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Dracula – Book 1: The Impaler (US)

Bram Stokers Dracula ist eine der prägendsten Figuren des modernen Horrors. Kelley Jones und Matt Wagner aber sind angetreten, die ausgetretenen Pfade des Vampirklassikers zu verlassen und erzählen von den frühen Jahren des Vampirfürsten. Das ist ein gewinnbringender Ansatz, wie sich zeigen wird.

Francis Ford Coppola war einer der ersten, der die historische Figur des Vlad Tepes mit dem Dracula-Mythos in einer Erzählung zusammengebracht hat. Mike Mignola hat dazu die Comic-Adaption in stilvollen Panels geliefert, die nur eines nicht konnte: angemessenes Grauen erzeugen angesichts der Monstrosität endloser Reihen von gepfählten Körpern. Hermann Huppen ging ganz anders vor, als er die Spurensuche seine Sohnes Yves Huppen für den Comic Auf Draculas Spuren in direktkolorierten Bildern malte. Bei Huppen packte einen schon bei der Darstellung eines einzigen angespitzten Blocks das nackte Grausen.

„Unclean and Godforsaken“, (c) Dark Horse, Kelley Jones, Matt Wagner.

2024 erweiterte sich der Reigen der Vlad-Tepes-Stories um die Variante von Horror-Altmeister Kelley Jones, dessen ganze Karriere auf der Darstellung düster-morbider Bilder beruht. In den 80er Jahren interpretierte er DCs Deadman auf stilprägende Weise und zeichnete in den frühen 90ern nicht nur die Batman-Trilogie „Red Rain“, in welcher Batman selbst zum Vampir wird, sondern auch die nachtdüsteren und morbiden Sandman-Stories „A Dream of a Thousand Cats“ und „Calliope“ sowie die Höllenvision „A Season of Mists“. Zu dieser Zeit lernte Kelley Jones auch Matt Wagner kennen, der ebenfalls der dunklen Seite des Erzählens verfallen ist. Nun haben die beiden eine Serie von Graphic Novels um die Vorgeschichte von Dracula begonnen. Matt Wagner ist für die Texte verantwortlich, während Kelley Jones Bilder liefert, als hätte er sich sein Leben lang darauf vorbereitet. Matt Wagner schreibt im Vorwort der Ausgabe, es handle sich um eine von Jones‘ „persönlichsten und beeindruckendsten Arbeiten“. Das Überformat erinnert an die große Zeit der Horror-Magazine der 70er und 80er Jahre; die großformatigen Seiten beweisen, dass Kelley Jones dafür geboren war, seine persönliche Vision des Dracula-Stoffs zu gestalten.

Wie schon in Coppolas Version steht am Anfang die Schlacht von Targoviste. Vlad Tepes, der Voivode, begeht den Wald, den er gepflanzt hat, um die türkischen Invasoren zu begrüßen: 20000 gepfählte Türken, Männer, Frauen, alte Menschen, Kinder – ein Exzess der psychologischen Kriegsführung. Am Ende des Tags werden die Türken besiegt sein. Doch das ist nur der Beginn von Vlads Abstieg in die Hölle: Nun begibt er sich mit seinem Begleiter Constantin auf eine Quest, um beim Teufel selbst zur Schule zu gehen. Vampire und Hexen weisen den Weg. Am Ende muss er dem Hüter des letzten Abschnitts des Wegs ein Opfer bringen, um passieren zu dürfen. Vlad opfert ohne zu zögern den treuen Constantin.

Danach beginnt sein Studium an der „Scholomance“, der rumänischen Schule für schwarze Magie, die bereits bei Bram Stoker erwähnt wird. Vlad tritt in den Wettbewerb mit 9 weiteren Anwärtern, darunter auch eine Heilerin, die die schwarzen Künste erlernen will, um ihrem Volk dienen zu können. Wo Gott dem Menschen die Erkenntnis vorenthält, da muss der Mensch eben notgedrungen die Grenzen überschreiten, um überleben zu können. Vlad allerdings lernt mit einer Ruchlosigkeit ohnegleichen.

Face one more evil than Satan.

Draculas Lehr- und Wanderjahre wirken, als hätten sich die beiden Künstler die Ballade des düsteren Kriegers zum Vorbild genommen, der zum Ende seines Lebens das Reich des Satans aufsucht, um seine Blutschuld für ein Leben voll Ruhm und Reichtum zu begleichen. Kelley Jones ist ein Meister darin, die satanische Zwischenwelt, in der sich seine Figuren bewegen, in unwirklichen Perspektiven abzubilden und arbeitet mit faszinierenden Kontrasten: abstrakte und simple Konturen einerseits, dichte, fein ziselierte Schraffuren andererseits. Die Fremdartigkeit dessen, was wir zu sehen bekommen, verdankt sich zu einem guten Teil aber auch José Villarubias Farben, die sich nur wenig an der Realität orientieren. Die Atmosphäre ist von dämonischer Erhabenheit.

Das Buch „The Impaler“ ist lediglich der Auftakt eines geplanten Vierteilers, von dem inzwischen bereits auch der zweite Band vorliegt. Selbst, wenn es nach Ende des vorliegenden Bands enden würde, hätten wir bereits ein rundum beglückendes Meisterwerk der Dark Fantasy, das gar keiner Fortsetzung bedürfe.

Dracula, neu erzählt. Einzigartige Bilder und Farben in dämonischer Erhabenheit.

10von10Dracula Book 1: The Impaler
Dark Horse, 2025
Text: Matt Wagner
Zeichnungen: Kelley Jones
112 Seiten, Softcover
Preis: 29,99 $ (US)
ISBN: 978-1506735955
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