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Judas (US)

„Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre.“ Mit diesen Worten richtete sich Jesus – zumindest nach dem Matthäus-Evangelium – am Vorabend seiner Verhaftung durch die Römer an seine Jünger. Zu diesem Zeitpunkt war Jesus bereits im Bilde darüber, dass Judas ihn für 30 Silberlinge an die Römer verraten hat, und das ließ er den Verräter auch spüren. Aber hat Judas seinen Herrn tatsächlich „verraten“? Wie sonst, wenn nicht durch ihn, hätte es denn zur Kreuzigung und damit zur Vollendung der Heilsgeschichte kommen sollen?

Alle Abbildungen © Boom! Studios

Eine alte Fragestellung, der sich Jeff Loveness und Jakub Rebelka in ihrer Miniserie Judas von 2017 annahmen und die nun in gebundener Form vorliegt. Die beiden Autoren wählen in ihrer Story dabei einem ähnlich Ansatz wie Will Eisner in seiner letzten Graphic Novel Fagin the Jew: Sie nehmen eine ambivalente Figur und spielen deren Anwalt. Im vorliegenden Fall machen sie dabei nicht weniger, als die Geschichte der Kreuzigung und der Auferstehung Jesu noch einmal neu aufzusetzen. Das birgt die spannende Frage, ob der Comic provokativ und blasphemisch oder doch eher religiöser Kitsch ist.

Dabei verwenden die Autoren ihre Figur wenigstens teilweise auch als Sprachrohr für ihre persönlichen Ansichten. Als Judas sich Jesus anschließt, stellt er sich bald die leidliche Frage, wie dieser mächtige Sohn Gottes – beziehungsweise der Gottvater – es zulassen kann, dass Menschen krank sind, wo Jesus doch offensichtlich die Gabe hat, Kranke zu heilen. Wie kann es sein, dass Gott Leid zulässt? Mit dieser Einengung verschließt sich der Comic jedoch zugleich der Sichtweise, dass Religiosität sich bei vielen Menschen weniger durch das Hoffen auf Wunder auszeichnet als vielmehr durch das Bedürfnis, sich komplett in ein schlüssiges, sinnstiftendes und gemeinschaftsförderndes Weltbild fallen lassen zu dürfen.

Menschliche Kälte

Dennoch ist die Frage der Theodizee natürlich eine legitime und oft gestellte, und Judas ist die richtige Figur dafür, weil gerade er – ganz Materialist – sich von Jesus etwas Konkretes und Greifbares erhofft. Es ist der Moment, als Jesus im Haus von Simon dem Aussätzigen die Füße mit kostbarem Öl gesalbt werden, dass Judas den Entschluss fasst, seinen Verrat zu begehen: „Da das die Jünger sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? [Das  Öl] hätte teuer verkauft und das Geld den Armen gegeben werden können. Als Jesus das merkte, sprach er zu ihnen: Was bekümmert ihr die Frau? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit.“ Für Judas eindeutig zu viel der göttlichen Hybris.

Judas ist hier nicht der niedrigste und verkommenste, sondern der aufrichtigste – zumindest der idealistischste Jünger, der die schwerste Aufgabe von allen auf sich zu nehmen hat: Den letzten Akt der Geschichte einzuläuten und für alle Ewigkeit die Last des Sündenbocks zu tragen. Das trägt bisweilen fantasylastige Züge, vor allem was die Darstellung von Luzifer und den Dämonen in der Hölle angeht, denen Judas begegnet, nachdem er sich am Olivenbaum erhängt hat. Aber es ist eine Form von Fantasy, die auch für religiöse Gemüter akzeptabel bleibt.

Judas und der Teufel

Jeff Loveness‘ und Jakub Rebelkas religiös-epische Fantasy überzeugt vor allem, weil nie eindeutig greifbar wird, ob es sich um das Gedankenspiel zweier überzeugt religiöser Künstler handelt oder ob deren Haltung eher agnostischer oder atheistischer Natur ist. Unstrittig bleibt hingegen, dass sie eine respektvolle Haltung gegenüber dem antiken Ursprungstext zeigen. Der Comic Judas bewegt sich damit in der Tradition eines Philipp Pullman, der sich ja ebenfalls als Atheist in Büchern wie His Dark Materials oder The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ immer wieder aufs Neue an christlichen Themen abarbeitete und aus seiner Bewunderung gegenüber dem Originalmaterial nie einen Hehl machte.

Ich selbst sehe die Schlussfolgerung aus der Geschichte zwiespältig, da sie einer Prädestination das Wort redet. Gemäß Prädestination hatte Judas ja tatsächlich eine ihm zugewiesene Rolle zu spielen – ihn dafür zu bestrafen wäre dementsprechend eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, da ihn keine persönliche Schuld trifft. Taucht man jedoch in den Moment der Geschichte ein und ignoriert den vorgezeichneten Verlauf, so ging es Judas jedoch sehr wohl um die Silberlinge und die persönliche Bereicherung – woran auch sein Idealismus nichts ändert. Womit sich einmal mehr zeigt, dass die Bibel immer noch einen Steinbruch an Ideen liefert, der uns noch lange als Inspiration dienen wird.

Bibelfeste Fantasy

8von10Judas
Boom! Studios, 2019 (2nd printing)
Text: Jeff Loveness
Zeichnungen: Jakub Rebelka
112 Seiten, farbig, Softcover
Preis: 14,99$
ISBN: 978-1684152216
Leseprobe

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