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Möwen. Müll. Und Meerjungfrauen.

120 Cartoons, Bilder und Kurzcomics von 90 ZeichnerInnen aus 22 Ländern, in Farbe und im kompakt-opulenten Hardcover, der Großteil extra angefertigt und hier zum ersten Mal abgedruckt – gab es überhaupt schon einmal einen vergleichbaren Band? Und wenn ja, warum hat mir niemand Bescheid gesagt?

Cover „Möwen. Müll. Und Meerjungfrauen“ von Flix

Zusätzlich erfreulich: Hier werden unauffällig etablierte Brandnames Seite an Seite mit Beinahe-No-Names abgedruckt, so, wie es inhaltlich und ästhetisch passt. Und dazu sind die Zeichnungen durch eine thematische Klammer eingefasst (eben: Möwen, Müll, Meerjungfrauen), was bei einer solchen Sammlung einen eigenen Mehrwert darstellt. Dass dieser Band streng genommen an erster und zweiter Stelle Ausstellungskatalog und Dokumentation eines Wettbewerbs ist (des Föhrer „Erstmal!“ in den Kategorien Cartoon, Comic, Illustration), fällt in keinem Moment auf, zumal er weiserweise auf Grußworte, Werkstattbericht und Biographien weitestgehend verzichtet. Die vielen Bilder sprechen für sich, ergänzen und nuancieren einander.

Aber genau der gemeinsame Nenner erweist sich auf die Länge des Buchs als ein mindestens zweischneidiges Schwert, denn auch die Unterteilung in mehrere Kapitel kann nicht verbergen, dass die Einfälle einander auffällig ähneln: Etwa vierzig Blätter variieren den Grundeinfall, dass die Ozeane nur noch aus Müll bestehen (mit einem deutlichen Schwerpunkt auf Plastikmüll), etwa fünfundzwanzig stellen dar, dass die Lebewesen im Meer durch Müll und Plastikmutationen ersetzt werden (drei Überschneidungen), viermal ist das Meer durch Öl ausgetauscht worden und dreimal gibt es Eisberge nur noch aus Plastik. Um die fünfundzwanzig Male residieren traurige Meerjungfrauen in klassischen Posen über und an vermüllten Meeren (darunter das wunderbare Cover von Flix mit einigen Überschneidungen zu den oben genannten Kategorien). Gleich dreimal wird auf gigantischen Wellen aus Müll gesurft. Und das sind nur die auffälligsten Doppelungen, denn beinahe alle anderen Arbeiten handeln ja ebenfalls auf ähnliche Weise von Plastik im Meer und am Strand, von Verschmutzung und Pervertierung der Lebensräume im und am Meer und vom Gegensatz zwischen Meeresromantik und Abfallverhalten.

Emöwe

Emöwe, © Petra Kaster

Das mag in manchen Augen etwas nach Agitprop und berufsengagierter Kunst aussehen, aber weder Inhalt noch Ausführung der eingereichten Beiträge waren vorgegeben. Offensichtlich wissen wir alle, und das über den ganzen Globus verteilt, welche Probleme und Pointen sich beim Motto „Möwen, Müll und Meerjungfrauen“ aufdrängen, und daran sind nun wirklich nicht die ZeichnerInnen schuld. Cartoons, auf denen der Schwerpunkt des Bandes eindeutig liegt, sollen halt kein interesseloses Wohlgefallen auslösen – und das Wasser steht uns nun mal bald bis zum Hals.

Was die Aufzählung der Ähnlichkeiten ebenfalls nicht berücksichtigt, ist, dass die abgebildeten Arbeiten meistens witzig und meistens schön sind und zeigen, welch gravierende Unterschiede es macht, wenn der mehr oder weniger gleiche Witz in zwei (oder mehr) verschiedene künstlerische Ansätze übersetzt wird. Hier wird getuscht, gesprüht, gemalt und collagiert, beinahe altmeisterliche Gemälde stehen neben Zeichnungen nach frankobelgischer Tradition, digitale Plakate neben Seiten, die aus sehr seltsamen alten Bilderbüchern herausgerissen zu sein scheinen. Wenn das ökologisch nicht so bedenklich wäre, würde ich von einem veritablen Feuerwerk sprechen.

