Alle Artikel in: Rezensionen

Der Dschungel

Am Anfang von Upton Sinclairs Roman Der Dschungel von 1906 steht eine Hochzeit, wie sie im modernen Europa schon lange nicht mehr üblich ist. Jurgis, der Bräutigam, ist ein Hüne mit buschigen Brauen, er „konnte ein 250 Pfund schweres Rinderviertel aufheben und in einen Wagen tragen, ohne dass er wankte oder dass es ihm überhaupt irgendetwas ausmachte“. Ona dagegen, die Braut, „war so jung – noch nicht ganz 16 – und klein für ihr Alter, eigentlich noch ein Kind“. Eine ungleiche Konstellation, und doch ist die Hochzeit einer der wenigen glücklichen Momente des Romans. Ona war an diesem Abend „so strahlend vor Glück, dass ihr Anblick fast wehtat“. Es sind brave Leute: Einwanderer aus Litauen, die sich an den Chicagoer Schlachthöfen ein geregeltes Einkommen erhoffen und von einem Leben im eigenen Häuschen träumen.

Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu

Eine große Ehre: 2016 durfte der Zeichner Mathieu Sapin, der damals schon an seinem Gérard-Depardieu-Comic arbeitete, gemeinsam mit François Hollande, dessen PR-Chef und einigen weiteren Vertrauten im Élysée-Palast übers Filmemachen diskutieren. Dabei kam die Frage auf, wer wohl der berühmtere Franzose sei: Gérard Depardieu oder François Hollande. Könnte es sein, dass vielleicht tatsächlich Depardieu das prominenteste Aushängeschild seiner Heimat sei? Das gefällt einigen der Anwesenden überhaupt nicht, denn immerhin war es Depardieu, der Frankreich in Empörung über eine geplante Reichensteuer laut polternd den Rücken kehren wollte und dafür sogar die russische Staatsbürgerschaft annahm. Einen größeren Stinkefinger an das Land, das er gefälligst repräsentieren sollte, kann man sich kaum vorstellen.