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Capricorn Gesamtausgabe 4

Geheimgesellschaften streiten um die Weltherrschaft: mit der Raffinesse von Monsanto, aber dem glücklosen Händchen eines VW-Managers. Gut, dass sich einer den strauchelnden Verschwörern in den Weg stellt. Band 4 der Gesamtausgabe von Capricorn ist erschienen.

© Schreiber und Leser Verlag

Die Handlung der 20 Alben umfassenden Serie Capricorn des in Frankreich lebenden Andreas Mertens ist reichlich schwer zu erzählen, allein aufgrund der Fülle der Figuren, Handlungsstränge und  Wendungen (s. Grafik). Eine Facebook-Fanpage von Capricorn würde den Status „Es ist kompliziert“ tragen, und die Bemühungen der Hauptfigur, Licht ins Dunkel zu bringen, haben bislang nicht dazu geführt, dass alles glasklar wird. Capricorn bleibt kompliziert, und das ist die Stärke dieser beeindruckenden Serie.

© Gerrit Lungershausen 2018

Ein achtseitiger Prolog zeigt uns in feinen Bleistiftschraffuren eine kurze ländliche Szene aus dem Jahr 1909, in deren Verlauf drei männliche Kindsköppe dem Sohn des einen Mannes einen Streich spielen, indem sie das Kinderbett des schlafenden Balges nach draußen tragen und belustigt verfolgen, wie dieses reagiert. Aber zum Lachen bleibt dem Leser wenig Zeit, denn in #10 „Fragment“ ist einiges los: Capricorn, Samuel T. Growth und Mordor God gelangen auf unterschiedlichen Wegen in eine Höhle, in der sie nicht nur das Fragment finden, sondern vor allem die Macht aller Mächte: die Gilde? Nein. Die Bruderschaft der Mentoren? Nö! The Concept?? Auch nicht! Sie treten den bislang nur selten erwähnten Strippenziehern der Macht gegenüber, die sich „Die Drei“ nennen. Langsam gehen dem aufmerksamen Leser manche Lampen an, denn bei den drei kauzigen Senioren handelt es sich um die kindsköppischen Herren aus dem Prolog: Edmond Noel-Oban, Trent Parris und Zander Koud. Ganz in der Tradition selbstsicherer Bond-Schurken erläutern sie den Gefangenen ihre Pläne, bevor alles aus dem Ruder läuft. Dass „The Concept“ eigentlich nur ein Sozialexperiment der Drei war, verwundert alle Anwesenden. Noch aufregender wird es nur, als Capricorn und damit auch der Leser sich an seinen Namen erinnert.

© Schreiber und Leser

Die Auflösung von „The Concept“ hat zu einem Zusammenbruch der Infrastruktur in #11 („Chinesen“) geführt: kein Telefon, kein Telegraf steht mehr zur Verfügung. Capricorn kehrt auf seinem Weg zum Atlantik in einer vermeintlichen Landidylle ein (aside: sind die nicht immer nur vermeintlich idyllisch?). Die beiden benachbarten Familien, die friedfertigen Gallurons und die streitsüchtigen Duroux, kommen auf keinen grünen Zweig. Opa Duroux schießt auf Chinesen, dessen Enkel Momo zündelt mit Streichhölzern und Mietzekatzen, Bruder Luke missbraucht seinen Traktor als Waffe. #11 ist aus der großen Capricorn-Erzählung um Geheimbünde, Geheimfragmente und Geheimgeheimnisse ausgekoppelt – eine grausam-unterhaltsame Geschichte, die vom katzenhassenden Momo am Ende lakonisch zusammengefasst wird: „Wir gehen dahin, wo es keine Erwachsenen gibt, Flora. Erwachsene sterben immerzu.“

In #12 „Patrick“ wird Capricorn vom titelgebenden Patrick mit einer Schusswunde aufgefunden, die ihm Momo in #11 zugefügt hatte. Patrick pflegt Cap, der sich ihm als Brent Parris vorstellt, mit Hingabe. Die beiden gewinnen ihr gegenseitiges Vertrauen, und so entwickelt sich zwischen beiden ein Gespräch über Kindheit und Familie: „Wenn wir unsere Eltern verlieren, hören wir auf, Kinder zu sein.“ Es handelt sich bei „Patrick“ um ein dialogisches Kammerspiel, das Andreas in bekannter Experimentierfreude komplett in schmalen Spread-Panels zeichnet. In dieser formalen Verspieltheit und der inhaltlichen Autonomie erinnert #12 an die Kurzgeschichten in Raffington Event.

Nach der Action in den Alben 6-10 schaltet Andreas nun drei Gänge zurück: Sowohl „Chinesen“ als auch „Patrick“ knüpfen zwar lose an die große Handlung um Geheimorganisationen und deren globalkonspiratives Treiben an, stehen doch aber weitgehend für sich. Vereinzelte Rückblicke erleichtern den Einstieg im Vergleich zu den vorigen Alben etwas, aber die Serie bleibt geheimnisschwanger, und die vielen neuen Informationen, so etwa der wahre Name des Protagonisten, erzwingen eine erneute Lektüre der vorigen Bände. Es ist zum Haareraufen. Es ist völlig verrückt. Es ist wundervoll.

Zum Staunen. Zum Haareraufen. Zum Verlieben.

9von10Capricorn 4
Schreiber & Leser, 2017
Text & Zeichnungen: Andreas
Übersetzung: Resel Rebiersch
152 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 29,80 Euro
ISBN: 978-3946337430
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