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Orakel 1&2

Die neue Serie Orakel basiert auf einem ähnlichen Konzept wie die ebenfalls von Jean-Luc Istin entworfene Reihe Elfen. Dabei fungiert er oft nur als Ideengeber und lässt zu einem vorgegebenen Thema abgeschlossene Geschichten von unterschiedlichen Kreativteams erzählen. Auch bei Orakel stammt das Konzept von Istin und die einzelnen Alben von verschiedenen  Autoren und Zeichnern. Doch es gibt einen zentralen Unterschied: Bei Elfen ist das märchenhafte Wesen das verbindende Element, in jedem Abenteuer wird eine andere Art von Elfen näher porträtiert. Bei Orakel allerdings dreht sich die ganze Serie um ein gemeinsames Kernthema, wobei auch hier die einzelnen Geschichten unabhängig voneinander und jeweils inhaltlich abgeschlossen sind.

© Splitter Verlag

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In jeder Episode geht es um das Schicksal und die Auflehnung dagegen. Fast zwangsläufig treten da archetypische Figuren auf, und auch die Konflikte an sich sind nicht neu, sondern stehen ganz in der Tradition des antiken Dramas. Folgerichtig sind die Erzählungen direkt im antiken Griechenland angesiedelt. Wie in den klassischen Tragödien geht es darum, dass den Protagonisten ein Schicksal vorherbestimmt ist, gegen dass sie sich wehren, oder dem sie entgehen möchten. Dabei stellt sich die Grundfrage, ob der Mensch Herr seiner Taten oder ein Spielball des Schicksals beziehungsweise der Götter ist. Die Götter des griechischen Pantheons treten hier persönlich auf und auch sie besitzen ein Fatum, aber auch die Macht, das Leben der Menschen zu beeinflussen. Es ist ein homerisches Thema. Kein Wunder, dass Homer persönlich auftritt, im ersten Band als Kind und im zweiten als Jugendlicher.

Die beiden bisher vorliegenden Bände sind recht düster ausgefallen: In „Die Pythia“ geht es um eine wunderschöne Frau, welche als Orakel fungiert, aber in einer schicksalsschweren Nacht vom Gott Apollo vergewaltigt wird. Sie schwört Rache und provoziert einen Krieg, der auch vor den Toren des Olymps keinen Halt macht. „Der Sklave“ erzählt von einem verstoßenen Fürstensohn, dem es zunächst gelingt, den Thron zurückzuerobern. Um ihm Demut zu lehren, schicken ihn die Götter jedoch in die Sklaverei.

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Die jeweils sehr vielschichtigen Hauptfiguren erwecken in ihrem Schicksal durchaus Mitleid, aber man hat als Leser zugleich genug Distanz zu ihnen, um sich der unterhaltsam präsentierten Thematik zu nähern. Im ersten Band sind die Rollen klar verteilt: Während der Gott Apollo in seinem Auftreten geradezu Hass beim Leser erzeugt, ist man durchgehend auf der Seite der Pythia. Beim zweiten Band bleibt man als Leser eher neutral, da sowohl der Held als auch die Götter gefangen in ihrer Situation erscheinen und sich in einer wechselseitigen Beziehung befinden. Hier wird deutlich, dass nicht nur der Mensch Götter braucht, sondern auch umgekehrt.

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Stilistisch sind beide Episoden sehr gelungen und bieten naturalistische Zeichnungen, die einen durch ihren Detailreichtum in die Geschehnisse ziehen. Auch die Farbgebung ist äußerst imposant ausgefallen. „Der Sklave“ stammt übrigens vom gleichen Kreativteam wie Die Chroniken von Arawn, das auch hier wieder ein Höllenszenario entwirft. Gelungen sind beide Alben und so kann man gespannt sein, wie das Thema in den folgenden Bänden behandelt wird, die von Splitter zügig im Zweimonatsrhythmus veröffentlicht werden.

Grafisch beeindruckend und psychologisch vielschichtig wird auf unterhaltsame Weise das Thema ‚Schicksal‘ behandelt

Orakel
Splitter Verlag, 2015
Konzept: Jean-Luc Istin
Übersetzung: Tanja Krämling
je 56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: je 14,80 Euro

Band 1: Die Pythia
Text: Olivier Peru
Zeichnungen: Stefano Martino
ISBN: 978-3-95839-000-3
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Band 2: Der Sklave
Text: Ronan Le Breton
Zeichnungen: Bertrand Benoit
ISBN: 978-3-95839-000-3
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