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Faust: Der Tragödie erster Teil – Band 1

Eine Comic-Adaption von Goethes Faust – mit minimalen Auslassungen, im Kern aber mit allen Originalversen: Da hat sich die Künstlerin Nele Heaslip einiges vorgenommen.

Alle Abbildungen © Nele Heaslip, Jaja-Verlag

Doch warum nur tauchen in dieser Faust-Version Hakenkreuze auf? Und warum trägt Dr. Faust den „Judenstern“ – also jene Form des Davidsterns, die im Nationalsozialismus als diskriminierende Kennzeichnung sichtbar an der Kleidung getragen werden musste? Andreas Platthaus meint dazu in seiner Kritik in der FAZ ganz zutreffend, dass mit diesem Stilmittel das Regietheater in Nele Heaslips Comicversion einziehe: „Vergegenwärtigung als Prinzip“. Diese Akzentuierung ist nicht aufdringlich, aber präsent. Ob sie als Visualisierung zu Goethes Versen eine gute Wahl ist, das ist die spannende Frage.

Ohne jeden Zweifel besitzt Nele Heaslip großes Talent, Szenen in Comicseiten zu übertragen. Goethes Verse werden durch die Panels gut getaktet, fast schon geben die Panels die Betonung vor – die Visualisierung ist zu jedem Zeitpunkt gut gelöst. Auch bei ausufernden Dialogpassagen kommt nie Langeweile auf, im Gegenteil kann man sich an den dicht schraffierten Zeichnungen kaum sattsehen, die mit einer geschickten Hell-Dunkel-Dynamik arbeiten. Man fühlt sich an die Zeichnungen des Briten John Ridgway erinnert, der um 1989 die ersten Hellblazer-Hefte zeichnete, dessen atmosphärische Bilder oft jedoch in sehr unpassenden Farben koloriert wurden.  (John Ridgway – Lambiek Comiclopedia)

Des Pudels Kern.

Die Visualisierung des Unheimlichen beherrscht Nele Heaslip. Eindrucksvoll ist die Szene, als Faust dem Pudel begegnet, diesen mit nach Hause nimmt und somit den Teufel ins Haus holt. Sie breitet allein diese Szene auf weit über 50 Seiten aus, es ist eine Darstellung, die ihresgleichen sucht. Die Dunkelheit der Nacht, das Spannungsfeld zwischen christlichen und magischen Symbolen, der Einbruch des dämonischen Elements in Faustens grüblerische Welt, die Auflösung der Panelstrukturen – es ist kraftvoller, als ich zu hoffen gewagt hatte und ein Triumph der Form. Dergleichen Höhepunkte hat der Comic einige zu bieten: Auerbachs Keller – diesmal feiern dort Wehrmachtsoldaten, nicht Studenten – ist ähnlich atmosphärisch und furios in Szene gesetzt, ebenso der Flug mit dem Mantel und der Ritt auf dem Fass. Nele Heaslip ist eine überzeugende Entsprechung dessen geglückt, was Friedrich Willhelm Murnau 1926 ähnlich visionär im Film aufzubieten hatte.

Aber ist denn auch die Darstellung mit Hakenkreuz, Davidstern und Stacheldraht die angemessene Wahl? Man könnte natürlich Nele Heaslip selbst um Antwort bitten, doch finde ich unangemessen, sich von der Autorin selbst eine Erklärung liefern zu lassen, wo es doch um Wirkung und Selbstreflexion geht. Sieht man das Zusammenspiel mancher Panels mit den Versen, bietet sich eine Assoziation mit dem Dritten Reich tatsächlich an. Wann immer es um die Vergeblichkeit allen irdischen Mühens geht: Die Katastrophe dessen, was menschliches Streben verursachen kann, scheint zum Greifen nah. So kann das Dritte Reich auch als Chiffre für das Extremste gelesen werden, was dem Menschen zu Erreichen möglich ist. Es scheint doch alles stets dem Untergang geweiht, auch ohne Teufel: Dem reicht es, spöttisch über den Gräbern zu tanzen.

Nur ein Tropfen Fegefeuer. In Auerbachs Keller.

Nun trägt Faust aber den Davidstern – beginnt nicht spätestens hier die Anmaßung? Reicht es nicht, dass ein Wissenschaftler daran verzweifelt, die Welt nicht zu begreifen? Muss es gleich der Jude sein, der die Welt des Dritten Reichs nicht begreifen kann? Das Framing passt, aber es koppelt die – eigentlich allzumenschliche – Verzweiflung des Faust an die Monstrosität der Hitlerzeit.

Aber inzwischen muss man das Erbe Goethes weiter denken. Die von ihm mitgeprägte Kultur war eben kein Schirm gegen Barbarei, wie viele hoffen wollten. Im Gegenteil kann jeder Vers als Werkzeug dienen, das Böse zu verschleiern, zu verklausulieren oder im schlimmsten Fall zu ästhetisieren. Je länger man es dreht und wendet, desto mehr drängt sich auf, dass die Spiegelung am Dritten Reich auf vielfältige Weise bereichernd ist. Faust mag vorübergehend seinen Opferstatus abstreifen und mit neuer Lebenskraft durch die chaotische Welt gehen. Die Paradoxien, die ja auch Goethe so formvollendet in Verse gegossen hat, wird er dennoch nie abschütteln können. Die Schönheit der Verzweiflung hat schon Goethe erkannt. Die Ästhetisierung des Untergangs haben dann die Nazis vollendet.

Mutige und visuell atemberaubende Adaption eines Klassikers

10von10Faust: Der Tragödie erster Teil – Band 1
Jaja-Verlag, 2025
Text und Zeichnungen: Nele Heaslip
284 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 32 Euro
ISBN: 978-3-948904-73-9
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