütendes Plädoyer gegen eine reine Leistungsgesellschaft geschaffen. Auch in ihren Webcomics Ich putze hier nur und Spektrallichter hat sie  immer wieder die aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Politik kommentiert. Die Arbeit an ihrem neuen Comic No Borders, der 2016 bei Epsilon erschienen ist, hat nicht nur wegen der komplexeren Thematik etwas länger gedauert. Auf 160 Seiten zeichnet sie zusammen mit Autor (und Ehemann) Michael Barck eine beklemmende Zukunftsvision im Schatten totaler Überwachung. Klar, dass da auch Edward Snowden eine Nebenrolle spielt.

Comicgate: TeMel, No Borders ist nicht nur farblich viel bunter als dein Vorgängerwerk Wohlstand. Auch die düstere Grundstimmung wird hier viel häufiger durch kleine Randnotizen des Alltags und Genuss-Erlebnisse der Protagonisten aufgebrochen. Wie behält man bei derart unterschiedlichen Polen über eine so lange Story hinweg die Balance bei?

TeMeL: Anders als im ersten Buch, wollte ich hier mehr als nur eine mögliche Lesart anbieten. Bei Wohlstand hat man eigentlich keine andere Chance, als es als düstere, mahnende Dystopie zu lesen. Bei No Borders, das ja auch dreimal so lang ist, erschien es mir für den Leser extrem anstrengend, ihn die „bittere Pille mit unserem politischen Statement“ über das Lesen einer langen, rein düsteren Story schlucken zu lassen. Daher planten wir, noch eine weitere Lesart zuzulassen. So kann man das Buch nicht nur als politisches Statement, sondern auch als Hommage an die Nerd/Geek-Kultur lesen. Die Anspielungen und durchaus auch heiteren Szenen lockern den doch ernsten Gesamthintergrund etwas auf. Ich bin selbst ein Freund davon, wenn auch ernste Geschichten „mal etwas zum Lächeln“ bieten, sie wirken damit für mich häufig lebensechter und glaubwürdiger, denn auch das richtige Leben bietet gleichermaßen heitere wie ernste Momente und in No Borders hatten wir auch seitenmäßig den Platz dafür, der in Wohlstand fehlte.
Und darüber hinaus finde ich, dass gerade die Unterstreichung der Geek-Kultur das Problem der Totalüberwachung deutlich macht: So vieles am Internet, der Internetkultur und den Möglichkeiten sind gut, sind nützlich für die ganze Menschheit und führen die Welt zusammen, wohingegen die Totalüberwachung das alles bedroht und durch sie engagierte Bürger willkürlich zu Landesverrätern erklären werden können.

Michael:
Genau da liegt das Problem. Es sind die Alltagsdinge, die so viel über uns verraten. Nur ein Beispiel: Das Smartphone, das wir, um erreichbar zu bleiben, stets brav angeschaltet bei uns tragen, verrät so viel über unseren Alltag, wann und wohin wir unterwegs sind, mit wem wir kommunizieren, worüber wir kommunizieren, für welche Dinge wir uns interessieren, etc. Das sind Daten, die mit anderen Datenbergen von uns wunderbar aggregierbar sind und uns längst für jeden gläsern machen, der uns gläsern haben will. Natürlich haben wir einen Datenschutz, aber was diese Behörde im Zweifelsfall wert ist, haben die Enthüllungen der letzten Jahre gezeigt, nämlich nichts. Diese ganzen wunderbaren Dinge (die von TeMeL angesprochenen Aspekte der Geek-, Nerd- sowie aktueller Popkultur, Anm. d. Red.) in No Borders sind unser Alltag, und Überwachung trifft uns im Alltag, in scheinbar banalen Situationen. Auch das soll No Borders verdeutlichen.

Moment, lustige Katzenbilder und Minion-Memes im Internet sind also sinnvoll für die Menschheit?

TeMeL: Was für eine Frage, natürlich haben Katzenbilder einen Nutzen für die Menschheit!!! Aber im Ernst: Die Unterhaltungskultur, die sich im Zeitalter des Internets mit einer ganz eigenen Dynamik (weiter)entwickelt ist ja nur ein Aspekt des Themas Nutzen für die Menschheit. Das Internet ist letztlich auch nur ein Medium, in dem sich alles widerspiegelt, was Menschen wichtig ist. Dazu gehört die Vermittlung von Wissen und Bildung genauso wie die Unterhaltung und die soziale Komponente, das Finden und Austauschen mit gleichgesinnten „Geeks“. Und die totale Überwachung hat das Potenzial, all das zu bedrohen und bedroht somit die Gesellschaft an sich, für die das Internet ja im Prinzip nur ein „Spiegel“ ist.

