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Währenddessen… (KW 3)

Das erste „Währenddessen“ im neuen Jahr. Christian begibt sich in den Dschungel diverser Phantom-Comics, Jan-Niklas widmet sich der Aeneis, wie Ursula K. LeGuin sie sah.

Christian: Erinnert sich noch jemand an die Szene in Raiders of the Lost Ark, als das Nazi-U-Boot auf Tauchstation geht, während Indiana Jones sich notdürftig mit der Peitsche am Periskop anbindet und nur hoffen kann, irgendwie lebend aus der Nummer rauszukommen? Der Autor Campbell Black hat sich damals in seiner Romanadaption (vulgo: Buch zum Film) zwar alle Mühe gegeben, Indys Überleben einigermaßen plausibel zu beschreiben, aber Zweifel bleiben doch, ob das so geht. (Vgl. Währenddessen 37, 2022)

Jetzt ist mir das erste Heft der wunderbaren Phantom-Klassiker-Reihe des Art 9-Verlags in die Hände gekommen, in dem die ersten Phantom-Strips von 1936 abgedruckt sind – und da passiert in den Tagesstreifen vom Juni 1936 genau das: Phantom ist auf hoher See auf der Suche nach der unterirdischen Basis der Singh-Piraten, die nur betreten werden kann, wenn zuvor ein künstlich aktivierter Strudel gestartet wird. Eines Tage sieht Phantom seine Chance. Ein Tauchboot der Singh-Piraten steuert zielstrebig den künstlichen Strudel an, während Phantom ganz in der Nähe mit seinem Boot durch die Gegend rudert. Das ist die Gelegenheit: Phantom taucht dem Boot hinterher,  hält sich am Heck des Tauchboots fest und gelangt so in die Zentrale des Bösen. Mit einem Mal wirkt der Indiana Jones-Film doch nicht mehr so unwahrscheinlich.

Panelfolge aus „Phantom – Die Klassiker 1 – Die Singh-Bruderschaft“. Art 9-Verlag. Lee Falk und Ray Moore.

Aber beide Werke haben noch etwas Weiteres gemeinsam: Man mag sich gar nicht so sehr über solche Unwahrscheinlichkeiten aufregen, weil uns sofort die nächsten Schauwerte des Spektakels in ihren Bann ziehen. Da akzeptiert man gerne, dass hier und da die Erzählung doch mal etwas over the top ist. Die frühen Phantom-Comics haben davon reichlich: Actionszenen mit Autos, Schüsse in der Nacht, Gangster, sadistische Räuber aus Fernost, ehrenvolle Soldaten aus der Kolonialära, intrigante Haremsdamen, Zweikämpfe am Abgrund, Haifischbecken, heißes Öl, kurz und gut – da passiert so einiges. Und über alledem die Frage: Wer ist das Phantom, und: kriegt er das Mädchen (Diana)?

Aus „Phantom – Die Klassiker“

Über 80 Jahre später wissen wir: ja, Phantom bekommt seine Diana, und sie schenkt ihm zwei gut geratene Kinder, die sich gerne auf ihrem Posten als würdige Phantom-Nachfolger vorbereiten lassen. Inzwischen ist die reißerische Strip-Serie aus den 30ern aber auch ganz schön brav geworden. Die Zeitungsstrips des neuen Jahrtausends – bei uns sind sie in fast jedem Heft des Zauberstern-Verlags abgedruckt – sind herzerwärmend gutartig, menschenfreundlich und sehr lesenswert, zumal Tony dePaul und Paul Ryan ihre Geschichten wirklich sehr sorgfältig erzählen und ein gutes Gespür für Details haben.

Tatsächlich sind die neueren Geschichten um einiges besser erzählt als die alten Klassiker von Lee Falk und Ray Moore. Die alten Stories wirken anrüchig und reißerisch; die neuen Stories eher, als handle es sich um die konservativste Erzählung aller Zeiten: es ist eine Huldigung an die Idee der stabilen Kernfamilie und feiert eine generationenübergreifende Stabilität, wenn die Kinder des Phantoms nur zu gerne den Stab übernehmen und die Fackel der Gerechtigkeit weitertragen. Vielleicht ist das Phantom ja deswegen gerade heute wieder so beliebt.

Dschungelromantik in den Phantom-Strips von 2009. Aus Phantom 17, Zauberstern-Verlag. Von Tony dePaul (Text) und Paul Ryan (Zeichnungen).

Lesetipps zum Einstieg:

Phantom – Die Klassiker (Art 9, vier Hefte bis jetzt): Reißerisch, atemlos, romantisch. Alles was man von pulp fiction erwartet.

Phantom – Lockruf der Sirenen (Zauberstern-Heft 7): Schwedische Neuversion einer Story von 1945. Schöner Eskapismus, in der das Wesentliche zu sein scheint, dass die Schurkinnen sich als Meerjungfrauen verkleiden und Seefahrer ins Verderben locken. Der Künstler Roy Felmang nutzt jede Gelegenheit, die Frauen in Pin Up-Posen im Spannungsfeld zwischen Verruchtheit und Unschuld in Szene zu setzen. Fans von Dave Stevens‘ Rocketeer werden diese Geschichte lieben.

