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No Borders

Wir schreiben das Jahr 2040 n. Chr. Die ganze Welt ist nach einem Terroranschlag im Jahr 2025, der die Geschehnisse von 9/11 in den Schatten stellte, der totalen Überwachung unterworfen. Die ganze Welt? Nein! Eine kleine Organisation von Hackern mit dem Namen „No Borders“ hört nicht auf, für Freiheit und Privatsphäre zu kämpfen. Doch das Leben ist nicht leicht für die Widerstandskämpfer, weswegen einer von ihnen mit Hilfe des Internets durch die Zeit reisen muss, um die Geschichte neu zu schreiben.

Cover von No Borders

Und so verschlägt es Ho Zhing, den Zeitreisenden, in das Jahr 2016. Hier lernt er Jill Edwards und Kat Wong kennen, mit denen er sich anschickt, das Entstehen der totalitären Überwachung frühestmöglich zu bekämpfen. Bei Kat rennt er damit offene Türen ein, steht sie doch durch ihre Tätigkeit als Bloggerin im ohnehin schon restriktiven China unter dem wachenden Auge der Behörden. Mit Jill ist das etwas komplizierter: Zum einen arbeitet sie auf der anderen Seite des Gesetzes, ist Mitarbeiterin des Geheimdienstes NSA. Und zum anderen ist auch sie 2016 nicht zuhause, sondern aus dem Jahr 2023 in unsere Zeit gereist. Huch?

Die drei durch die Geschichte führenden Personen sind quasi die Archetypen der Diskussion um totale Überwachung: Ho Zhing ist der Kämpfer, der Idealist, der die Privatsphäre als das höchste zu schützende Gut in der modernen Gesellschaft sieht und dafür sogar sein Leben geben würde. Kat Wong ist die Bloggerin, die mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg hält, aber sich auch der Konsequenzen nicht so recht bewusst ist. Und Jill Edwards verkörpert den Typ, der die totale Überwachung zwar sieht und kennt, aber von sich selbst behauptet, nichts zu verbergen zu haben, also sei das alles nicht so schlimm.

Das führt, vor allem zwischen Jill und Ho zu interessanten Gesprächen, in denen es Szenarist und Autor Michael Barck versteht, die gegensätzlichen Punkte herauszuarbeiten. Man merkt allerdings auch schnell, dass Ho den Standpunkt des Autors vertritt, denn seine Argumente sind deutlich stichhaltiger als die von Jill. Mag an der Sache selbst liegen.

Seite aus No Borders

Alle Abbildungen © TeMel

Andererseits wäre es aber auch interessant gewesen, wenn die Gegenseite ausgelotet worden wäre. Nur: Dazu hätte mindestens eine der Figuren die Verantwortung für jemand anderen außer sich selbst haben müssen. Alle handelnden Personen sind Twens, selbst die Eltern werden nur am Rand erwähnt. Wäre aber Jill beispielsweise Mutter, hätte nicht nur die Zeitreise eine ganz neue Dimension bekommen und der Figur damit mehr Tiefe gegeben. Sie hätte auch dem Rant von Ho etwas entgegenzusetzen gehabt. Denn, Hand aufs Herz, für Freiheit kämpfen ist als Ungebundener einfacher. Wer für jemand anderen sorgen muss, hat von Freiheit andere Vorstellungen. Nichtsdestotrotz: Die Dialogpassagen sind allesamt sehr lesenswert, auch weil alle Protagonisten eigene Macken und Redeweisen bekommen haben.

Passend dazu überzeugen die Figuren optisch. Das Character- und Background-Design von Thekla Barck alias TeMeL ist durch das ganze Buch beeindruckend. Die Personen sind bis hin zu den aufwändigen Ohrringen liebevoll durchgestaltet, Räumlichkeiten mitunter detailliert vollgemüllt, Stadtimpressionen sehr lebhaft und perspektivisch anspruchsvoll dargeboten. Dazu sind alle Bilder mit leuchtenden Aquarellfarben so knallbunt gemalt, dass es eine wahre Freude ist. Es wäre naheliegend gewesen, bei einem solch schweren Thema abgetönte Farben zu benutzen, daher ist es auf angenehme Weise überraschend, dass sich TeMeL dagegen entschieden hat.

