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Marsupilami – Die Bestie

Die Bestie ist nach dem Spirou-Sonderband Das Licht von Borneo nicht nur Frank Pés zweite Zusammenarbeit mit dem Szenaristen Zidrou, sondern auch seine zweite Arbeit im Spirou-Figurenkosmos. Die beiden Comics könnten unterschiedlicher nicht sein.

Alle Abbildungen © Carlsen Comics

Das Licht von Borneo war eine topmoderne Spirou-Geschichte: Ökologisch sensibel, dabei direkt und geraderaus, die Figuren realistisch und dreidimensional. Spirous Kinderwunsch wurde diskutiert, ebenso die Nöte eines pubertierenden Mädchens, das sein Reisegepäck verloren hat, es ging um Tod und Traumata und die zahlreichen kleinen Verletzungen, die Menschen einander antun – alles von Frank in einem modernisierten belgischen Stil dargestellt, der die groben Figurenklischees souverän umschifft. Eine selten gelungene Mischung aus magischem Realismus und frankobelgischer Schule, die trotz aller Ernsthaftigkeit auch viel sympathischen Humor hatte. Nicht nur an den Tierdarstellungen erkennt man darin sofort die charakteristische Handschrift Frank Pés, eines Künstlers, von dem es gar nicht so viele Comics gibt. Seine herausragenden Arbeiten in über 40 Jahren waren fünf Jonas-Valentin-Alben, die Serie Zoo (mit Bonifay, 3 Alben von 1991 bis 2007), eine Little-Nemo-Hommage – und natürlich Das Licht von Borneo und Die Bestie. Frank Pé macht nur Comics, wenn dabei etwas Besonderes und Einzigartiges entsteht.

Mit dem nun erschienenen Die Bestie haben Frank Pé und Zidrou ein individuelles Format gewählt: Nicht das standardisierte, glatte, in seiner Perfektion leider auch etwas steril wirkende Spirou-Album von der Stange, sondern ein überformatiges dickes Buch mit steif kartoniertem Papier von rauer Textur, was den rustikalen Look noch verstärkt und die Farben sehr erdet. Ein Buch, das man schon aufgrund der Haptik gerne in die Hand nimmt.

Spätestens seit seiner Serie Zoo sind Frank Pés Geschichten stets von einem komplexen Spannungsverhältnis zwischen Tier und Mensch beseelt. Es geht um Menschen, die die Nähe zu Tieren suchen und ihr Glück darin finden, Tieren nahe sein zu dürfen – ganz wie auch Frank Pé ganz offensichtlich von Tieren inspiriert ist. Solche Idyllen werden jedoch getrübt von der Tatsache, dass so ein Zusammenleben im Einzelfall vielleicht glücken mag, im Wechselspiel mit anderen Menschen aber oft in die Katastrophe mündet. In Zoo walzt der Erste Weltkrieg über den titelgebenden Tierpark und seine Schutzbefohlenen hinweg. Spirou – Das Licht von Borneo mag da weniger krass sein, aber auch dort hat der Zirkusdompteur Noah, der in völliger Hingabe für seine Tiere lebt, keine Chance, seinen künstlerisch begabten Orang Utan zu retten, als Kapitalisten auf ihn aufmerksam werden und ihn kommerziell ausschlachten wollen.

Jetzt, in Die Bestie, steht die große Katastrophe zwischen Tier und Mensch bereits am Anfang der Geschichte. 1955 geht in Antwerpen ein Schiff vor Anker, das auf hoher See havariert war; die Ladung: Exotische Vögel, Affen, Raubtiere, nahezu allesamt aufgrund von Nahrungsmangel und der Hitze verendet oder aufeinander losgegangen. Auch ein (das?) Marsupilami war darunter, eines der wenigen überlebenden Tiere an Bord, das in Antwerpen von Bord flüchtet und auf der Suche nach Unterschlupf in die Hände eines besonderen Jungen namens François gerät (nein, es ist nicht Spirou).

Dessen Mutter Jeanne hat ihre liebe Not mit dem Jungen, der gerne Tiere mit nach Hause nimmt und pflegt. Ihr Haus ist längst ein Gnadenhof für allerhand skurrile Tiere: Ein Pferd, das der Mutter das Bier wegsäuft, die einzige tagaktive Fledermaus der Welt, ein Truthahn, der sich für einen Gockel hält, ein Wildschweinchen und zwei Biberratten, die ständig in der Badewanne rammeln. Im Nachkriegsantwerpen würde Jeanne ja gerne das ein oder andere Tier davon im Kochtopf sehen, aber wenigstens hat sie ihr kleines Auskommen als Marktfrau, was sie aber auch nicht vor Anfeindungen im Dorf schützt, denn sie hatte während des Kriegs eine Affäre mit einem Deutschen. Alles deutet darauf hin, dass Jeanne zu Kriegsende aus Rache von den Dorfbewohnern die Haare kahlgeschoren worden waren, eine übliche Vorgehensweise gegenüber Frauen, die etwas mit „les boches“ hatten – ein Schicksal, das auch François durch die Hand seiner Mitschüler erleidet, die ihm wegen seiner Herkunft das Leben schwer machen.

Aber da sind auch die liebenswerten Figuren und die Träumer, die es in Frank Pés Comicwelt ja ebenfalls schon immer gibt, hier allen voran der sympathische Lehrer Boniface, der seinen Schülern gerne Charlie-Chaplin-Filme zeigt, sie inspirieren möchte und der daran zweifelt, ob man Kinder überhaupt mit Schulnoten bewerten sollte. In zaghaften Schritten freundet er sich mit Jeanne an und wird zum Vertrauten der Familie. Irgendwann will er ihr sein Gerät zeigen, mit dem er ihr Lachen aufzeichnen möchte. Keine Frage, dass dieser sympathische Mensch noch ein paar wunderbare Dinge aus dem Ärmel schütteln wird.

Die Bestie zeigt Zidrou und Frank Pé in allerbester Erzähllaune. Die großflächigen Bilder bersten vor Atmosphäre und neben einigen eher schlichten Eastereggs, mal heißt eine Figur Tillieux, eine andere Figur sieht aus wie die Verlegerlegende Yvan Delporte, gibt es auch eine wunderschöne Anspielung auf die klassische Spirou-Story Das Nest im Urwald, als das Marsupilami sich aus dem herumliegenden Material in der Scheune ein ebensolches Nest baut.

Die Bestie ist gleichzeitig düster, hoffnungsvoll, vergnüglich und dabei voller Lokal- und Zeitkolorit. Die Aufmachung ist wunderschön und die Farbgebung optimal auf das verwendete Papier abgestimmt. Zuguterletzt muss unbedingt auch die herausragende Schrift angesprochen werden. Ronny Willisch dürfte das stimmigste Lettering gelungen sein, das einer deutschen Spirou-Veröffentlichung je wiederfahren ist.

Auf dieses Autorenteam hat das Marsupilami gewartet

10von10Marsupilami – Die Bestie
Carlsen Comics, 2021
Text: Zidrou
Zeichnungen: Frank Pé
Übersetzung: Marcel Le Comte
156 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-551-78510-7
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