Ein Manhua, der was auf sich hält, hat heutzutage einen trendigen englischen Titel wie The Ravages of Time. Für den chinesischen Markt gibt es aber auch einen chinesischen Originaltitel; würde man ihn übersetzen, hieße der vorliegende Manhua Der Feuerphönix löst einen Steppenbrand aus.
Die Handlung setzt zur „Zeit der drei Reiche“ ein (220 bis 280 nach Christus), eine der berühmtesten Zeitperioden in der chinesischen Geschichte. Im 14. Jahrhundert erschien darüber der monumentale Roman Die Geschichte der drei Reiche. Er erzählt, so steht es in Jing Lius Chinas Geschichte im Comic, „von Helden und Bösewichten, von Kriegstaktiken und politischer Strategie, von Loyalität und Verrat. Er umfasst 1191 Figuren, dies ist ein Rekord unter allen chinesischen klassischen Romanen.“ Ravages of Time dürfte gut und gern das Manhua-Pendant zu diesem Werk sein. Das Personenregister des ersten Bands umfasst satte 34 Akteure, je mit einer Kurzbeschreibung versehen. Ich habe das Register als Stütze sehr zu schätzen gelernt.
Bereits das erste Kapitel wirft uns hinein in eine undurchsichtige Schlacht um ein Herrscherhaus. Das Haus eines kindlichen Herrschers und seines übermächtigen Beraters, der ganz offensichtlich der heimliche Herrscher ist, wird von Soldaten gestürmt. Aber dann steigt ein geflügeltes Dämonenwesen aus dem Untergrund empor, gehüllt in einen Umhang, unter dem kein Körper zu sehen ist, sondern eine Galaxie. Wir befinden uns im wiederkehrenden Traum des Clanführers Sima Yi.
Sima Yi arbeitet daran, seine Familie gegen den so mächtigen wie grausamen General Dong Zhuo in Stellung zu bringen. Kaum aus dem Traum erwacht, weiß Sima Yi schon, an welcher Stellschraube er als Nächstes drehen muss, um das bestehende Machtgefüge zu ändern: Es gilt, den einflussreichen Berater Xu Lin zu eliminieren. Mithilfe einer hocheffektiven Eingreiftruppe aus „Krüppelkriegern“, das ist eine Bande von Kriegsversehrten, und diversen anderen Verschwörern beginnt Sima Yi alsbald, seine Pläne in die Tat umzusetzen.

Intrigen, Intrigen. Alle Abbildungen © Chinabooks Swiss
Vom Cover-Design lehnt sich Ravages of Time deutlich an Chinabooks Die Klingen der Wächter an. Sowohl thematisch als auch in Tonalität sind sich die beiden Titel nahe: Es geht um das ewige Wetteifern der Dynastien um die Vorherrschaft in China – ein Komplex, der so ausufernd ist, dass ich als ergänzende Lektüre gleich noch die ersten beiden Bände von Jing Lius Chinas Geschichte im Comic parallel dazu lesen wollte. Das schaffte über einige Aspekte der Story zusätzliche Klarheit. Während ich mich nach der Erstlektüre von Ravages of Time fühlte, als hätte mich ein Bus angefahren, konnte ich mich bei der Zweitsichtung weit besser auf die nicht unerhebliche Spannung des Buchs einlassen. Es hat einen Mehrwert, über die dynastischen Zyklen der chinesischen Geschichte zumindest rudimentäres Hintergrundwissen zu haben. Ebenso schadet es nicht, die widerstreitenden Philosophien, auf die sich chinesische Herrschaft gerne bezieht, zu kennen.

Da gibt es zum einen den menschenfreundlichen Konfuzianismus. Von Konfuzius stammt die Lehre, dass der Mensch zum Guten inspiriert werden muss, weil Zwang dem Naturell des Menschen widerspricht. Ein Herrscher hat hier mit gutem Beispiel voranzugehen und das Prinzip des Guten vorzuleben. Pragmatiker geben jedoch gerade in Zeiten des Aufruhrs gerne der Lehre des Legalismus den Vorzug. Im Legalismus gilt die Grundannahme, dass der Mensch von Natur aus böse ist und durch Gesetze eingeschränkt werden muss.

„Wie eine wilde Bestie …“
Ein solches Spannungsfeld zwischen Grausamkeit und Menschenfreundlichkeit ist die ideale Spielwiese für hintergründiges episches Erzählen und ist auch der Stoff, aus dem moderne Fantasy-Erzählungen wie Dune oder Game of Thrones gestrickt sind. The Ravages of Time kann sich als imposante und dichte Erzählung durchaus an diesen großen Vorbildern messen. Die Reihe glänzt einerseits mit der detailverliebten Geschichtsversessenheit aus Chen Uens Die Helden der östlichen Zhou-Zeit, hat andererseits aber einen epischen Atem, der sich mit Xi Xianzhes Klingen der Wächter vergleichen lässt. Der Zeichner und Autor Chan Mou schafft es, Intrigen und Verschwörungen zu entwickeln und epische Duelle anzubahnen, die in ihrer erzählerischen Kraft ihresgleichen suchen. Manche Momente sind phänomenal eindringlich in Szene gesetzt – man spürt eine selten zu erlebende erzählerische Wucht.
Intrigen und Verschwörungen, die in ihrer erzählerischen Intensität ihresgleichen suchen
The Ravages of Time 1Chinabooks, 2025
Text und Zeichnungen: Chan Mou
Übersetzung: Marc Hermann
400 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 24,90 Euro
ISBN: 978-3038870210
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