Gerade ein Nischen-Grenre wie Cyberpunk lebt sehr stark von bestimmten Klischees und einigen schillernden Vorbildern. Wie sehr prägt das die eigene Arbeit an so einem Stoff?

TeMeL: Ich persönlich will mich generell von Genres eher inspirieren und nicht einengen lassen. Vor allem farblich habe ich versucht mit Blau/Grün/Petrol-Tönen den Eindruck von Futurismus zu erwecken, um dem Genre des Cyberpunk gerecht zu werden und mit diversen technischen Maschine-Mensch-Spielereien, wie etwa der physischen Verbindung zum Internet, die auch für mich irgendwo zum Cyberpunk dazugehören. Ich denke aber, dass sich No Borders für eine Cyberpunk-Story noch relativ zurückhält. Es hätte Möglichkeiten gegeben, diese Aspekte noch stärker zu betonen, das hätte für mich persönlich aber zu sehr vom Grundthema der Story abgelenkt. Insofern soll es für mich an das Cyberpunk-Erbe angelehnt, aber nicht in Gänze davon bestimmt sein.

Michael:
Es stimmt, wir wollten keinen genretypischen Klon erschaffen, sondern haben uns eher inspirieren als bestimmen lassen. Das merkt man zum Beispiel daran, dass einige typische Klischees, wie die gerne verwendeten allmächtigen Konzerne, bei uns gar keine Rolle spielen. Bei uns ist es halt ein entfesselter Staat, was ja jetzt auch nicht untypisch für dieses vielfältige Genre ist. Einer unser beiden wichtigsten Protagonisten, Ho Zhing, ist in vielen seiner Züge ein recht typischer Cyberpunk-Charakter. Im Zentrum stand aber stets unsere Überwachungs-Story und nicht, dass es eine cyberpunkige Geschichte werden soll und wir deshalb auf Biegen und Brechen alle möglichen klassischen Genrevorgaben in die Story packen müssen.

Für ihren bunten Aquarellstil ist TeMeL schon lange bekannt.

Für ihren bunten Aquarellstil ist TeMeL schon lange bekannt.

Dystopische Filme sind oft eher einfarbig coloriert, vom rostorange eines Stalker über die erst blau und später grün gefärbte Matrix bis zu den unzähligen weiteren Filmen die ebenfalls in kühlem Blau, Grün oder oft gar grauen Bildern baden. No Borders bietet dagegen eine Reise durch so ziemlich jede Färbung, die man sich vorstellen kann. Das Ergebnis spricht dabei für sich und funktioniert. Aber wie sicher wart ihr euch darüber im Vorfeld und warum seid ihr überhaupt dieses Risiko eingegangen?

Michael:
Ich glaube, dass die verschiedenen Farben in unserem Comic in verschiedener Hinsicht eine wichtige Rolle spielen. Ein Beispiel: Die Story ist aufgrund der Zeitreisen, der Traumsequenzen, diversen Erzählebenen und der vielen Zeiten, in der die Handlung spielt, enorm verschachtelt und komplex. Da bot die Entscheidung, es bunt werden zu lassen, für uns eigentlich mehr Chancen, das Lesen zu erleichtern, als Risiken.

TeMeL:
Oft soll vermutlich eine gewisse „Kälte“, „Härte“ oder auch „Trostlosigkeit“ mit der Einfarbigkeit von Cyberpunktwelten wiedergegeben werden. Farben haben für mich viel mit Stimmung und Empfinden zu tun, und Stimmungen wechseln innerhalb der Geschichte. So ist es für mich Pflicht, dass auch die Farbwelten wechseln müssen. Davon abgesehen finde ich einen gewissen Abwechslungsreichtum in einem Comic sehr schön und für mich ansprechender als „alles derselbe farbliche Einheitsbrei für ein homogenes Gesamtbild“. Das einzige Risiko ist vielleicht, dass nicht jeder Leser das so sieht. Ich aber sehe es entschieden so.

Tatsächlich gehört es ja oft schon in die Planungsphase eines Projekts, das Artdesign, die Bildsprache und damit verbunden natürlich auch die Farbpalette zu definieren. Der von Michael erwähnte Aspekt der Orientierung in den verschiedenen Erzähl- und Zeitebenen ist für die Leser wahrscheinlich der anspringendste Punkt. Wie war es für dich als Zeichnerin, TeMel? Hat die Farbgebung der Seiten auch deine Arbeit direkt beeinflusst oder wurden die Farbstimmungen erst nach Abschluss der restlichen Arbeiten eingefügt?


