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Bilder der Auferstehung

Autor Frank Miller und Zeichner David Mazzucchelli haben mit Daredevil: Born Again 1986 Comicgeschichte geschrieben. Über sieben Ausgaben hinweg werden in dieser legendären Superhelden-Story spirituelle Themen wie Tod, Wiederauferstehung, Vergebung und Erlösung verhandelt – Themen, die nicht nur im Zentrum der christlichen Botschaft stehen, sondern auch die Ursprünge der sequenziellen Kunst als solcher berühren. Ein Essay zum idealen Ostercomic.

Matt Murdock hat einen schlechten Tag. Der ehemalige Staranwalt wartet eigentlich auf neue Jobofferte, stattdessen trudeln per Post nur Hiobsbotschaften ein. Die Bank hat keine Zahlungen erhalten, das Finanzamt friert sein Vermögen ein, und seine Freundin Glori schickt ihm ein Tonband, auf dem sie mit ihm Schluss macht. Und all das vor dem Morgenkaffee. Was Matt nicht weiß: Dass sein Leben gerade aus den Fugen gerät, ist kein Zufall. Hinter Matts Ruin steht der Gangsterboss Wilson Fisk, genannt „Kingpin of Crime“, dessen Verbrechersyndikat weltweit agiert und dessen Einfluss sich bis in die höchsten Kreise von Politik und Gesellschaft erstreckt. Warum hat es der Kingpin aber ausgerechnet auf Matt abgesehen? Ganz einfach: Matt Murdock ist Daredevil! Der blinde Anwalt, der tagsüber in den Gerichtssälen für Gerechtigkeit sorgt, bekämpft nachts im roten Teufelskostüm das Unrecht auf New Yorks Straßen und ist dadurch dem Kingpin schon länger ein Dorn im Auge. Daredevils Identität blieb bisher ein gut gehütetes Geheimnis, aber Matts Ex-Geliebte Karen Page wusste davon. Diese hat New York vor Jahren verlassen, um ein Filmstar zu werden. Zu Beginn von Born Again treffen wir Karen in einem stickigen, dunklen Hotelzimmer in Mexiko an. Aus der großen Schauspielkarriere ist nichts geworden, stattdessen erfahren wir, dass sich Karen offenbar als Pornodarstellerin einen zweifelhaften Ruf erworben hat. Heroinabhängig und völlig am Ende verkauft sie das letzte, was ihr noch bleibt für einen weiteren Schuss: Daredevils geheime Identität.

Die Exposition: Expressive Lichtregie verweist auf den Film noir. © Marvel Comics

Miller inszeniert Karens Verrat im Ambiente einer moralisch wie visuell zwielichtigen Vorhölle: Heruntergelassene Rollos erzeugen eine expressive Lichtregie, wie man sie etwa im Chiaroscuro der Barockmalerei findet und die sich nicht von ungefähr auf die optische Gestaltung des Film noir ausgewirkt hat. Millers Faible für den Film noir allgemein und ästhetisch-moralische Kontraste im Speziellen (schwarz/weiß, gut/böse, schön/hässlich etc.) wird er später vor allem in der Hard-Boiled-Saga Sin City (1991-1992) ausleben. In Born Again ist diese Art der Gestaltung ein erster visueller Kniff, um die Leserinnen und Leser in die düstere Story hineinzuziehen, wobei Mazzucchellis Zeichnungen Millers Vision mit einer derartigen Detailtreue aufs Papier bringen, dass man beim Anblick von Karens fahlem Gesicht gar nicht anders kann, als ins Schaudern zu geraten.

Durch ihren Verrat stößt Karen Ereignisse an, die zu Matt Murdocks symbolischem Tod und seiner eventuellen Wiederauferstehung führen. Über den Mann, dem Karen Matts Geheimnis verkauft, gelangt die Information ins Netzwerk des Kingpins, der sich daraufhin systematisch daran macht, Matts Existenz zu zerstören. Er besticht einen Polizisten, der Matt wegen Zeugenbeeinflussung belasten soll und setzt die Presse in Gestalt des integren Reporters Ben Urich unter Druck, damit dieser Matt nicht in Schutz nimmt. (Auch Ben ist jemand, der von Daredevils Identität weiß.) Abgeschnitten von Freunden und Kollegen, ohne soziales oder finanzielles Auffangnetz, das Apartment in die Luft gejagt, seine Lizenz als Anwalt verloren, landet Matt auf der Straße. Er gilt als vermisst, einen Mordanschlag überlebt er nur knapp. Schwer verletzt wird er von einer Nonne gefunden, die ihn wieder gesund pflegt. Matts Pfad zur Erlösung hat begonnen.

