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Erlangen-Tagebuch 2016, Tag 4

Alle zwei Jahre bildet der Comic-Salon Erlangen für vier Tage den Nabel der Comicwelt. Wir sind natürlich auch dort und präsentieren an unserem Stand die neueste Ausgabe des Comicgate-Printmagazins zum Thema „Text in Comics“. Von dem, was sonst so passiert, berichten wir in diesem Messetagebuch: Im täglichen Wechsel schreiben CG-Redakteure über den vergangenen Tag, aus ihrer persönlichen, subjektiven Sicht und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Heute: Thomas Kögel über den vierten und letzten Salon-Tag, Sonntag, den 29. Mai
(und hier geht es zu Tag 1Tag 2 und Tag 3)

Es ist jedes Mal das Gleiche. Am ersten Tag verschafft man sich einen Überblick über das Programm des Salons und plant in Gedanken die Ausstellungen, die man ansehen will, die Diskussionen, denen man zuhören möchte und die Messestände, an denen man um eine ganz bestimmte Uhrzeit auftauchen sollte, wenn man eine Künstlersignatur ergattern möchte. Theoretisch könnte man das akribisch planen und dann eisern durchziehen, aber es macht halt deutlich mehr Spaß, sich treiben zu lassen, Schwätzchen zu halten, in dem ein oder anderen Comic zu versinken – oder sogar mal eine comicfreie Pause einzulegen.

Jedenfalls ist es am Ende – zumindest bei mir – immer so, dass ich in den ersten Tagen viele geplante Dinge nach hinten schiebe. Und plötzlich ist Sonntag und man hat viel zu viel noch nicht gesehen oder noch nicht geschafft. Also Rotstift ansetzen und streichen. Bei mir leiden darunter zuerst all jene Veranstaltungen und Ausstellungen, die nicht im Zentrum des Events, der Heinrich-Lades-Halle, stattfinden. So verpasste ich leider die Installation von Ruppert & Mulot ebenso wie die „Kinky & Cosy Experience“ im auffälligen pinken Container, das Manga-Spotlight oder die Lucky-Luke-Ausstellung. Zumindest zum ruhigen Durchstreifen der „Hauptausstellung“ blieb mir noch Zeit.

Der träumende Mann

Sie war Jirō Taniguchi gewidmet, jenem großen Mangaka, der unter Nicht-Mangalesern  populärer ist als in der klassischen Mangazielgruppe. Die Ausstellung „Der träumende Mann“ ist eine Übernahme vom Festival in Angoulême. Frankreich und der dortige Comicmarkt spielen eine wichtige Rolle in der künstlerischen Entwicklung und der internationalen Karriere von Taniguchi. Es gelang der Ausstellung ganz gut, herauszuarbeiten, wie der Zeichner Elemente aus dem frankobelgischen Comic aufgriff und in seine Kunst einfließen ließ. In einer Mischung aus erfreulich vielen Originalseiten und etlichen Reproduktionen wurden nicht nur jene Werke gezeigt, mit denen Taniguchi in Frankreich und mit Verzögerung auch in Deutschland bekannt wurde (Vertraute Fremde, Der spazierende Mann u.a.), sondern auch actionreiche Genrestoffe wie Trouble is my Business oder Gipfel der Götter, die bei einer graphicnovelzentrischen Rezeption von Taniguchis Werk gerne mal unterschlagen werden. Die Schau war aufwändig gebaut und gestaltet (vor allem, wenn man bedenkt, dass sie nur vier Tage lang zu sehen war), die gezeigten Blätter waren sinnvoll zu thematischen Gruppen arrangiert und mit ordentlichen Begleittexten versehen.

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Perfekt war sie nicht: An einigen Stellen hätte man sich bessere Beleuchtung gewünscht, und was fehlte, waren Dokumentationen des Arbeitsprozesses (zu sehen gab es ausschließlich fertige Seiten, keinerlei Skizzen und Entwürfe) ebenso wie die Möglichkeit, Taniguchis Werdegang auf einer Zeitlinie nachzuvollziehen. Schade ist auch, dass dass der Künstler hier als singuläres Genie dargestellt wurde. Seine (Ko-) Autoren wurden an einer Stelle immerhin kurz erwähnt, von etwaigen Assistenten in seinem Studio, die zu den aufwändigen Zeichnungen beitragen, war aber nirgends die Rede. Trotzdem war diese Ausstellung ein Highlight des Salons, allein schon weil es ein Genuss ist, Taniguchis filigrane Zeichnungen aus der Nähe zu betrachten, auch und gerade die aquarell-kolorierten. Viele davon stammten aus Venise, einer Auftragsarbeit für einen französischen Nobelkofferhersteller. Das ist keine Comicerzählung, sondern ein Bildband mit Venedig-Impressionen. Wirklich hübsch, und im Grunde zum An-die-Wand-hängen viel besser geeignet als Comicseiten, die ja immer nur ein kleiner Ausschnitt aus einem größeren Werk sind, das eigentlich als Buch oder Heft gelesen werden will.

