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Dracula

Weder neu noch originell – die Vampirgeschichte von Roy Thomas und Mike Mignola ist 1992 erschienen und war schon damals nicht originell, sondern nur die Comicadaption von Francis Ford Coppolas Filmadaption (1992) von Bram Stokers Dracula (1897). Man sollte sie trotzdem unbedingt lesen.

Alle Abbildungen © Panini

Damals, als alles noch schwarz-weiß war und das WLAN noch nicht flächendeckend, damals, im Jahre 1462, verlor der transsilvanische Fürst Vlad Dracula seine Frau, wendete sich vom Christentum ab und wurde zu dem blutdurstigen, unsterblichen Monster Dracula. Als Vampir überlebt er die Jahrhunderte in seinem einsamen Schloss und gibt die Hoffnung nicht auf, seine verstorbene Frau, Elisabeta, wiederzusehen.

Dracula möchte Landbesitz in England erwerben und bestellt hierfür, so war das wohl ohne Internet, einen englischen Makler, Jon Harker ein. Dieser hat seine Verlobte, Mina, in England zurückgelassen mit dem Versprechen, dass sie nach seiner Heimkehr heiraten würden.

Obwohl die Reise, das Schloss und der Graf wie Prototypen aus einem Horror-Genre-Handbuch daherkommen, wird Harker erst misstrauisch, als es schon zu spät ist. Er kann entkommen, aber Dracula ist schon auf der Reise nach England, um dort Mina aufzusuchen, die erstaunliche Ähnlichkeit mit seiner Eilsabeta hat.

Es kommt, wie es kommen muss: Der legendäre Vampirjäger, Prof. van Helsing, eilt zur Hilfe, um den inzwischen in England (liebes-)wütenden Dracula zu stoppen.

1991 gab es noch keinen Hellboy, Mike Mignola hatte noch keinen seiner sechs Harvey Awards, keinen einzigen seiner zwölf Eisner Awards gewonnen. Er hatte immerhin schon einige Comics bei Marvel und DC veröffentlicht, darunter auch den Batman-One-Shot Gotham by Gaslight (mit Brian Augustyn, 1989), der im ausgehenden 19. Jh. spielte und Mignolas Interesse an dieser Zeit widerspiegelte.

Roy Thomas und Mike Mignola haben mit dieser Veröffentlichung nichts Neues geschaffen. Der Comic erschien zuerst in vier Ausgaben 1992-93 bei Topps und wurde 2018 bei IDW neu aufgelegt – in einer Schwarz-weiß-Ausgabe, die nicht weniger stark ist als die Kolorierung von Mark Chiarello.

Die Schwarz-Weiß-Ausgabe (© IDW) und die kolorierte Fassung im Vergleich (© Panini)

Überhaupt: Es ist nicht die Story, die diesen Dracula so lesenwert macht, sondern es sind die Zeichnungen von Mike Mignola. Nur wenige Zeichner haben einen so unverwechselbaren Stil, und man sieht in den Bildern schon die Ästhetik von Hellboy, den Mignola erstmals 1993 zeichnete und der ihm ab 1994 bei Dark Horse nachhaltigen Ruhm bescheren sollte.

Der Comic hält sich in Handlung und Bildsprache sehr eng an das Original, aber entgegen dem Titel nicht an das Original von Bram Stoker, also die Gothic-Novel-Vorlage von 1897, sondern an die Filmadaption Francis Ford Coppolas von 1992. In diesem pompösen und pathetischen Film (mit Keanu Reeves, Gary Oldman, Wynona Ryder, Anthony Hopkins und Tom Waits) hat Coppola sich schon beträchtliche Freiheiten gegönnt, und Thomas/Mignola übernehmen diese.

Bis in die einzelnen Kameraeinstellungen hinein kopiert der Comic die Ästhetik des Films. Mina sieht aus wie Winona Ryder, Jon Harker wie Keanu Reeves, Renfield wie Tom Waits. Dass Dracula nicht unbedingt ein visueller Doppelgänger von Gary Oldman ist, liegt nur daran, dass er aufgrund seiner Maske schon in Coppolas Film nur bedingt zu erkennen war. Roy Thomas sagte in einem Interview, „Thanks primarily to the art of Mike Mignola, the comic book is better than the film.“

In der Vielzahl von literarischen, filmischen, aber auch Adaptionen im Comic, sticht die Umsetzung von Thomas und Mignola hervor. 2019 haben Russell Punter und Valentino Forlini bei Usborne eine Adaption für Jugendliche veröffentlicht, die grafisch zwar nicht sonderlich interessant ist, aber nicht ganz enttäuscht. Spannender schon ist Alberto Breccias freiere Interpretation in Dracula (1982), und hier (Breccia) wie dort (Mignola) ist es vor allem der grafischen Gestaltung zu verdanken, dass die Comics so lesenswert sind.

Weder neu noch originell – aber dennoch wunderschön

8von10Bram Stoker’s Dracula
Panini, 2019
Text: Roy Thomas
Zeichnungen: Mike Mignola
Übersetzung: Bernd Kronsbein
140 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 29,00 Euro
ISBN: 978-3741614347
Leseprobe

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