TeMel:
In der Regel lege ich ziemlich früh die Farbgebung einer jeder Seite fest (meistens direkt beim „Storyboarden“, also wenn ich mir Gedanken mache, wie die Seite an sich aufgebaut sein soll). Da ich traditionell mit Aquarellfarben koloriere, schraube ich nach dem Einscannen sicherlich noch mal an den Farben jeder Seite, die grundlegende Farbgebung habe ich jedoch nie erst nach Abschluss aller Seiten hinzugefügt oder großartig verändert. Meistens haben die Farben ja einen bestimmten Zweck (wie das Trennen von Erzählebenen), sind also nicht zufällig gewählt und diesen Zweck kenne ich ja meistens schon im Frühstadium jeder Seite, weit vor der Koloration.

Das relativ junge Genre Cyberpunk wurde in vielen Belangen inzwischen von der Gegenwart eingeholt. Was bleibt von einem Genre, dessen Werte keine Fiktion, sondern großteils schon Realität sind?

TeMeL: Dass die Realität die Fiktion mittlerweile schneller einholt als zu früheren Zeiten, ist meiner Meinung nach kein Problem des Cyberpunk als Genre, sondern ein Problem unserer schnelllebigen Gesellschaft, in der nichts lange so bleibt, wie es gerade ist, in der ein technischer Fortschritt den nächsten jagt. Die Technologie, die Menschen entwickeln, hat sich schon immer viel schneller entwickelt als der Mensch selber und seine moralischen Ansprüche. Der Trend geht eher in Richtung „immer schneller“. Unser Leben läuft immer rasanter ab, alle Prozesse müssen immer schneller sein, was sich auch an in der Bildung und Ausbildung, beim „Turbo-Abi“ und so weiter sehen lässt. Es müsste eine größere Förderung der Lehre von Risiken neuer Technologien geben. Gerade der richtige Umgang mit dem gar nicht mehr so neuen Internet ist für zu viele noch unbekannt.
Was von dem Genre Cyberpunk bleibt? Für mich ganz persönlich ist es weiterhin der düstere Zwilling der Science Fiction, der wie kein anderes Genre das Potential hat, mit seiner dystopischen Klangart Missstände und Gefahren in einer Gesellschaft aufzuzeigen.

Michael: Es ist doch gruselig, dass wir uns darüber unterhalten müssen, dass viele dieser Fiktionen Realität wurden oder zu werden drohen. Die Frage müsste daher vielmehr sein, was Cyberpunk zukünftig an Impulsen für die Gesellschaft liefern könnte. Punkte zur gesellschaftspolitischen Kritik, die dem Cyberpunk innewohnt, haben wir doch mehr als genug. Cyberpunk is not dead, vielleicht wird er mehr gebraucht als je zuvor.

Lässt sich die Massenüberwachung aus dem Comic in der Realität noch abwehren?

Lässt sich die Massenüberwachung aus dem Comic in der Realität noch abwehren?

An No Borders habt ihr mehrere Jahre gearbeitet, in denen zeitweise fast täglich neue Erkenntnisse über die staatliche Überwachung zutage kamen. War nicht irgendwann für euch der Punkt erreicht, an dem die Realität obskurer und erschreckender war, als jede erdenkliche Fiktion?

Michael:
Ja, und das war in der Tat ein Problem bei der Entstehung des Comics. Wir haben unser Skript in der Zeit immer wieder anzupassen versucht. Irgendwann haben wir es sein gelassen, den neuesten Enthüllungen nachzulaufen, die zwei Wochen später in ihrer Absurdität durch die nächsten Enthüllungen wieder übertroffen wurden. Wichtig war uns ohnehin vor allem die Message, dass allein die Überwachung den Menschen verändert, sein Verhalten und Denken modifiziert. Dabei ist erst einmal zweitrangig, wie und mit welcher Technik er jetzt überwacht wird, ob das ein menschlicher Spitzel oder eine Maschine macht. Das Bewusstsein, überwacht zu werden, verändert uns.

TeMeL: Ich denke, dass sich von den technischen Möglichkeiten her die in No Borders gezeigte  Zukunft gar nicht mehr so sehr von der heutigen Realität unterscheidet, in Kleinigkeiten höchstens noch. Deswegen haben wir versucht, eher das „Gefühl der Überwachung“ zu vermitteln. Denn die technischen Errungenschaften, die die Massenüberwachung ermöglichen, sind ständig in Bewegung und werden ständig weiter perfektioniert. Was aber sowohl relativ alte Werke zum Thema wie der Klassiker 1984 wie auch No Borders vermitteln, ist das Gefühl beziehungsweise die Angst überwacht zu werden und damit die eigene sogenannte „Schere im Kopf“ zu befördern.

