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Das Urteil

Der junge Georg Bendemann ist frisch verlobt und hat nach dem Tod der Mutter das Geschäft seines Vaters übernommen. Ganz offensichtlich hat er sein Leben im Griff und eine glänzende Zukunft in Sicht – anders als sein Brieffreund, der nach Russland ausgewandert und dort als Geschäftsmann gescheitert ist. Georg hat Skrupel, dem Freund von seinem Glück und seiner kommenden Hochzeit zu berichten, denn er möchte diesen nicht beschämen. Doch ist Georgs Glück tatsächlich so groß? Ein Gespräch mit seinem Übervater, von dem er glaubte, sich emanzipiert zu haben, und die Konfrontation mit verdrängten Gefühlen werden ihn bald eines Besseren belehren. Am Ende bleibt nur der Tod als mögliche Zukunft bestehen.

Das Urteil 7

© Knesebeck

Das Urteil ist eine frühe Geschichte von Franz Kafka, die dieser 1912 in einer einzigen Nacht heruntergeschrieben hat. Man merkt ihr die Fiebrigkeit an, mit der sie verfasst wurde, Kafka musste um jeden Preis diese sehr persönliche und autobiografisch bedeutsame Geschichte schreiben. Diese Getriebenheit geht in der aufwändig gestalteten Comicadaption natürlich verloren, was der Geschichte die Dringlichkeit und die bedingungslose Reduktion auf das Wesentliche raubt.

Frühere Kafka-Adaptionen litten oft darunter, dass sie durch ihre Visualisierung vom Kern des Textes ablenkten und die Möglichkeit zur Interpretation mitunter gar verbauten, was gerade bei Kafkas Geschichten eigentlich nicht sein darf. Solche Adaptionen und Illustrationen sind nicht mehr als Schmuckwerk. Schmuckwerk allerdings, das für die Schnittmenge derer, die sich für Kafka und für Comics gleichermaßen interessieren, durchaus von Interesse sein kann, haben die unterschiedlichen Ansätze der visuellen Gestaltung doch einen Wert in sich selbst, auch wenn sie für die Erzählung keinen Mehrwert bedeuten.

Moritz Stetter ist sehr gedankenvoll bei seiner Adaption vorgegangen und hat sich mit expressivem Tuschestrich völlig auf das Innenleben der Hauptfigur Georg konzentriert. Den ersten Teil der textgetreuen Adaption gestaltet er mit hellen, warmen Farben, die den ausgeglichenen Gemütszustand der Figur spiegeln. Konterkariert wird diese Idylle mit einer düsteren Sequenz, die vom Schicksal des Freundes in Russland erzählt und zeigt, wie dieser sich in einem Dornengestrüpp verliert. Auf diesen Seiten hätte ich gern mehr konkrete Illustration gesehen anstelle der recht abstrakt gehaltenen Stimmungsbilder. Allerdings ist mir durchaus bewusst, dass jede szenische Darstellung von Nebenschauplätzen vom Innenleben der Figur ablenkt und neue Interferenzen zwischen Leser und Text erzeugen kann. Die Vagheit, mit der Moritz Stetter illustriert, ist also durchaus dem Bewusstsein geschuldet, dass der Text interpretationsoffen bleiben muss.

Das Urteil 4

© Knesebeck

Je mehr sich die Geschichte entwickelt, desto mehr lösen sich diese von den freundlichen Stimmungsbildern. Georgs Geschäft ist die expressionistische Alptraumversion einer Fabrik und ein Bild, auf dem er mit seiner Verlobten zu sehen ist, zeigt das Paar mit verwischten Gesichtern. Noch düsterer – und gleichzeitig surrealer – wird die Darstellung, als Georg seinen Vater besucht, der in einer verwahrlosten, dunklen Kammer wohnt. Das Gespräch mit dem Vater ist parallel zu einer Darstellung von Georgs Seelenlandschaft montiert, in der dieser sich durch das undurchdringliche Baumgeflecht der Beziehung zum Vater kämpft, ohne je den kompletten Baum erfassen zu können.

Das Gespräch wird für Georg schlecht enden. Verdrängtes wird nach oben gespült werden, jede vermeintliche Sicherheit wird Georg verlieren und die Barriere zwischen Realität und Imagination wird sich für ihn mehr und mehr auflösen. Der Vater wird immer der Übervater und Georg immer abhängig von dessen Urteil sein, egal, wie stark er gerade glaubt zu sein.

Das Urteil 3

© Knesebeck

Moritz Stetters Grafik ist durchgängig überzeugend. Seine Panelfolgen geben der Erzählung einen stimmigen Rhythmus und setzen an den richtigen Stellen Akzente und Irritationen. Und auch die Farbgebung und das Lettering sind außerordentlich gelungen, womit Das Urteil ein gelungener Beitrag zu einer gar nicht mehr so kleinen Sammlung von Kafka-Adaptionen geworden ist. Es ist ganz offensichtlich: Kafka sells. Dennoch würde man als Comicfan doch gerne einmal sehen, dass sich ein Talent wie Moritz Stetter an etwas Neuem, Unverbrauchtem versucht und nicht nur fürs literarische Museum arbeitet. Das Leben ist zu kurz für eine stilistische Fingerübung nach der anderen.

Muss es auch geben: Ein illustrierter Klassiker, der seiner Vorlage tatsächlich gerecht wird. Teilweise betörend schöne Bilder.

7von10Das Urteil
Knesebeck, 2015
Text: Franz Kafka
Zeichnungen: Moritz Stetter
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3-86873-524-6
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