Die Auftaktpanels zu den Kapiteln 1-3: Matt kauert sich zunehmend in die Fötusposition. © Marvel Comics

Dass sich Miller in Born Again stark religiöser Metaphorik bedient, ist schon an der formalen Struktur abzulesen. Die Story ist in sieben Abschnitte gegliedert, wobei die Titel der ersten fünf Ausgaben zentralen christlichen Konzepten gewidmet sind: „Apocalypse“ (Apokalypse), „Purgatory“ (Fegefeuer), „Pariah“ (Ächtung), „Born Again“ (Wiedergeburt) und „Saved“ (Gerettet). Eröffnet werden die Kapitel mit ganzseitigen Panels, die Matts spirituelle Reise von seinem Tod bis zu seiner Auferstehung nachvollziehbar machen. Die ersten drei zeigen ihn sukzessive in die Fötusposition zusammenkauernd, gefolgt von einem Panel in Kreuzigungspose, und schließlich eines, das ihn als stehend porträtiert.

Auftaktpanels zu den Kapiteln 4-5: Von der Kreuzigung zur Auferstehung. © Marvel Comics

Damit werden die Stationen von Matts Reise vom Tod bis zu seiner Auferstehung symbolisch dargestellt. Diese Reise weist Parallelen zum Leidensweg Jesu auf. Zwar lässt sich die Passion Christi strukturell nicht eins zu eins auf jene Matts umlegen – der Kreuzweg besteht traditionell aus vierzehn Stationen, nicht bloß aus sieben – dennoch finden sich verblüffende Ähnlichkeiten. So wie Jesus auf dem Weg nach Golgatha drei Mal unter dem Kreuz zusammenbricht, fällt auch Matt genau drei Mal: Zuerst wird er von einem Taxi angefahren, dann bei einem Überfall mit einem Messer erstochen, bis er schließlich im Boxstudio seiner Kindheit kollabiert. Matts Leidensweg endet in den Armen einer Nonne, ebenfalls als ganzseitiges Panel und in bewusster Anlehnung an traditionell-kunsthistorische Darstellungen der Pietà. Dass sich die Nonne als die längst verstorben geglaubte Mutter Matts herausstellt, ergibt eine weitere Parallele zur Kreuzigungsgeschichte, in der Jesus‘ toter Körper in den Armen der heiligen Mutter Maria beweint wird.

Das Pietà-Motiv in der Version von Mazzucchelli (links, © Marvel Comics) und Michelangelo (rechts, © Traykov)

Dass Miller die christliche Symbolik so betont, macht im Falle seines Helden Matt Murdock (alias Daredevil) durchaus Sinn. Matt ist der Sohn irischer Einwanderer und die katholische Erziehung wesentlicher Teil seines Charakters. Miller hat das erkannt und macht es sich auf einzigartige Weise zunutze: Born Again hebt sich nicht nur visuell, sondern auch was die Fülle an religiös-philosophischen Motive betrifft, deutlich von anderen Superhelden-Comics ab. Es geht nicht mehr bloß darum, Schurken zur Strecke zu bringen, sondern um Fragen nach dem Seelenheil, nach Schuld, Erlösung und Vergebung. In dieser Hinsicht überstrahlt Born Again selbst Millers etwa zeitgleich entstandene, epochale Batman-Stories Dark Knight Returns (1986) und Year One (1987, auch mit Mazzucchelli als Zeichner).

Das religiöse Themenspektrum ist evident – und dennoch greift die einfache Identifizierung Matts mit Jesus Christus zu kurz. Eine solche Interpretation vernachlässigt die Aufmerksamkeit, die Miller den Nebenfiguren seiner Story zuteilwerden lässt. Auch Karen Page und Ben Urich haben ihr Kreuz zu tragen, wobei ihre Geschichten auf komplexe Weise mit der Matts verwoben sind. Nachdem Karen realisiert, was sie angerichtet hat, kehrt sie – immer noch verzweifelt, drogensüchtig, und von den Killern des Kingpin verfolgt – nach New York zurück, wo sie Hilfe von Matts ehemaligem Anwaltskollegen und Freund Foggy Nelson erhält. Ben muss seine Angst überwinden und lernen, trotz der gewalttätigen Einschüchterungsversuche des Kingpins seinen Mann zu stehen. Ähnlich wie Matt lässt Miller auch Karen und Ben ihren eigenen Zyklus von Drangsal, Tod, Wiederauferstehung und Erlösung durchlaufen. Obwohl seine Frau nur knapp ein Attentat überlebt, bietet Ben dem Kingpin die Stirn, indem er eine Story schreibt, welche die korrupten Machenschaften des Gangsters offenlegen. Karen muss sich prostituieren, um es mit der Hilfe eines Zuhälters irgendwie zurück nach New York zu schaffen, zurück zu Matt, der Liebe ihres Lebens, den sie verraten hat. Der Moment, in dem sie schließlich Matt in die Arme fällt, – wiederum ein ganzseitiges Panel ohne Text – zählt zu den emotionalsten Szenen des Comics.