2016-09-11-14_21_12-noborders_innenteil-pdf-foxit-readerEure Hauptfigur Jill arbeitet bei der NSA und ist äußerlich als klassische Punk-Figur erkennbar. Für diese widersprüchlich scheinende Mischung wirkt sie zudem gerade zu Beginn der Handlung auch noch relativ naiv und gutgläubig.


TeMeL:
Ich habe eine Schwäche für mehrdimensionale Figuren, denen man nicht auf den ersten Anblick ansieht, wer sie sind und was für eine Rolle sie spielen. Jill sollte in gewisser Hinsicht „irritieren“, da ihr normabweichendes, punkiges Äußeres auf eine eher extrovertierte Persönlichkeit hindeutet, die sie aber nicht ist. Sie ist zu Anfang der Geschichte eher der Typ „graues Mäuschen“. Und Jill eckt mit ihrem außergewöhnlichen Stil ja auch durchaus bei der NSA an, zum Beispiel bei ihrem chauvinistischen Chef. Ihre vielleicht ab und zu „naive“ Art soll außerdem ein Hinweis darauf sein, dass sie stark autoritär erzogen wurde. Also gelehrt wurde, wenig in Frage zu stellen und wenig Kritik zu üben, sondern eher zu gehorchen und Dinge zu tun, ohne deren näheren Sinn zu hinterfragen. Dies ändert sich ja auch erst im Verlauf der Story.

Inzwischen hat sich in der Bevölkerung ein erstes vages Bewusstsein für digitalen Datenschutz breitgemacht und sowohl bei den Firmen als auch den Gesetzgebern beobachtet man öfter eine Berücksichtigung von Datenschutzbedenken. Haltet ihr dies lediglich für Augenwischerei oder könnte auf lange Sicht doch ein gesunder Mittelweg zwischen Datenschutz, Sicherheitsmaßnahmen und Firmeninteressen gefunden werden?

TeMeL: In dieser Angelegenheit bin ich persönlich derzeit eher skeptisch bis pessimistisch eingestellt. Verglichen mit der Tragweite mehrerer Überwachungsskandale ist doch in der Bevölkerung eher wenig Empörung zu beobachten. Selbst über den Sammelwahn von Google und Facebook wird sich wesentlich stärker aufgeregt, als über illegale staatliche Massenüberwachungsmassnahmen. Es reicht ja auch nicht, dass ein paar mehr Bürger auf Verschlüsselung ihrer Messenger und Mailclients achten, es müsste insgesamt stärker und besser kontrolliert und reguliert werden, was staatliche Institutionen und Firmen mit den Daten der Menschen anstellen. Ich nehme also an, dass der „Überwachungswahn“ weitergehen wird und Bedenken von Datenschutzbefürwortern langfristig doch – leider – in den Hintergrund rücken werden.

Michael:
Themen wie Datenschutz und staatliche Überwachung hatten in der Gesellschaft sicherlich seinen Platz in der Zeit, wo die Snowden-Leaks ein großes Thema waren. Ich glaube aber nicht, dass sich hieraus flächendeckend ein wirkliches Bewusstsein für den Datenschutz entwickelt hat – und wenn, dann ist es bisweilen ein sehr seltsames Bewusstsein, wie die Welle an Verpixelungsforderungen bei Google Streeview gezeigt hat. Noch viel pessimistischer bin ich aber beim eigentlichen Thema von No Borders, der staatlichen Überwachung. Den Menschen wird nicht nur in Deutschland seit unglaublich vielen Jahren eingeredet, dass wir bedroht werden. Das hat den Widerstand gegen Maßnahmen, die eigentlich nicht dem Rahmen unserer Verfassung entsprechen, längst ausgehöhlt. Seien wir mal ehrlich: Eigentlich hätten die Snowden-Leaks Regierungen in tiefe Krisen stürzen müssen. Was ist passiert? Wenig, eigentlich gar nichts.

2016-09-11-14_21_47-noborders_innenteil-pdf-foxit-readerDamit schließt sich dann ja der Kreis zu deinem obigen Statement „Cyberpunk is not dead, vielleicht wird er mehr gebraucht als je zuvor.“
Wie könnte dieser Cyberpunk in der Praxis aussehen? Brauchen wir CCC-Kommandos, die die Regierungsrechner durchleuchten und ihre Funde dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorlegen? Oder muss man das Problem noch tiefgreifender angehen?


