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Ein kleiner Schritt für die Menschheit

Im Jubiläumsjahr der Mondlandung wagt Joachim Brandenberg (Tobisch) einen Blick zurück in die Mondreisephantasien des 14. Jahrhunderts.

© Jaja Verlag

Der Comic spielt in den Jahren 1325–28, und hier gehören die Flatearthers noch zum intellektuellen Mainstream, so dass ein flotter Fußmarsch zum Mond noch als akzeptables und förderungswürdiges Projekt durchging. Im frühlingshaften Venedig des Jahres 1325 steht bzw. sitzt Marco Polo vor einem langbärtigen Gericht, um die Glaubwürdigkeit seiner Reiseberichte zu diskutieren.

Drei Wissenschaftler bestätigen, dass Marco Polos Reisen absolut wahrscheinlich seien, allerdings – nun schlägt die akademische Akkuratesse in Selbstmarketing um – tun sie dies nur, um sofort zu betonen, wie lächerlich dessen Erlebnisse seien. Sie selbst hätten höhere Ziele. Viel Höhere. Sparviero, Gufo und Cioffolotto planen nichts Geringeres als den Mond zu bereisen.

Bald brechen Sie auf, reisen durch Moldawien, überqueren die Wolga, durchqueren Kasachstan und enden, zugleich am äußersten Rand geistiger Gesundheit angelangt, in der Wüste Gobi. Zu diesem Zeitpunkt haben sie Online-Kartendiensten zufolge bereits 9.209 Kilometer zurückgelegt (s.u.) und sind dementsprechend demotiviert, weil ihr Ziel, der Mond, nicht näher zu kommen scheint.

Der mutmaßliche Reiseweg der Protagonisten

Die drei dynamischen Mondreisenden  könnten kaum unterschiedlicher sein: Der Astronom und Geologe Gufo, der tumbe Träger Ciuffolotto und der kompetenzreduzierte Sparviero, der seine Stärken im Projektmanagement sieht und daher wohl keine anderen Qualifikationen benötigt. „Charakterlich“, so Brandenberg auf Anfrage, „unterscheiden sich die drei hauptsächlich durch ihren Grad an Ehrgeiz. Den Ehrgeiz Sparvieros habe ich sicher nicht. In den anderen beiden finde ich mich schon eher wieder. Vom Aussehen wurde mir in den letzten Tagen von mehreren Zeichnerkollegen gesagt, dass Ciuffolotto sie sehr an mich erinnert hat. Stimmt natürlich gar nicht. Ich trage gar keinen Hut.“

In kleinen Episoden, „kleinen Schritten für die Menschheit“, so könnte man sagen, erleben wir die Eitelkeit der drei Forscher, wohnen ihren Phrasen bei („Ohne unseren unbedingten Willen, zum Ziel zu gelangen, sind wir nichts“) und beobachten, wie alles vor die Hunde geht, weil sie den Sextanten nicht richtig bedienen können. „‚Kleine Schritte für die Menschheit“ sind es wirklich – mit dem Titel dreht der Autor das berühmte Mondlandungszitat von Neil Armstrong („That’s one small step for man, one giant leap for mankind“) in sein Gegenteil um.

Im Gebirge von Altai verlieren die drei Reisenden ihre Sprache, kurz darauf allmählich den Verstand. Die wahnhaften Visionen Ciuffolottos grenzt Brandenberg souverän mit einer anderen (Fraktur-)Schrift ab, und in den Panels verschwimmen Realität, Wunsch und Wahnsinn miteinander. Sparviero kann seine Niederlage nicht eingestehen und bleibt in der Wüste Gobi, während seine Gefährten den Rückweg antreten.

Historisch korrekt ist an diesem Comic nicht vieles: Marco Polo lebte 1325 bereits nicht mehr, und auch der Prozess, in dem seine Glaubwürdigkeit als Asienreisender angezweifelt wurde, hat so nicht stattgefunden. Die Zweifel aber an der Authentizität seiner Erzählungen gab es sehr wohl – damals wie heute. Das Interesse am Mond war im 14. Jahrhundert nun auch noch recht verhalten. Bis zum frühen 17. Jahrhundert, als Galileo Galilei das Fernrohr entwickelte, sollte es noch dauern, bis die Erforschung unseres Trabanten ein wissenschaftliches Kernthema werden sollte. Und wenn Ciuffolotto in Moldawien ein Liedchen anstimmt, hat er sich mit Im Frühtau zu Berge eines ausgewählt, das erst seit 1917 im deutschen Sprachraum belegt ist. Nicht zuletzt ist das Dürer-Lookalike-Lettering zwar ein Griff in die historische Schatzkammer, nicht aber ins korrekte Jahrhundert.

© Jaja Verlag

Und auch die Mutmaßung, dass mittelalterliche Astronomen von einer flachen Erde ausgingen, wird von Historikern inzwischen anders beurteilt: Die Vorstellung einer runden Weltkugel hatte sich im 14. Jahrhundert längst etabliert, alles weitere gehört in den Mythenschatz der Wissenschaftsgeschichtsschreibung.

Die Geschichtsklitterung hat bei Brandenberg augenscheinlich Methode: Könnte man noch hier und da mutmaßen, dass es sich um versehentlich ahistorische Details handele, ist doch die Einbettung von Marco Polo, dessen Reisen Gegenstand von Fiktionsdiskussionen geworden sind, ein Wink mit dem Zaunpfahl. Brandenberg sagt darüber: „Meine Geschichten spielen nicht so wirklich in dieser Welt, sondern in einer Welt, die mir irgendwie aufregender oder erzählenswerter erscheint.“

© Jaja Verlag

Der Wahl-Offenbacher Joachim Brandenberg hat mit seinem Comic-Debüt Tobisch (2015) bereits die Aufmerksamkeit der Szene gewonnen. Die Geschichte um einen deutschen Auswanderer in den USA wurde 2016 nicht nur für den Max-und-Moritz-Preis nominiert, sondern gewann zugleich den ICOM-Preis als bester Independent-Comic des Jahres. „Es gab viel Lob, und vieles war geradezu unwirklich“, so der Autor, „zum Beispiel, als Hella von Sinnen bei der M&M-Preisverleihung von Tobisch in höchsten Tönen geschwärmt hat oder als das Buch in eine Auswahl deutschsprachiger Comics der Frankfurter Buchmesse aufgenommen wurde und um die Welt touren durfte. Die Verkaufszahlen haben mich allerdings auf dem Boden bleiben lassen und ich konnte ganz ohne Druck am Zweitwerk arbeiten.“ Geschadet, darf man anmerken, hat diese Ruhe dem Comic nicht.

Ein kleiner Schritt für die Menschheit ist wundervoll gezeichnet, beherbergt herrlich skurrile Gestalten, deren Scheitern aus sicherer Entfernung zu beobachten ein großer Spaß ist, und erweist sich als lesenswerte „Histofiction“. Man kann dem Comic wünschen, dass es ebenso viel Lob erhält wie Brandenbergs Tobisch.

Skurril-liebenswerte Histofiction

8von10Ein kleiner Schritt für die Menschheit
Jaja, 2019
Text und Zeichnungen: Joachim Brandenberg
120 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 18,00 Euro
ISBN: 978-3-946642-58-9
Leseprobe

 

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