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Rückkehr nach Belzagor 1

Ein Science-Fiction-Klassiker aus der zweiten Reihe nun in bunten Bildern: Robert Silverbergs Downward to the Earth (1969) ist jetzt als zweibändiger Comic erschienen und bietet: halbnackte Reiterinnen.

© Splitter Verlag

Belzagor ist der wohlig fremd klingende Name eines erdähnlichen Planeten, der von den menschlichen Kolonisten ursprünglich Terra Holman genannt wurde, damals – im „Goldenen Zeitalter der Besiedelung“. Herrschten die Menschen auf diesem Planeten einst mit der Hybris der spätneuzeitlichen Europäer in Afrika und Asien, haben sie inzwischen die indigene Bevölkerung als intelligente Rasse akzeptiert und die Kontrolle über den Planeten freiwillig abgegeben. Die elefantenähnlichen Einheimischen, die Nildoror, sind klüger, als sie aussehen (nichts gegen Elefanten), und dass sie menschliche Besucher, wie etwa den Helden Gundersen oder seine halbnackte Begleiterin Seena, gelegentlich auf sich reiten lassen, ist nur deren Höflichkeit geschuldet. Gundersen ist nicht zum ersten Mal auf diesem Planeten, sondern ein Heimkehrer (daher der Titel). Warum er eigentlich dort ist, wird romanunkundigen Lesern zunächst verborgen bleiben. Im Comic reist er auf dem Planeten gemeinsam mit dem Ehepaar Wingate, dessen weiblicher Part im Laufe des ersten Teils ebenso nackt an Gundersens Hals hängen wird wie einst Seena, die er vor langer Zeit geliebt hat. Ausgehend von Gebieten, in denen Menschen nach wie vor ansässig sind, bewegen sie sich immer tiefer in unbekanntes Land. Und der Leser erfährt auch von den besonderen Ritualen und Rauschmitteln dieses Planeten – dagegen sind LSD-Exzesse der 1960er Jahre Kinderkram. Der erste Teil der auf zwei Bände angelegten Erzählung bietet wenig mehr als eine Einführung in die unbekannte Welt, eine Skizzierung der Figurenrivalitäten und eine Reihe von Rückblenden, die der Szenarist Philippe Thirault sehr viel früher einsetzt als Robert Silverberg im Roman.

Der Comic ist eine interplanetare Kolonisationsphantasie, wie sie vor allem Leo (Aldebaran, Amazonia etc.) exzessiv ins Bild gesetzt hat. Aber die phantastische Fauna erinnert nur auf den ersten Blick an den Einfallsreichtum des brasilianischen Comiczeichners, denn die Darstellungen bewegen sich sehr nah an der Romanvorlage. Der Fokus des Romans liegt auf den Unterhaltungen Gundersens mit den Nildoror, die sich unschwer als Gespräche über Gleichheit und Ungleichheit lesen lassen. Im Original wird dies schon im Titel ersichtlich, weil es sich bei Downward to Earth um ein Bibelzitat handelt, das durch die Übersetzung des Titels ins Deutsche (Die Mysterien von Belzagor) verloren geht: „Ich sprach in meinem Herzen: Es geschieht wegen der Menschenkinder, damit Gott sie prüfe und sie sehen, dass sie selber sind wie das Vieh. Denn es geht dem Menschen wie dem Vieh: Wie dies stirbt, so stirbt auch er, und sie haben alle einen Odem, und der Mensch hat nichts voraus vor dem Vieh; denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort. Es ist alles aus Staub geworden und wird wieder zu Staub. Wer weiß, ob der Odem der Menschen aufwärtsfahre und der Odem des Viehes hinab unter die Erde fahre [engl. downward to earth]?“ (Prediger, 3,18-21) So elefantös die Nildoror auch sind, im Roman wird ihr Status als intelligent und „beseelt“ in vielen Zwiegesprächen deutlich. Im Comic geht dies ein wenig verloren, weil die Nildoror zugunsten der love story in den Hintergrund treten: Dorothy Wingate hat Thirault hinzugedichtet, und das vorgebliche Ziel von Gundersens Suche ist im Comic auch ein anderes als im Roman. Am Ende des ersten Bandes liegt doch ein wenig Leo in der Luft, wenn die großformatigen, von Laura Zuccheri gezeichneten Panels sich der Pracht einer fremden Welt hingeben und die Handlung dabei etwas dahinplätschert.

Was den Comic gegenüber Leos Welten auszeichnet, ist die komplexere und widersprüchliche Welt, in der Macht allein schon durch die Bezeichnung von Dingen (Terra Holman / Belzagor) ausgeübt wird. Gundersen ist kein leicht zu durchschauender Charakter, weder im Roman noch im Comic, und diese Charakterisierung gelingt Thirault gut. Insgesamt aber erreicht der Comic längst nicht den Charme des SF-Kurzromans.

Erst der zweite Teil, der im Oktober 2018 erscheinen soll, wird zeigen, was Thirault an die Stelle von Silverbergs Dialogen über den Respekt im Umgang mit dem „Anderen“ setzt, hoffentlich mehr als halbnackte Reiterinnen auf großen Tieren mit prachtvollen Stoßzähnen.

Halbnackte Reiterinnen – was bietet Band 2?

4von10Rückkehr nach Belzagor 1
Splitter, 2018
Text: Philippe Thirault (nach einem Roman von Robert Silverberg)
Zeichnungen: Laura Zuccheri
Übersetzung: Resel Rebiersch
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3962190156
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