Tom Kings Wonder Woman geht in die nächste Runde. Seiner Vision für die Superheldin bleibt er treu, während Zeichner Daniel Sampere ein voraussichtlich karrieremachendes Artwork vorlegt.
Die Geschichte setzt dort ein, wo Band 1 aufgehört hat. Die USA befinden sich nach wie vor im Clinch mit dem Amazonenvolk und Wonder Woman tritt der Staatsgewalt gemeinsam mit ihren Verbündeten entschlossen entgegen. Nach einem Kampf mit der Armee ist sie erschöpft zusammengebrochen und befindet sich zu Beginn des vorliegenden Bandes in den Fängen des „Souveräns“, einer mysteriösen Schurkenfigur, die im Hintergrund die Fäden der Macht in Händen hält und zugleich als (unzuverlässiger?) Erzähler fungiert. Gefesselt mit einem magischen „Lasso der Lügen“ ist Wonder Woman den Manipulationsversuchen des Souveräns hilflos ausgeliefert. Das Lasso gaukelt ihr eine Vorstadtidylle vor, in der sie die brave Hausfrau für Steve Trevor spielen muss. Die wie überbelichtet wirkenden Panels machen von Anfang an klar, dass etwas nicht stimmt, zugleich signalisiert das krampfhafte Lächeln der ins 50er-Jahre-Rollenklischee gepressten Amazonenkriegerin den Lesern, dass sie ausbrechen will, ja, ausbrechen muss.
King lässt die abfälligen Bemerkungen Steves („Du kannst weder kochen, noch weißt du, den Mund zu halten.“) wie Nadelstiche wirken und führt den subtilen Terror – heute würde man „Gaslighting“ dazu sagen – des alltäglichen Sexismus in diesen Szenen vor Augen. Während Wonder Woman versucht, sich von der grauenhaften Simulation loszureißen, machen sich ihre Mitstreiterinnen Yara Flor, Donna Troy und Cassie Sandsmark in Dianas unsichtbarem Flugzeug auf, um sie zu retten.
Kings Leistung in „Sacrifice“ besteht vor allem darin, den Großteil der Geschichte in irrealen, aufoktroyierten Vorstellungswelten spielen zu lassen. Er hat verstanden, dass Wonder Womans eigentliche Kämpfe nicht auf dem Schlachtfeld ausgetragen werden. Sie geschehen dort, wo ein patriarchales Wertesystem, das auf Lügen, Manipulation und die Unterwerfung des vermeintlich „schwächeren“ Geschlechts aufgebaut ist, sich in die Köpfe der Menschen gräbt – so lange, bis es nicht mehr hinterfragt wird. Ihr Kampf ist allegorischer Natur: Mit ihrem Lasso der Wahrheit tritt sie gegen alle Täuschungsmanöver alteingesessener Machtpolitik an. Dabei lässt King auch Wonder Womans Vergangenheit Revue passieren und erweist sich als profunder Kenner ihrer langen Geschichte. So wird auf die Ermordung Maxwell Lords ebenso angespielt wie auf die Zeit, als Wonder Woman ihre Superkräfte gänzlich verloren hatte. Abseits dieser Verweise kann „Sacrifice“ aber auch einfach als ein äußerst spannendes Psychoduell zwischen der kämpferischen Superheldin und ihrem ideologischen Widersacher gelesen werden.
Zum Lesegenuss trägt nicht zuletzt Daniel Samperes großartiges Artwork bei, das sich im Anschluss an den ersten Band noch einmal steigern kann: Detailreichtum, Bildkomposition, zarte Nuancen in Mimik und Gestik … hier stimmt einfach alles. Die Evolution seines Stils kann im vorliegenden Band deswegen so gut beobachtet werden, weil auch ein paar Ausgaben der (ursprünglich digital erschienenen) Reihe Wonder Woman: Agent of Peace (2020) von Amanda Conner und Jimmy Palmiotti abgedruckt sind, für die sich Sampere als Zeichner verantwortlich zeigte. Wo die Tusche zunächst noch von Juan Albarran übernommen wurde, kommen Samperes feine Linien dann zu voller Geltung, sobald er in Wonder Woman: Agent of Peace #11 auch als Inker fungiert.
Als Draufgabe liefert uns Panini eine amüsante Einzelstory (wieder von King), in der sich Superman und Wonder Woman auf die Suche nach einem Geschenk für Batman begeben. Ein würdiges Geschenk ist dieser Band allemal.
Packendes Psychoduell

Panini, 2025
Text: Tom King, Jimmy Palmiotti, Amanda Conner; Zeichnungen: Daniel Sampere, Guillem March
Übersetzung: Ralph Kruhm
184 Seiten, Farbe, Softcover
Preis: 25,00 Euro
ISBN: 978-3-7416-3998-2