Diana unter Piratinnen. Aus Phantom 7, Zauberstern-Verlag

Phantom – Gefahr in der verbotenen Stadt (Zauberstern 15 – 17): Eine Story von 2016. Sämtliche Klischees werden bedient, die Figurenkonstellation (Feinde müssen sich zusammenraufen) ist konstruiert, die One-Liner sind wie aus einem drittklassigen Actioner und die Dialoge sind hölzern. Es wird jedes Register gezogen, um das Comic-Äquivalent eines Blockbusters im Stil der 90er in Szene zu setzen und es gelingt auch, denn die Actionreißer, die Mitte der 90er ins Kino kamen, waren ja oft nicht wirklich gut. Fans von Filmen wie Con Air haben sicher ihre Freude daran, irgendwie erinnert’s aber auch an Sachen wie Quartermain und die Goldene Stadt. Diese Variante des Phantoms hat trashigen Charme. Text: Peter David, Zeichnungen: Sal Velluto.

Auf der Jagd nach dem Actionklischee. Aus Phantom 15, Zauberstern, „Danger in the Forbidden City“, Text von Peter David, Bilder von Sal Velluto)

Phantom – Der wandelnde Geist (Zauberstern 10): Und gleich noch ein Phantom im Blockbuster-Stil, aber diesmal von 1988. Der Comic von John Orlando und Peter David ist im eckigen Stil vieler 80er Jahre Superhelden-Comics und obwohl die Story durchaus brutal ist, ist folgt die Haupthandlung dem Muster einer typischen Action-Comedy. Phantom ist im Duell mit dem industriellen Großgangster Chessman, während seine Freundin Diana drauf beharrt, dass Chessman der beste Freund der Familie ist. Als sie Phantoms Totenkopf-Emblem auf der Backe des Schurken sieht, entrüstet sie sich aufs Äußerste und stellt sich gnadenlos dumm: „Deine Maske scheint wohl zu eng zu sitzen, Kit.“ Das ist alles recht spritzig und deshalb ist mir das auch eine Empfehlung wert.

„Deine Maske scheint wohl zu eng zu sitzen, Kit.“ Aus Phantom 10, Zauberstern (Artwork: Joe Orlando, Text: Peter David).

Phantom – Die Strips von Tony dePaul und Paul Ryan (fast in jedem Zauberstern-Heft): Der Zauber der neuen Strips liegt in der Bodenständigkeit und Langsamkeit, was man nicht mit Langeweile verwechseln sollte. Ob es sich um die übergreifende Geschichte um zwei junge Frauen handelt, die sich in Phantoms Dschungelpatrouille beweisen wollen oder um das Drama um den Terroristen Python, der Ebola-Viren generieren will und sich dann versehentlich selbst ansteckt – immer steht das Menschliche im Vordergrund, was die Phantom-Strips neuerer Prägung gerne zur Soap Opera werden lässt. Sympathisch und – wie bereits erwähnt – im besten Sinne konservativ.

Noch mehr Phantom-Lesetipps gibt’s hier: Währenddessen… (KW 24) – Comicgate

Niklas: Lavinia ist der letzte Roman der Schriftstellerin Ursula K. LeGuin – und das erste gute Buch, das ich dieses Jahr gelesen habe.

Die Erzählerin ist Lavinia, Tochter des Königs von Latinum und zukünftige Gemahlin des trojanischen Helden Aeneas. Aus der Vereinigung dieser beiden Mythengestalten wird die Dynastie entstehen, die eines Tages Rom gründen wird. Lavinia erfährt früh von der goldenen Zukunft ihres Volkes, aber sie muss trotzdem ihr eigenes Leben leben, ihre eigenen Entscheidungen treffen und hoffen, dass das Schicksal sich nicht beeinflussen lässt – nur um dann zu hoffen, dass es sich doch ändern wird. Das ist nur menschlich. Der Traum einer goldenen Zukunft ist nicht so greifbar wie die harte Realität der Gegenwart.

Lavinia war in Vergils berühmten Epos, der Aeneis, nur ein Preis für die Hauptfigur Aeneas, der Schlüssel, um sein eigenes Reich zu gründen. LeGuin dagegen hat sich viel Mühe gegeben, aus ihr eine lebende, komplexe Figur zu gestalten. Sie hat ein gutes Herz, ist aber auch eigensinnig und lehnt sich gegen so manche Regel ihrer Gesellschaft auf. Aber sie ist auch eine religiöse Frau, die fest an die Richtigkeit von Ritualen glaubt und die Mächte ehrt, die das Universum zusammenhalten. Durch ihren Glauben erhalten die Zusammenhänge ihrer gewalttätigen Welt einen Sinn.

Lavinia zeigt, dass in einer Welt der Gewalt auch Platz für Frieden sein muss, eine Balance zwischen den aggressiven und passiven Mächten. Genauso wahrscheinlich ist aber auch, dass es keine übernatürliche Erklärung gibt und die Welt deswegen so ist, weil die Menschen sich gemeinsam entschieden haben, dass sie so ist. Und wie die Menschen sich wandeln können, kann es auch die Gesellschaft, es bleibt immer Raum für die Bedürfnisse des Individuums und denen der Masse. Es gibt eine Menge, das ich in Lavinia interpretieren könnte und das macht für mich einen Teil des Spaßes aus.

Gelesen habe ich es in der deutschen Ausgabe des Carcosa Verlags, die das Buch in einem soliden Softcover mit sehr guter Papierqualität anbieten. Die Übersetzung passt sich gut an LeGuins poetischen Stil an, sodass sie eine hervorragende Alternative zum englischen Original darstellt.

 

 

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