© Thomas Leibe

Die lakonisch-graue Mülltrennung von Rürup in Tonnen mit der Aufschrift „Atlantik“, „Nordsee“ und „Ostsee“ hat wenig mit dem geisterhaft erhabenen Surrealismus eines Meers aus Plastikflaschen (mit starr unglücklicher Möwe) bei Thomas Leibe zu tun, das sich wiederum deutlich von dem krakeligem Pfandflaschenmeer samt dusselig-glücklichen Badegast („So viel Pfand – jetzt noch eine Plastiktüte“) von Ari Plikat unterscheidet (das sich ohne benennbare Perspektive nach unten, nach oben oder nach vorne ausbreitet, dafür gab es den Hauptpreis im Bereich „Cartoon“).

Die aus Plastik collagierten „Strandgewächse“ von Isabel Peterhans provozieren ein anderes unbehagliches Lachen als die mit Flip-Flop und Strohhalmen belegte „Pizza Frutti di Mare“ von Ingrid Sabisch oder das „Future Sushi“ von Maria Picasso i Piquer direkt daneben.

© Saskia Kunze, Robert Nippoldt

Ulf K.s Pantomimencomic über ein japanisch anmutendes Monster, das aus dem Meer aufsteigt und vor die Füße der entsetzten Menschen Plastik erbricht, zäumt das gleiche Pferd ganz anders auf als der Ankleideoktopus von Saskia Kunze und Robert Nippoldt, der mit Autoreifen und zerbrochener Sonnenbrille ausstaffiert werden kann. Die hilflos an einer Plastiktüte nagenden Möwe, die bei Hannes Richter in einer fiesen Flucht nach vorne von zwei schuldbewussten Strandgängern für das Umweltelend verantwortlich gemacht wird, zeigt ein deutlich anderes Temperament als die Möwen von Annika Frank, die sich gezielt für eine weggeworfene Coladose rächen wollen („Schnapp dir sein Fischbrötchen – ich kack ihm aufs Auto!“).

Seite © Andy Ivanov

Bei aller Bissigkeit zeigen die meisten Arbeiten wie selbstverständlich eine ästhetisch ansprechende, häufig regelrecht opulente Gestaltung bei Cartoons mittlerweile geworden ist. Hier erinnert kaum noch eine Seite an die früher allgegenwärtigen, betont reduzierten, inhaltslastigen Blätter, und wenn, ist es bewusst eingesetztes künstlerisches Programm. Die (nun wirklich nicht immer subtilen) Anklagen werden mit subversivem Glamour präsentiert (und könnten auch Comicfans ansprechen, die sonst mit Cartoons eher fremdeln; und den mit einem Sonderpreis der Jury bedachten Andy Ivanov, hier mit einer stummen, sehnsüchtigen Meerjungfrauengeschichte vertreten, sollten wir sicher im Auge behalten).

© Tobi Dahmen

Folgerichtig verstecken sich im Buch auch einige Arbeiten, die mit absurdem Humor oder frei drehender Freude an der Gestaltung alle Apelle weit hinter sich lassen: Neben zwei wie üblich überzeugenden Arbeiten von Hurzlmeier habe ich mich besonders über die Seekuh von Uli Döring, den Trailer Park auf dem Meeresgrund von Tobi Dahmen und die verstörten Meerestiere von Jochen Gasser und Irrukson gefreut. Aber bei jedem erneuten Durchblättern drängen sich neue und andere Favoriten auf: Plastikwesen, ein Neubaugebiet für Pinguine, ambivalent verträumte Meerjungfrauen neben einer verschrotteten Waschmaschine oder ein beflissener Fischkellner.

Und es ist unverzeihlich, was ich hier alles noch nicht erwähnt habe. Vermutlich gehört das Buch auf jeden Kaffeetisch, der noch nicht davonschwimmt.

Achtung, Cartoons! Eine übervolle Wundertüte von zeitgenössischen Cartoons zu Meer und Umwelt, manchmal redundant, manchmal etwas didaktisch, aber immer gut anzuschauen und voller Kicks und Komik.

8von10Möwen. Müll. Und Meerjungfrauen.
Lappan/Carlsen, 2020
Herausgeber: Jörg Stauvermann
140 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-8303-3575-7
Wie es zu der Ausstellung und dem Katalog kam
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