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Teen Titans von George Pérez 9 – Die Tochter des Teufels

Der letzte Band der Teen Titans, in dem das legendäre Schöpferteam Marv Wolfman und George Pérez gemeinsam an jener Serie zusammenarbeiteten, die sie in den 1980ern groß gemacht haben, ist der würdige Abschluss einer langen Erfolgsgeschichte. Die Neuauflage von Panini regt zu einer Wiederentdeckung an.

Alle Abbildungen: © Panini

Man kann die Bedeutung der Teen Titans aus heutiger Perspektive gar nicht hoch genug einschätzen. Anfang der 80er Jahre waren sie bei DC das, was die X-Men bei Marvel waren: eine Gruppe jugendlicher Außenseiter, die nicht nur das Böse bekämpften, sondern sich auch mit den üblichen Problemen heranwachsender Teenager herumschlagen mussten. Von ihren leiblichen Eltern häufig abgelehnt oder verstoßen, geben sich die Teen Titans untereinander Halt und werden so zu einer eigenen kleinen Familie. Dabei erfreuten sie sich vor allem bei jungen Leserinnen und Lesern enormer Beliebtheit und sollten schon bald die großen DC-Titel wie Batman oder Superman in den Schatten stellen. Was war es aber genau, was so viele an den Teen Titans ansprach?

Autor Marv Wolfman stattete die Teammitglieder mit traumatischen Hintergrundgeschichten aus, die eigentlich viel zu düster für das Mainstream-Comicpublikum waren, bei angsty Teenagern aber gerade deswegen großen Anklang fanden: So etwa die Alien-Prinzessin Starfire, die von ihren Eltern als Sklavin verkauft wird, oder Victor Stone, der nach einem Unfall von seinem Vater einen Cyborg-Körper verpasst bekommt, in dem er sich wie ein Monster fühlt.

Besonders schlimm hat es aber eine Figur getroffen, die von Beginn an das Team der Teen Titans anführte und auch das Zentrum der Story Satan’s Daughter (dt. Die Tochter des Teufels, The New Teen Titans 1984, #1-5) des vorliegenden Panini-Bandes bildet. Die Rede ist von Raven, einem Mädchen, das mit empathischen Superkräften ausgestattet ist, ihren eigenen Emotionen aber stets fremd gegenübersteht. In ihrem dunklen Umhang und schwarzen Augenlidern, die sich in geschwungenen Linien bis zu ihren Augenbrauen fortsetzen, sieht sie aus wie der Prototyp des melancholischen Teenagers und hatte von Anfang an mit ihrem Status als Außenseiterin zu kämpfen.

Ravens Transformation wird in die Geschichte integriert.

Die Art und Weise, wie George Pérez Raven zeichnet, hat sich über die Jahre stark verändert – eine physische Transformation, die sogar in die Geschichte integriert wurde. An einer Stelle reden Victor und Changeling über Raven und bemerken, dass ihr Haaransatz stark zurückgeht. Dabei sieht man alte Bilder, die Pérez für frühere Ausgaben gezeichnet hat: Sieht Ravens Gesicht anfangs noch eher rundlich aus, wird es mit der Zeit hagerer und fahler, während ihre Haare immer weiter zurückgehen. Eine Entwicklung, die angesichts von Ravens traumatischer Vergangenheit, die sie immer stärker belastet, total Sinn macht, denn Ravens Ursprungsgeschichte hat es in sich: Ihre Mutter Arella wurde von Trigon, einem Dämon aus einer anderen Dimension, verführt. Sie entkommt nach Azarath, einer pazifistischen Parallelwelt, wo sie schließlich ihre Tochter Raven zur Welt bringt. Als Spross einer Erdenfrau und einem teuflischen Dämon wurde sie gefürchtet, konnte aber dank der Göttin Azar lernen, ihre Emotionen zu bändigen und ihre Kräfte zu kontrollieren.

