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Martin Eden

Hurra, eine Literaturadaption! – Zugegeben, in der Comicszene lösen solche Nachrichten meist keine Begeisterungsstürme aus. Die französische Zeichnerin Aude Samama hat sich gemeinsam mit Denis Lapière (Szenario) daran gemacht, Jack Londons Roman Martin Eden (1909) als Comic umzusetzen.

Alle Abbildungen: © Knesebeck

Der grundgute Seemann Marin Eden gerät durch einen Zufall in gesellschaftliche Kreise, zu denen er kraft seines gesellschaftlichen Status keinen Zugang hätte haben sollen. Eden erweist sich als Feingeist im Wolfspelz, als Backstreetboy ohne Synchrontanzband, aber mit einer guten Seele. Dies scheint auch Ruth zu schätzen, eine junge Dame, die vor lauter gutem Benehmen gar nicht jung daherkommt, aber Martin die Gepflogenheiten in der gehobenen Gesellschaft näherzubringen versucht. Beide verfolgen sie ihre eigenen Ziele: Er ist fasziniert von der dichten Atmosphäre dieser unbekannten Welt, die ihm fremder ist als die Ozeane. Und er ist im Besitz moderner Grundtugenden: Neugierde und Zähigkeit. Im Gegensatz dazu ist Ruth nichts weiter als eine Gefangene ihrer durch Erziehung vermittelten Standesdünkel. Sie akzeptiert Martin Eden, sofern er seine neu erwachten schriftstellerischen Ambitionen, die bislang meisterlich erfolglos verlaufen, hintanstellen und stattdessen eine Tätigkeit im Büro ihres Vaters annehmen würde. Martin Eden scheitert an ihrem Anspruch kolossal, aber bleibt seinen eigenen Zielen treu. Seine Manuskripte, die auf seinen Reiseerlebnissen beruhen, werden schließlich von erst einer, dann von zahlreichen Zeitschriften angenommen, und sein Erfolg übertrifft alle Erwartungen, bis sogar Ruth zu ihm zurückkehrt. Zu spät. Er fühlt sich inzwischen als Verstoßener, der aus seinem alten Leben aufgebrochen, aber in keinem neuen angekommen ist. Von seinem alten Seemanns-Umfeld ist er ebenso entfremdet wie von der Gesellschaft Ruths befremdet. Nirgends gehört er mehr dazu, fühlt sich als „Fremder im Leben“, und daran kann auch der ökonomische Erfolg nichts mehr ändern. Ein Bildungsroman ohne Happy End, denn Martin Eden wählt folgerichtig den einzigen Ausweg aus seiner Situation, den Freitod.

Jack Londons Romane sind schon öfter ins Medium Comic übertragen worden. Vor wenigen Jahren erst hat Rif Reb’s (eigentlich Dominique Duprez) den Seewolf ins Bild gesetzt, unter dem einstimmigen Jubel der internationalen Comickritik, vor allem über die grafischen Qualitäten. Aude Samama hat sich für einen ganz anderen Stil entschieden. Mit breitem Pinselstrich, angelehnt an expressionistische Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts, malt sie die Welten, in denen Martin Eden niemals zu Hause sein wird, äußerst ansehnlich in Acryl. Wie eine Gemäldeserie erscheinen die Panels, und sie fangen die Zeit – der Roman erschien 1909 – gut ein.

Gern wird Martin Eden als autobiographischer Roman verstanden, wogegen Jack London sich stets gewehrt hatte. Der abenteuernde Schriftsteller, der als Seemann über die Ozeane reiste und über das schrieb, was er selbst gesehen hatte, mag manche Ähnlichkeit mit seiner Romanfigur haben, aber diese Erkenntnis verändert die Lektüre in keiner Weise.

Der etwa 500 Seiten starke Roman ist mit einiger Sorgfalt auf 176 Seiten Comic gekürzt worden. Dabei fallen die Exkurse, die schweifenden Gedanken des Erzählers und vor allem die Detailbeschreibungen notwendigerweise weg. Dabei machen gerade diese Elemente die Stimmung von Londons Roman aus. Es ist nicht einfach, mit so breitem Pinsel die Feinheiten von Londons Figurenzeichnung zu adaptieren. Die Erzählperspektive, die Jack London für seinen Roman gewählt hat, ermöglicht es besser, als Aude Samama und Denis Lapière es im Bild umsetzen.

Samamas Comic profitiert von einer wundervollen Vorlage und von einer stilvollen ästhetischen Gestaltung. Sie leidet darunter, dass sie wenig Argumente liefert, dass man nicht den Roman lesen sollte anstelle der acrylgemalten Adaption. Es ist eine Freude, diesen Comic zu lesen, ohne Frage. Und ein großes Vergnügen, den Roman zur Hand zu nehmen.

Adaption in Acryl 

Martin Eden7von10
Knesebeck, 2017
Text: Jack London
Szenario: Denis Lapière
Zeichnungen: Aude Samama
Übersetzung: Anja Kootz
176 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 22 Euro
ISBN: 978-3-95728-049-7
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