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Grün 1

Es ist eine seltsame Welt, in die wir hier geworfen werden: Es gibt dort Menschen und menschenähnliche Wesen, aber auch solche, die „Flachfische“, „Stabharpyen“ oder „Stelzenfischer“ heißen, dazu noch riesenhafte Transportwesen auf stelzenhaften Beinen, die sich wie große Schiffe durch eine Wüstenlandschaft bewegen. Haan heißt dieser Planet, ein ehemals florierendes Handelszentrum, inzwischen aber restlos ausgebeutet und kaum noch bewohnbar. Die ehemalige Hightech-Welt hat sich nach einem Krieg in ein post-technologisches Zeitalter zurückentwickelt. Und die wenigen verbliebenen Bewohner werden obendrein bedroht von einer sich rasch ausbreitenden Seuche, wild wuchernden Algen, die alle Pflanzen befallen. Das matschig-dunkle Grün dieser Wucherungen gibt dem Comic seinen Namen.

Abbildungen: © Frauke Berger/Splitter Verlag

Grün ist das Debüt der Münsteraner Zeichnerin Frauke Berger, das als zweiteiliges Album beim Splitter Verlag erscheint. Fremde Welten, sonderbare Kreaturen und Szenarien zwischen Science-Fiction und Fantasy sind in dessen Programm nichts Ungewöhnliches – aber Grün sticht dennoch aus der Masse der Splitter-Comics heraus. Das liegt vor allem am grafischen Stil (dazu später mehr), aber auch erzählerisch geht Berger eigene Wege. Sie traut sich und ihren Lesern einiges zu, denn die Welt von Grün wird nicht groß erklärt. Man muss sich bei der Lektüre schon selbst zusammenreimen, was hier vor sich geht; Rätselhaftes darf rätselhaft bleiben.

Im Mittelpunkt steht die Nomadin Lis, die offenbar allein auf dem Weg durch die Wüste ist, auf der Flucht vor der sich immer weiter ausbreitenden Seuche. Dabei gerät sie an eine Bande von umherziehenden Sklavenhändlern, von denen sie in die sogenannten Tiefgärten geschickt wird. Dieser Teil des Planeten, vermutlich der Ursprung der Seuche, ist das krasse Gegenteil zur leeren Wüste der Oberfläche: Hier wuchert und wächst es in allen Ritzen, jeder Winkel ist besetzt von Farnen, Moosen, Flechten, Schlingpflanzen und anderem Grünzeug. Dort trifft Lis auf den Ältesten, ein riesenhaftes organisches Wesen, das behauptet, die Seuche unter Kontrolle zu haben. Und dieser schickt Lis wiederum auf eine Reise, um ein Heilmittel zu finden, begleitet von Lun, einer gewieften Händlerin, die ebenfalls als Sklavin hier gelandet ist.

Bevor diese Quest von Lis und Lun aber beginnen kann, ist Teil 1 schon zu Ende. Nach 52 Seiten hat man ein wenig das Gefühl, gerade mal die Einleitung gelesen zu haben. Man hat eben erst begonnen, sich in diesem faszinierenden, aber doch sehr fremdartigen Kosmos zurechtzufinden, man fängt gerade an zu verstehen, wie diese nicht ganz leicht zu durchschauende Welt tickt – und schon heißt es „Fortsetzung folgt“. Man würde wirklich gerne weiterlesen – was ja eigentlich für den Comic spricht; aber diese Unterbrechung fühlt sich irgendwie unbefriedigend an. Es hätte der Geschichte vermutlich ganz gut getan, wenn man sie komplett am Stück veröffentlicht hätte. Wenn der zweite Teil (voraussichtlich im Frühjahr 2019) erscheint, wird man den ersten ohnehin noch einmal lesen müssen, denn die Handlung erschließt sich – auch wenn sie gar nicht so wahnsinnig komplex ist – etwas mühsam.

Frauke Berger will primär über Bilder erzählen und hält sich auf der Textebene deutlich zurück. Dadurch bleiben einige Fragen offen: Über die Hintergründe des Planeten Haan, über das Wesen der Seuche und auch über die Hauptfigur Lis, ihre Motivation und ihren Background erfahren wir nur kleine Bruchstücke. Das ist aber zu verschmerzen, denn die Bildebene ist die große Stärke dieses Comics: Bergers ausgereifter Zeichenstil lässt vage erahnen, dass sie ihre Wurzeln im Mangabereich hat, erinnert aber vor allem an Moebius oder auch an den Amerikaner Brandon Graham, in dessen kurzlebige Anthologie-Serie Island der Grün-Comic perfekt gepasst hätte. Vor allem in der zweiten Hälfte des Bandes, der in den üppig bewachsenen Tiefgärten spielt, bringt die Zeichnerin beeindruckend organische Szenerien zu Papier, die voller Details stecken, aber niemals verwirrend fürs Auge sind.

Unterstützt wird dies von der herausragenden Kolorierung: Berger verzichtet auf stufenlose Farbverläufe und setzt stattdessen auf eine flache Farbgebung. Die Farbpalette bleibt innerhalb einer Szene auf wenige Farbtöne beschränkt, kann dann aber bei einem Szenenwechsel umso stärker variieren. So entsteht ein wirkungsvoller Gegensatz zwischen dem ersten Teil der Geschichte, der auf der kahlen Wüstenoberfläche des Planeten spielt, die von Gelb- und Ockertönen (bzw. nachts von Grau und Violett) dominiert wird, und dem zweiten Kapitel, in welchem der Comic seinem Titel alle Ehre macht. Wie hier durch Farben Atmosphäre erzeugt wird, ist große Klasse und absolut sehenswert.

Alles in allem ist der Auftaktband von Grün ein vielversprechender erster Aufschlag für eine Künstlerin, die sich einerseits in klassischen Genres bewegt und sich an bekannten Vorbildern orientiert, aber trotzdem etwas ganz eigenes schafft und damit einen markanten Punkt in der hiesigen Comiclandschaft setzt, in der man solche Comics nicht häufig sieht.

Starkes Debüt, das vor allem (aber nicht nur) optisch überzeugt

Grün, Buch 18von10
Splitter Verlag, 2018
Text und Zeichnungen: Frauke Berger
56 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 15,80 Euro
ISBN: 978-3-96219-031-6
Leseprobe

 

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