Manga X Comics

Wäre Taniguchi persönlich in Erlangen anwesend gewesen, hätte er perfekt auf das Podium mit der Überschrift „Manga X Comics“ gepasst. Dort ging es um ComiczeichnerInnen, deren Wurzeln eher im Manga liegen, die sich stilistisch aber weit von der bloßen Nachahmung japanischer Vorbilder entfernt haben und in ihren Comics östliche und westliche Einflüsse mischen. So richtig toll vorbereitet erschien Moderator Matthias Wieland nicht, machte dies aber durch eine gesunde Neugier und die Fähigkeit wett, alle TeilnehmerInnen gleichwertig in die Runde einzubeziehen. Das „X“ im Titel der Diskussion stehe für „versus“, sagte der Moderator, passender schiene mir aber „cross“, denn dies war auch der Tenor der Runde: Von „Manga gegen Comic“ könne keine Rede sein, stattdessen verschmelzen Stile und Erzählweisen, Grenzen verschwimmen.

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Vorbehalte und Vorurteile gebe es aber immer noch. So sagte etwa Martina Peters (Tempest Curse), sie bezeichne sich nicht nur deshalb lieber als Comiczeichnerin denn als Mangaka, weil das nun mal das deutsche Wort sei, sondern auch, weil man so anders behandelt und ernster genommen werde. Manga werde von vielen immer noch mit „niedlich“ gleichgesetzt. Olivia Vieweg (Schwere See, mein Herz) ergänzte, dass manche ihrer KollegInnen ihre Manga-Herkunft sogar verheimlichen würden. Der Grund dafür sei vor allem der schlechte Ruf, den der Manga an Hochschulen und bei deren Professoren habe. Teilweise hieße es dort vorab in den Regularien zur Mappeneinreichung, man möge bitte „nichts im Mangastil“ abgeben. Auch Maike Plenzke (Bran) erinnerte sich an die Vorgabe im Studium, nicht zu große Augen zu zeichnen. Während Asja Wiegand (Sterne sehen) ihre Hochschule, die HFG Offenbach, als positives Gegenbeispiel nannte, berichtete auch Marius Pawlitza (A House Divided), dass er sich einen anderen Betreuer suchen musste, als er seinem Professor einen Comic als Arbeit fürs Vordiplom vorschlug. Sehr schön auch die Erfahrungen, die Inga Steinmetz (Schneeballens Fall) wohl schon öfter beim Abhalten von Workshops machen durfte: „Oh, da kommt ja gar kein kleines Mädchen!“ Sondern eine erwachsene Frau, die „richtige Rechnungen“ schreibt, und – huch! – sogar eine Steuernummer hat.

Ein Großteil der Gesprächsrunde drehte sich um Zeichenstile und ästhetische Unterschiede – laut Steinmetz ein sehr deutsches Phänomen. Hier sei man eben verkopft und brauche Schubladen. Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass man nicht klar zwischen Comic und Manga unterscheiden könne – überhaupt sei das, was Manga eigentlich ausmacht, viel eher die Erzählweise als der Zeichenstil, betonte Martina Peters. Während im klassischen westlichen Comic die Devise zumeist „Aktion, Aktion, Aktion“ laute, böte der Manga viel mehr Raum für filmische Erzählweisen. Als weiteren Pluspunkt ergänzte Olivia Vieweg die Unvorhersehbarkeit, die den Mangaserien zu eigen sei. Dort könne immer alles passieren, während man bei Disney- oder Superheldencomics irgendwann immer wieder zurück beim alten Status Quo landen müsse.

Eine richtig lebhafte Diskussion kam zwar nicht auf, trotzdem gab die entspannte Runde ein paar ganz interessante Einblicke. Beim Zusammenwachsen und beim Verschwimmen von stilistischen Grenzen sind die aktiven Künstler wohl schon wesentlich weiter als weite Teile der Kundschaft. Wie ein Vertreter des Verlags Kazé aus dem Publikum einwarf, sei die Zurückhaltung gegenüber Manga bei den Besuchern des Salons immer noch groß, gerade wegen der ungewohnten Leserichtung und oft auch wegen fehlender Farbe. Einig war man sich aber darin, das Bemühen der Salon-Verantwortlichen zu loben, vermehrt Raum für Manga und die davon beeinflussten Künstler zu bieten. Natürlich ist da noch viel Luft nach oben, aber ein Anfang ist gemacht – die von Martina Peters kuratierte „Spotlight: Manga“-Ausstellung und das umfangreiche Begleitprogramm dazu, zu dem auch die hier beschriebene Runde gehörte, sind ein überfälliger Schritt in die richtige Richtung.

Post Salon Blues 

Je näher es dem Ende des vierten Messetags und den anstehenden Abbauarbeiten entgegen ging, desto mehr sah man die Besucher und auch die Aussteller ihre Abschiedsrunden drehen. Hier noch ein letzter Einkauf, da noch ein paar Hände geschüttelt, dort noch eine Torte verzehrt, ehe die legendäre „Stimme“ verkündete, dass nun schon wieder Schluss sei. Was natürlich allenthalben bedauert wurde. Vier Tage sind ja immer viel zu kurz, aber die Augenringe in vielen Gesichtern und auch in meinem eigenen Spiegel sagen dann doch etwas anderes.