Zu Beginn von Die Tochter des Teufels droht ihr Vater Trigon erneut von Raven Besitz zu ergreifen. Der taubstumme Jericho – auch ein Mitglied der Titans mit der Fähigkeit, sich in andere Menschen per Blickkontakt hineinzuversetzen – wird in Ravens Welt hineingezogen, so lange, bis es zu spät ist. Von Trigon besessen, verwandelt Raven New York in einen apokalyptischen Trümmerhaufen. Unter Anleitung der Okkultismus-erprobten Lilith sowie Ravens Mutter Arella, müssen sich die Titans zusammenraufen, um Trigon Einhalt zu gebieten und ihre Freundin vor der ewigen Dunkelheit zu retten.

Das Geschehen sprengt häufig den Panelrahmen.

Die Tochter des Teufels zeigt Wolfman und Pérez auf der Höhe ihrer Kunst. Es war das letzte Mal, dass die beiden für einen story arc der Titans zusammenkamen, nachdem sie die Serie 1980 aus der Taufe gehoben und ohne Unterbrechungen bis 1985 innehatten. Wolfman schrieb die Titans noch bis 1995, mit Pérez als gelegentlichem Gastzeichner. Dennoch sollte nichts, was danach kam, je an Die Tochter des Teufels heranreichen. 1985 war die Zeit, kurz bevor Wolfman und Pérez mit Crisis on Infinite Earths das gesamte DC-Universum rebooten sollten – die Energie und der radikale Gestaltungswille der beiden scheint einem dann auch in Die Tochter des Teufels förmlich bei jeder Seite entgegenzuspringen. Pérez lässt das Geschehen oft die Panelrahmen sprengen und sorgt dadurch für deutlich mehr Dynamik, als man es von Comics dieser Zeit gewohnt ist.

Die Tochter des Teufels lief über 5 Ausgaben der New Teen Titans und war damals auch als die so genannte „Baxter-Serie“ bekannt. Das hat damit zu tun, dass die Reihe auf hochwertigerem Papier gedruckt wurde (so genanntem Baxter-Papier). Dieses Papier ließ einen kräftigeren Farbendruck zu, wodurch sich die Hefte stark von den matteren Farben jener Hefte abhoben, die auch an den Zeitungsständen verkauft wurden – die Baxter-Reihen waren nur in Comicshops zu haben. Auch wenn Pérez gelegentlich seine Unzufriedenheit mit den starken Farben zum Ausdruck brachte, weil sie die Konturen der Tusche häufig zu überdecken drohten – im Neudruck von Panini kommen die Farben perfekt zur Geltung, wobei das dicke Papier die haptischen Aspekte des Lesegenusses noch verstärkt. Besonders beeindruckend sind die Passagen in Azarath, die nur aus Bleistiftzeichnungen (ohne Tusche) von Pérez bestehen. Die fiebrigen roten Punkte im Hintergrund verstärken noch den surrealen Charakter der ganzen Szenerie. Das hätte auch Jack Kirby nicht besser hinbekommen. Fulminant!

George Pérez auf der Höhe seiner Kunst: Azarath als Bleistiftzeichnung mit Kirby-artiger Hintergrundgestaltung.

Auch wenn die Qualität von Die Tochter des Teufels heute unbestreitbar ist, zur Zeit des Erscheinens waren durchaus Kontroversen damit verbunden. Diese hatten mit einem Panel zu tun, das Nightwing und Starfire gemeinsam im Bett zeigt. In der sehr lesenswerten Einleitung rechtfertigt Wolfman diese Entscheidung so, dass die Figuren zu dem Zeitpunkt bereits 18 oder 19 Jahre alt waren und es lächerlich wäre, zu vermuten, dass die zwei keinen Sex miteinander hätten, obwohl sie doch ineinander verliebt waren. Was damals dazu führte, dass das berühmte Comics-Code-Siegel bei dieser Ausgabe fehlte, lockt angesichts übersexualisierter Darstellungen in heutigen Superheldencomics niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Es spricht aber auch für die Kunst von Pérez, der die Szene so natürlich und selbstverständlich einfängt, dass sie beim Durchblättern kaum auffällt. Eine derartige Diskretion würde man sich heute häufiger wünschen.

Damals skandalös, heute harmlos: Starfire und Nightwing im postkoitalen Panel.

Teenage Angst, knallbunt

10von10Teen Titans von George Pérez 9 – Die Tochter des Teufels
Panini, 2023
Text: Marv Wolfman, Zeichnungen: George Pérez
Übersetzung: Frank Rehfeld
148 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-7416-3516-8
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