Matt vergibt Karen. © Marvel Comics

Letztendlich ist Miller nicht an der Leidensgeschichte eines/einer einzelnen Heiligen interessiert (keine der Figuren ist perfekt), vielmehr kristallisiert er die Essenz dieser Geschichte heraus und lässt sie anhand verschiedener Menschenschicksale konkret werden. Damit zielt Miller auf ein grundsätzliches Moment von Kunst ab, nämlich als Rezipient aus der Identifikation mit dem Leiden anderer gestärkt und gereinigt hervorzugehen. Es ist dieses Moment von Kunst, das auch in den Vorläufern der heutigen Comics wirksam ist, insbesondere bei den frühen Vertretern sequenzieller Kunst im christlichen Kontext. Wirft man z. B. einen Blick auf das vor allem im Alpenraum verbreitete Fastentuch (lat. velum quadragesimale) – ein Tuch, das bereits im Mittelalter dazu gedient hat, während der Fastenzeit den Altarraum zu verhüllen, sodass die Liturgie nur hörend verfolgt werden konnte – so stechen die Ähnlichkeiten mit der heutigen Erzählform des Comics sofort ins Auge. Das Fastentuch stellt traditionellerweise Szenen aus dem Leben Jesu dar, insbesondere seiner Kreuzigung. In mehreren horizontal angeordneten Streifen können die Stationen seines Leidenswegs von den Besuchern der Kirche mitvollzogen („gelesen“) werden.

Stationen aus dem Leben Jesu, abgebildet auf dem Gurker Fastentuch: Fußwaschung, Ölberg, Gefangennahme, Pilatus, Herodes, Geißelsäule (von links oben nach rechts unten, © schoener-reisen.at)

Einen künstlerischer Höhepunkt bildet etwa das Fastentuch der romanischen Basilika zu Gurk (1458) dar, das aus nicht weniger als 99 Einzelmotiven (entnommen aus dem Alten und Neuen Testament) besteht. Im Kern bleiben die Fastentücher aber Darstellungen der Heilsgeschichte Jesu Christi, der die Leiden der Menschheit auf sich genommen hat, und an dessen Kreuzweg wir zur Fastenzeit erinnert werden. Es ist die Erzähltradition dieser Leidensgeschichte, präsentiert als eine Abfolge von Bildern, an welche Comics wie Born Again anschließen. Die wichtigen Stationen der Leidenswege von Matt, Karen und Ben werden von Miller und Mazzucchelli, wie wir gesehen haben, in stummen ganzseitigen Panels eingefangen, etwa im Pietà-Motiv, oder der Umarmungs-/Vergebungsszene zwischen Matt und Karen. Dabei handelt es sich um bewusste Ruhepole, die einerseits das Geschehen strukturieren, andererseits die spirituellen Themen der Geschichte zum Ausdruck bringen. So lehnen sich Miller und Mazzucchelli nicht nur an traditionelle Ikonographie an, sie führen die Bildsprache der Comics auch auf ihre Ursprünge zurück – auf eine Zeit, als Text und dynamische Panelstrukturen noch kein Thema waren, sondern die Expressivität der Bilder allein den Ausschlag gaben.

Die Rückbesinnung auf die vergleichsweise statische Ikonographie an einzelnen Stellen heißt natürlich nicht, dass Born Again jede Dynamik abgeht. Gerade in den letzten beiden Kapiteln, „God and Country“ (Gott und Vaterland) und „Armageddon“ (Armageddon) überschlagen sich die Ereignisse. Der Kingpin, ungeduldig weil Matt immer noch nicht eliminiert ist, befreit einen Psychiatrieinsassen, der sich als Daredevil ausgeben und Matt dadurch aus der Reserve locken soll. Als das nicht klappt, zieht der Kingpin sein letztes Register: Über den Kontakt zu einem Armeegeneral wird der psychotische Nuke angeheuert, ein mit Adrenalin-Pillen aufgepumpter Supersoldat, der eigentlich die militärische Drecksarbeit für die USA im Ausland erledigen soll. Das Massaker, das Nuke mitten in New York anrichtet, lässt dabei nicht nur Daredevil auf den Plan treten, sondern auch die Avengers Captain America, Iron Man und Thor, die dem Wahnsinnigen schließlich Einhalt gebieten. Spätestens an dieser Stelle sind wir wieder im klassischen Superhelden-Terrain angekommen. Daredevil zieht sich endlich wieder sein Kostüm an und kann er selbst sein.

Daredevils Wiedergeburt. © Marvel Comics

Es gibt wohl kaum ein treffenderes Bild für Matts Wiedergeburt als dieses: im Daredevil-Outfit, inmitten von Flammen, seinen Billy Club im Anschlag und ready for action. Damit hat Mazzucchelli eines der ikonischsten Bilder des „Man Without Fear“ geschaffen. Es ist die Feuertaufe eines Menschen, der durch die Hölle gegangen ist.

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