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Richard Löwenherz

Die Grafik von Richard Löwenherz dürfte nach dem ersten Durchblättern beim ein oder anderen unweigerlich Assoziationen zu bekannten Disney-Figuren aufkommen lassen. Stellenweise wird der Band dieser Erwartung sogar gerecht. Tatsächlich verbergen sich unter dem Deckmantel dieser funny-artigen Oberfläche mit den überzeichneten, vermenschlichten Tierwesen aber noch weitere Elemente, die es schwer machen, den Comic stilistisch einzuordnen.

© Dani Books

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Das von dani books auf Deutsch vorgelegte Album beinhaltet zwei französische Originalbände sowie noch einige exklusive Bonusseiten mit Skizzenmaterial. Brrémaud (i.e. Frédéric Brémaud) und Federico Bertolucci, das Kreativteam hinter der Comicreihe Love, die hierzulande bei Tokyopop erscheint, erzählen darin vom Palästina-Abenteuer des britischen Königs Richard I., genannt „Löwenherz“. Gegen Ende des 12. Jahrhundert versuchte dieser die Stadt Akkon zurückzuerobern und den Sultan Saladin zu stürzen. Phasenweise im Stile eines Semi-Funnys, überspitzt Brrémaud in seiner Version die historischen Begebenheiten und passt sie seinen anthropomorphen Protagonisten an. Richard selbst wird wankelmütig und zaudernd beschrieben. Er verliebt sich in die Beraterin Paranoia, die als Spionin des feindlichen Lagers die Naivität des Königs prompt ausnutzt. Zudem wird in den eigenen Reihen eine Intrige gesponnen, die Richard aus dem Weg schaffen soll.

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Die Macher trauen sich in diesem Comic auf bemerkenswerte Weise, Zeitgeschichte mit ironischen Untertönen zu versetzen, Humor mit ernsthaften Momenten zu kombinieren. Dass die Story dabei in vermeintlich niedliche Bilder verpackt ist, führt das Ganze ein bisschen ad absurdum. Erst auf dem zweiten Blick werden einem die eigentlich brutalen Motive gewahr und die unverblümte Darstellung abgeschlagener Köpfe ist dann plötzlich gar nicht mehr so leicht mit dem unbeschwerten Storytelling und den runden Zeichnungen vereinbar. Deswegen sollte man sich vom ersten Eindruck auch nicht blenden lassen; ein Comic für eine ganz junge Zielgruppe ist Richard Löwenherz sicherlich nicht. Jugendliche oder Erwachsene, die sich auf diesen gewöhnungsbedürftigen Stilmix einlassen möchten, könnten an der Lektüre aber durchaus Gefallen finden.

Wer das Artwork Bertoluccis schätzt, der wird auch unabhängig vom historisch gelagerten Plot auf seine Kosten kommen. Sein Strich ist äußerst lebhaft und lässt die tierischen Figuren ausdrucksstark agieren. Zudem sind die Farben zwar wie in einem Trickfilm schnörkellos, aber dabei nicht zu knallig geraten. Das führt zu einem doch ziemlich organisch wirkenden Ergebnis. Lediglich die Hintergründe sind für meinen Begriff ein Stück weit zu spärlich geraten. Man merkt, dass Bertoluccis Fokus auf den im Vordergrund handelnden Personen lag und weniger auf der Kulisse.

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Der große Pluspunkt des Comics gereicht gleichzeitig zu dessen Nachteil: Er definiert keine klare Zielgruppe. Es ist den Kreativen zwar hoch anzurechnen, dass sie sich auf so eine gewagte Interpretation einer geschichtlich relevanten Figur einlassen. Letztlich könnte dies jedoch dazu führen, dass Leser, die einen klaren Funnytitel (oder gar einen kindgerechten Comic) erwarten, am Ende enttäuscht sein könnten. Andererseits ist die Geschichte bewusst nicht als ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vorlage gedacht. Das trifft maximal in Ansätzen zu. Richard Löwenherz ist demnach von allem ein bisschen und als Endprodukt schwer einzuordnen. Das sollte jedoch keinesfalls dazu führen, dass interessierte Leser das Album grundsätzlich im Händlerregal stehen lassen. Dafür macht Brrémauds und Bertoluccis Experiment dann doch zu viel Spaß.

Reizvolle Bearbeitung  einer historischen Episode mit gelungener Optik

Richard Löwenherz
dani books, 2015
Text: Brrémaud
Zeichnungen: Federico Bertolucci
Übersetzung: Monja Reichert, Jano Rohleder, Gerd Syllwasschy
96 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,99 Euro
ISBN: 978-3-944077-60-4
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