TeMeL:
Wie auch beim theoretischen Planen von Regierungsformen müsste man dieses Thema wahrscheinlich in einer „Der Mensch ist dem Mensch sein Wolf“-bewussten Manier angehen. Also sich bewusst sein, dass die neuen Technologien nicht nur Vorteile bringen, sondern von den Mächtigen missbraucht werden. Und um dies zu verhindern, müssten zahlreiche neue Gesetze, Gesetzesänderungen und Kontrollmechanismen her. Nicht nur ein paar Datenschützer, die ab und zu diverse Entscheidungen kritisieren. Ganz zu schweigen von zeitgemäßer Internetgesetzgebung.
Wie sich am Whistleblower Snowden gezeigt hat, reichen offensichtlich alle noch so brisanten Funde leider nicht dazu aus, wirklich Änderungen erzielen.

Michael: Die Frage ist ja, wie können wir, am besten auf legalem Weg, effektiv Institutionen kontrollieren und sanktionieren, die unsere Rechte gefährden oder brechen, sich aber nicht kontrollieren lassen wollen – eben zum Beispiel Geheimdienste. Das ist ein gesellschaftliches Problem und da fehlt das Bewusstsein über die Gefährdung fast völlig. Ich finde es nicht akzeptabel, dass irgendwer in einem solchen Geheimdienst entscheidet: „Das darf keiner sehen“, ein Stempel kommt drauf und dann erreichen solche Akten nicht mal mehr einen Untersuchungsausschuss im Bundestag ungeschwärzt. Außer ein paar Leuten interessiert das aber niemanden, viele finden das einfach völlig okay, und spätestens wenn das Terror-Totschlagargument kommt, ist die Diskussion sowieso beendet. Da sträuben sich mir die Nackenhaare. Wenn du heute irgendeinen Kram durchsetzen willst, Burkaverbot, Totalüberwachung verschlüsselter Kommunikation etc. brauchst du doch nur noch die Terrorgefahr anzuführen und die Leute knicken ein.
In dem Zusammenhang ist auch eine spannende Frage, warum so viele Menschen Unternehmen in Sachen Datenschutz mit größtem Misstrauen begegnen, nicht aber staatlichen Institutionen. Da ist der Eindruck doch reichlich verschoben, von welcher Seite für eine Privatperson die größere Gefahr der Menschenrechtsverletzung ausgeht. Ich sehe den Staat mit seinem Gewaltmonopol da als viel gefährlicheres Problem an.

Im Comic erwähnt ihr ein paar der Methoden, mit denen man seine Daten schützen kann. Doch gerade am Beispiel der E-Mail-Verschlüsselung PGP* sieht man, dass die Theorie oft alles andere als bequem oder gar praktikabel umgesetzt werden kann. Wie sieht das bei euch privat aus? Nutzt ihr Crypto-Messenger, E-Mailverschlüsselung, Wegwerf-Mailadressen und dergleichen mehr?

TeMeL: Ja, ich tue, was ich kann, auch wenn man es sicherlich noch viel besser machen kann, als ich. Mein persönlicher „wichtigster Schutz“ ist aber, dass man schlicht darauf achtet, was man wo ins Internet stellt und ein Bewusstsein dafür entwickelt, was einem in den falschen Händen doch einmal „zum Verhängnis werden könnte“. Also lieber zweimal checken, mit welchen Daten über sich man das Internet füttert!

Michael: Ich sehe das auch so. Wenn wir alle erkennen, was wir so alles von uns täglich preisgeben und dann lernen, bewusst mit unseren Daten umzugehen, ist ein erster wichtiger Schritt getan.

* PGP = Pretty Good Privacy ist eine als hinlänglich sicher eingestufte Verschlüsselungsmethode für E-Mails. Obgleich die Methode schon sehr alt ist, findet sie bis heute wenig Verbreitung. Eine der Ursachen dafür ist, dass für eine Kommunikation via PGP sowohl Empfänger als auch Sender PGP nutzen müssen. Ähnlich wie der Messengerdienst Threema, der von vielen nicht benutzt wird, „weil ja alle bei WhatsApp“ sind, erschließt sich für die meisten Benutzer der Sinn und Extra-Aufwand für PGP nicht, da man in der Praxis eh kaum verschlüsselte Mails verschickt.

Nachtrag: Eine Rezension von No Borders gibt es hier.