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Weiße Felder

Vincent Marbier hat als Zeichner mit dem ersten Comicalbum einer Fantasy-Geschichte den großen kommerziellen Erfolg erreicht. Ungeduldig warten Autor, Verleger und Leser auf die Fortsetzung, deren Skript bereits vollständig fertiggestellt ist. Doch Marbier sitzt vor den leeren Panels und findet einfach keinen Zugang, keine Inspiration für die Umsetzung des zweiten Bandes.

Alle Abbildungen: © Splitter-Verlag

Alle Abbildungen: © Splitter-Verlag

Die Geschichte eines Künstler, der vor einem leeren Blatt Papier sitzt und vergeblich auf Inspiration wartet, hat Romain Renard erst vor kurzem in seinem Comic Melvile erzählt. Dort ging es um einen Schriftsteller, der in den Fußstapfen seines ebenfalls schreibenden Vaters ein vielversprechendes Romandebüt vorlegte. In Weiße Felder spielt hingegen der Beruf des Comiczeichners eine entscheidende Rolle. Hier hebt sich der Comic von Szenarist Sylvain Runberg (Orbital, Warship Jolly Roger) und Zeichner Olivier Martin, bei allen vordergründigen Gemeinsamkeiten, deutlich von Renards Werk ab. Vincent Marbier ist Gefangener der Erwartungen anderer und einer Vorlage, mit der er sich nicht identifizieren kann. Aber der große Verkaufserfolg macht eine zügige Fortführung, ob mit oder ohne die Mitarbeit des zaudernden Künstlers, unabdingbar. Zumal vom anstehenden Album Nummer 2 maßgeblich die positive Jahresbilanz des gesamten Verlages abhängt. Wie also dem steigenden Druck entfliehen? Und wie den Leuten reinen Wein einschenken, dass bislang nicht mal eine einzige Seite gezeichnet wurde?

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Ähnlich wie in Melvile, vesucht es auch die Hauptfigur in Weiße Felder mit Ablenkung. Man geht in die Natur, lernt unerwartet neue Menschen kennen, versucht den Kopf frei zu bekommen. Runberg taucht mit seiner Erzählung jedoch wesentlich tiefer in das Drumherum ein: in die Mechanismen des Comicmarktes, in den kreativen Prozess, die Zusammenarbeit mit dem Texter und die Erwartungen der Leserschaft. Und auch die Familie gilt es irgendwie zu managen. Das macht das Leben und die Arbeit Vincent Marbiers erlebbarer, intensiver. Und mit dem Auftritt realer Zeichnerkollegen wie Emmanuel Lepage und sogar Olivier Martin persönlich, sowie einem fiktiven Magazin-Interview mit dem Künstlerduo der ebenfalls fiktiven Comicreihe „Der Pfad der Schatten“ (so der Titel von Marbiers Serie) verwischt Runberg in seiner Metastory gekonnt die Grenzen zum realen, französischen Comicbetrieb.

Überdies bleiben aber auch die ruhigen, persönlichen Momente anzumerken, die viel über das Seelenleben des Protagonisten aussagen. In unaufgeregten, skizzenhaften Bildern vermittelt Olivier Martin jede Menge Emotionen. Und das Ganze mit einer extrem zurückgeschraubten Farbauswahl. Die dezente Kolorierung tut dem Comic gut, der damit nicht völlig nüchtern wie ein Schwarz-Weiß-Album ist, sondern mit kleinen Nuancen und Facetten spielt.

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Leider steuert Weiße Felder zwischenzeitlich auf eine inhaltlich größer inszenierte Katastrophe zu, was den Band kurioserweise wieder mit Melvile verbindet, welches einer ganz ähnlich gelagerten, erzählerischen Wendung ebenfalls nicht widerstehen konnte. Das ist insofern eine tragische Duplizität, als dass dadurch ein unnötiger, künstlicher Spannungsbogen gezogen wird, der auf ein pathetisches Ende hinarbeitet. Das hat der Comic als gut gemachtes, nachdenkliches Drama eigentlich gar nicht nötig gehabt. Dennoch überwiegen die positiven Aspekte bei diesem Album, das mit starkem Artwork und einer in weiten Teilen faszinierenden Story überzeugt.

Ein Blick ins Atelier eines Comiczeichners, der eine künstlerische Blockade zu lösen versucht; das Ergebnis ist faszinierend

Weiße Felder
Splitter-Verlag, 2015
Text: Sylvain Runberg
Zeichnungen: Olivier Martin
Übersetzung: Swantje Baumgart
88 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 17,80 Euro
ISBN: 978-3-95839-144-4
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