An dieser Stelle sei auch auf den umfangreichen Bonus-Content hingewiesen, der auf der Internet-Seite no-borders.org aufgerufen werden kann. Hier bietet das Künstlerduo in einem durch im Band enthaltene Kennwörter gesicherten Bereich viel ansehnliches Material, von Designskizzen über zusätzliche Gedanken zur Story bis hin zu Wallpaper-Downloads. Lobenswerter Leserservice!

Wenn es an den Bildern etwas zu meckern gäbe, dann nur der Punkt, dass sich die verschiedenen Zeiten, in denen die Geschichte spielt, optisch nicht großartig voneinander unterscheiden. Da wäre sicherlich mehr drin gewesen.

Seite aus No Borders

Diese verschiedenen Zeitebenen, auf denen die Geschichte spielt, sind aber auch abseits der Bebilderung der große Schwachpunkt. Zeitreisen mit Hilfe des Internets? Sicherlich ein interessanter Gedanke, aber gerade bei Zeitreisen muss genau geprüft werden, was wann passieren muss, damit am Ende alles aufgeht. Und hier wurde bei No Borders geschludert, das Geschehene zu Ende zu erzählen.

Das tut besonders bei den Erlebnissen von Jill Edwards weh. Sie ist die Figur in der Geschichte, die das eigentliche Abenteuer erlebt: Aus ihrer Zeit (2023) gerissen, muss sie sich in einem anderen Jahrzehnt (genauer: 2016) und in einem fremden Land (China) zurecht finden und wird mit der Tatsache konfrontiert, dass sie maßgeblich zu einer lebenswerten Zukunft beitragen kann, wenn sie, wieder zurück in “ihrem” Jahr 2023, Regeln bricht, obwohl es ihrem Charakter nicht entspricht. Nur hält leider der Umstand, dass sie die Zeitreisen macht, dem zweiten Drüber-Nachdenken nicht stand. Denn dass sie überhaupt zurück ins Jahr 2016 reist, wird nur möglich, weil sie von dort nach 2023 gereist ist, um ihr zukünftiges Ich mehr oder minder zufällig ins Jahr 2016 zu schicken.

Außerdem scheint es in dem Zeitreisemodell von No Borders keine Rückkehr an den Abreisezeitpunkt zu geben, so dass beispielsweise von Ho Zhing ab einem bestimmten Punkt in der Zeit mehrere Inkarnationen leben müssten (denn er hat schon mehrere “kürzere” Zeitreisen gemacht). Das wird von Ho selbst zwar etwas aufgeweicht, wenn er an einer Stelle davon spricht, dass man sich dann halt eine neue, quasi zweite Existenz in der neuen Zeit aufbauen muss, aber näher darauf eingegangen wird nicht.

Sicher, das sind Fragen, die sich bei dem eigentlichen Thema des Buches nur am Rande stellen. Aber wer komplexe Zeitreisen als Lösungsansatz für seine Erzählung wählt, der muss auch hier prüfen, ob er seine Ideen zu Ende gedacht hat.

So steht das Statement, das das Ehepaar Barck mit dem Buch abgibt, eindeutig über der Geschichte (mehr zu den Hintergründen in unserem Interview mit den beiden). Von den drei oben genannten Personen bekommt lediglich Ho ein einigermaßen angemessenes Ende zugeschrieben (wobei auch hier ein Witz über hanebüchene Logik nur schwer hinwegtäuschen kann). Die Figuren sind maßgeblich Vehikel zum Transport der Meinung, dass totalitäre Überwachung mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Das liest sich unterhaltsam und regt zum Nachdenken an. Eine gute Geschichte ist es leider nicht.

Schön bebilderte Episodensammlung mit einer deutlichen Meinung zu staatlicher Überwachung, bei der die Geschichte jedoch auf der Strecke bleibt

5von10No Borders
Epsilon, 2016
Text: Michael Barck
Zeichnungen: TeMeL (Thekla Barck)
160 Seiten, vierfarbig, Hardcover
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 978-3-86693-203-6
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