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Der Mann mit der Maske 1

Ich lehne mich nicht weit aus meinem Fenster, wenn ich behaupte, Serge Lehman habe sicher die scheußlichste Autorenhomepage aller Zeiten –, aber sein Comic Der Mann mit der Maske, gezeichnet von Stéphane Créty, kann sich sehen lassen.

© Bunte Dimensionen

Im Mittelpunkt der Handlung steht Sergeant Frank Braffort, der während einer Kampfhandlung im Kaukasus verletzt, vor allem aber dabei Zeuge eines wundersamen Ereignisses wird: Von einer martialischen Kampfmaschine angegriffen, rettet ein fliegender Mann mit Cape (und Bauchansatz), den wir nur in Silhouette erahnen, Braffort vor dem Tod.

Aber nicht nur dieses Ereignis stellt den Leser vor Rätsel – die ganze Welt ist voll davon. Sogenannte Anomalien sind zentraler Gesprächsstoff in ganz Paris, Brafforts neuem Zuhause. Bei den Anomalien handelt es sich um plötzlich erscheinende und wachsende technologische Artefakte, die meist harmlos daherkommen, aber auch mal einen Politiker angreifen und damit zum gesellschaftlichen Problem werden. Braffort rettet den Staatsmann und gelangt damit in den inner circle der Macht.

Die Handlung spielt in einer unbestimmten Zukunft, so fern, dass in Frankreich keine rostfreudigen Citroëns und kantigen Renaults mehr über die Straßen klappern, sondern moderne Flugautos darüber schweben. Aber nah genug an unserer Gegenwart, dass ein klitorisfixierter Michel Houllebecq immer noch unmumifiziert durchs Fernsehen geistert und sich zu gesellschaftlichen Themen äußert. Und wenn die Bewohner dieses seltsam verschobenen Paris‘ einen Moment lang nicht über das Wesen der Anomalien grübeln, streiten sie sich erbarmungslos. Die Anomalien bringen auf unbekannte Weise das emotionale Gleichgewicht der Stadt aus den Fugen, bringen die Menschen gegeneinander auf. Braffort bleibt hiervon unbeeindruckt, er trudelt ziellos in das Zentrum der Macht und von dort in die Schaltzentrale des Unglaublichen. In einer unterirdischen Basis (sehr unterirdisch!) werden wir Zeuge, wie Braffort, den die Mächtigen als einen Schlüssel zum Wesen der Anomalien betrachten, mit den Kräften (sehr kraftvoll!) konfrontiert wird, die Paris in Atem halten. Er verwandelt sich in eine Art französischen Dr. Manhattan – und der erste Band endet abrupt – sehr abrupt.

© Bunte Dimensionen

Serge Lehman und Stéphane Créty haben einen phantastischen und anspielungsreichen Comic geschaffen, in dem Houellebecq, Fantômas und ein schwebender Mirage Surfer nebeneinander bestehen, als gäbe es nichts Natürlicheres. Die großen Rätsel finden aber im Kleinen statt, in den Bildhintergründen, unbemerkt oder unkommentiert von den Personen. Wir sehen dort einen Zeppelin mit der Aufschrift „Toorop lebt“, aber werden im Dunkeln gelassen, warum der niederländische Maler Jan Toorop erwähnt wird. Wir entdecken eine Zeitungstitelseite, die einen „Mirage Surfer“ zeigt – die Verwechslungsgefahr mit Marvels Silver Surfer wird in Kauf genommen, erschließt sich aber nicht direkt. Politischer werden die Marginalien, wenn ein Flugblatt mit einer schwarzen Hand durch den bemalten Raum flattert und damit an den französischen NS-Widerstand erinnert. Oder im Laufe einer öffentlichen Versammlung, während derer wir einen Demonstranten mit Guy-Fawkes-Maske und einen bürgerlichen Wutbürger mit Fantômas-Outfit sehen. Uns wird schnell klar: Den Eliten dieser Welt dürfen wir nicht trauen, Widerstand ist angebracht. Die französische Gesellschaft der nahen Zukunft ist am Zerbersten, und Lehman/Créty fahren alles auf, um diese Spannung im Vorder- wie Hintergrund der Handlung sichtbar zu machen.

Bunte Dimensionen hat mit dieser Lizenz einen großen Griff getan und sorgt dafür, dass Der Mann mit der Maske, der 2012 und 2013 in vier Bänden bei Delcourt erschien, nun auch deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zugänglich wird. Der erste Band hat viele Fäden ausgeworfen: Reminiszenzen an die Kultur- und Comicgeschichte, politische Utopien, künstlerische Anspielungen (etwa ein Porträt des dadaistischen Avantgarde-Schriftkünstlers Isidore Isou) – mengenhaft Fragezeichen. Neben der dabei stets spannenden Handlung liegt die Stärke der schnörkellosen Zeichnungen in den wie beiläufig eingestreuten Details, die meist mehr sind als bloße Realitätseffekte. Und manche Seiten, insbesondere die extremen Perspektiven, geraten dann dennoch großartig.

Der Band schließt mit einem Perspektivwechsel: Ein vierseitiger Blogeintrag der Journalistin Zoé Kader verspricht weitere spannende Einzelheiten, die allerdings erst im nächsten Band zum Besten gegeben werden. Der Text hätte einem gründlicheren Korrektorat unterzogen werden sollen; so kommt es daher, als wäre der Appendix nicht die Sorgfalt wert, mit der Bunte Dimensionen den restlichen Band gestaltet hat. Die größere Verfehlung des Verlags aber besteht darin, dass er die Fortsetzung dieses aufregenden Auftaktbandes erst für den Mai 2018 angekündigt hat. Ich werde vorbestellen.

Notabene: Zweiten Teil (05/2018) vorbestellen.

9von10Der Mann mit der Maske 1: Anomalien
Bunte Dimensionen, 2017
Text: Serge Lehman
Zeichnungen: Stéphane Créty
Übersetzung: Saskia Funke
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 15 Euro
ISBN: 978-3944446578
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