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Währenddessen … (KW 5)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Daniel: Währenddessen in einem Turm: Auf meinem Rechner läuft nur noch Slay the Spire.  Das Computerspiel mischt roguelike mit Deckbau-Mechanismen aus Brettspielen wie Dominion. Zu Beginn wählt Spieler einen von zwei Helden – und bekommt dazu einen Satz Basiskarten. Mit dem kämpft man sich Raum für Raum den Turm empor. Ich habe zwar noch nie Die 36 Kammern der Shaolin gesehen, aber so in etwa stelle ich mir das vor. In jedem neuen Raum warten Monster, Ereignisse, Händler und Möglichkeiten zum Rasten.

Warum Slay the Spire süchtig macht? Weil auch in dieser early access Version die Botschaft klar durchstrahlt: Optimiere! Bau dein Deck besser! Wähle einen anderen Weg! Und wenn du stirbst, wähle ein anderes Relikt, eine andere Karte. Von denen bietet das Spiel einen ganzen Haufen:

An jeder Abzweigung warten Möglichkeiten, sein Deck zu verbessern. Aber sind mehr Karten gut oder schlecht? Das gilt es abzuwägen: Rasten oder am Lagerfeuer Karten verbessern? Vielleicht kleistert gerade die tolle neue Karte das Deck zu. Der Optimierungsgedanke ringt bei jeder einzelnen Entscheidung mit dem Entdeckergeist. Meist gewinnt die Lust das neue zu kennenzulernen.

Am meisten mag ich aber die Monster. Bereits im allerersten Raum liegt ein dicker Wal und gewährt Startvorteile. Warum der Wal da liegt, weißt ich nicht. Aber die Welt von Slay the Spire erinnert mich auf Weise an die Comicserie Donjon von Lewis Trondheim: verrückte Kreaturen, denen Arm an komischen Stellen aus dem Kopf wachsen, eine pöbelnde Goblin-Horde und crazy Artefakte. Der Turm schreit: „Entdecke mich!“ Und ich gehorche.

Christian: Währenddessen habe ich mich noch einmal mit Marc-Oliver Frischs Besprechung zu Reinhard Kleists Boxer von 2012 auseinandergesetzt, einer biografischen Erzählung über einen Sportler, der Auschwitz überlebt hat. In der Besprechung fallen Sätze wie:

  • „Ich habe keine Ahnung, was Reinhard Kleist mit dieser Geschichte zu tun hat.“
  • „Aber mir ist nicht klar, warum er als Autor entschieden hat, gerade diese Geschichte zu erzählen.“
  • „Aber den Beleg dafür, dass das Leben des jüdischen Boxers Hertzko Haft von Reinhard Kleist noch einmal als Comic erzählt werden musste, bleibt der Autor in letzter Konsequenz leider schuldig.“

Vermutlich stellt sich Kleist selbst ähnliche Fragen, immerhin reflektiert er gerade solche Gedanken in seinem neuen Buch Mercy On Me, was in einem biografischen Buch über einen Musiker ja nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Aber auch schon in Der Traum von Olympia wird Kleists Verlangen, sich mit seiner ganzen Persönlichkeit in ein Thema zu werfen, deutlich. Er hat Flüchtlingslager besucht, sich engagiert und dazu auch noch einen Begleitcomic gestaltet, der aus der Masse der Gratis-Comic Tag-Hefte 2015 deutlich herausragte.

Wie Frisch richtig feststellt, lässt sich mit der Fragestellung danach, in welcher Beziehung der Künstler zu seinem Thema steht, oft auch die Frage danach beantworten, ob einen ein Comic letztlich packt oder emotional kalt lässt. Aber die Frage hat auch einen bösen Zwilling: Seit ein, zwei Jahren machen immer wieder Vorwürfe der kulturellen Aneignung die Runde. Der Vorwurf steht im Raum, ob ein Künstler sich zu belasteten Themen überhaupt äußern darf, oder ob er daraus nur emotionales Kapital und Aufmerksamkeit gewinnen will. Eine neue Form von Zensur hat sich daraus entwickelt, die die alte Bundesprüfstelle schon fast wieder sympathisch wirken lässt.

Wer sich für die Frage interessiert, ob man Auschwitz überhaupt dramatisieren darf, dem empfehle ich die Lektüre von Sonja M. Schultz‘ klugem Filmbuch Der Nationalsozialismus im Film – Von Triumph des Willens bis Inglorious Basterds (Berlin, 2012). Sehr aufschlussreich war für mich vor allem der Streit zwischen Claude Lanzmann und Stephen Spielberg über dessen Film Schindlers Liste. Für Lanzmann ist jede Darstellung des Holocausts, genauer der Shoah, ein Sakrileg: „Wer es tut, macht sich der schlimmsten Übertretung schuldig. Die Fiktion ist eine Übertretung, und es ist meine tiefste Überzeugung, dass jede Darstellung verboten ist.“ Entsprechend zeigt Lanzmann in seiner eigenen Dokumentation Shoah von 1985 keine Inszenierungen und verwendet auch keine manipulativen Schnitte. Demnach machte sich Stephen Spielberg eben dieser „schlimmsten Übertretung“ schuldig, als er die Geschichte um Oskar Schindler sehr episch und effektvoll dramatisierte. Aber Spielberg erhielt gewichtige Unterstützung durch Regielegende Billy Wilder, der 1945 unmittelbar nach der Befreiung am Dokumentarfilm Die Todesmühlen beteiligt war, einem Film, der dazu verwendet wurde, die deutsche Bevölkerung mit dem Massenmord zu konfrontieren.

Das über 560 Seiten schwere Buch lässt tatsächlich keinen Bereich der filmischen Aufarbeitung der Nazizeit offen. Egal ob antifaschistischer DEFA-Film, erste Aufarbeitungsversuche des westdeutschen Kinos, Exploitation der 70er und 80er Jahre, deutsches Event-Kino der 90er und 00er-Jahre, Guido Knopp-Dokus, Christoph Schlingensief-Filme, polnisches Kino oder das amerikanische Kino von den 30er Jahren bis heute: Kein Sub-Genre wird ausgespart und alles mit dem gleichen wissenschaftlichen Ernst behandelt. Sonja M. Schultz‘ Werk, ursprünglich eine Doktorarbeit, ist ein weiteres großartiges Buch aus der umfangreichen Filmbibliothek des Bertz-Verlags, das man sicher öfter als nur einmal lesen will.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.

1 Kommentare

  1. Christian sagt

    Das mit der „kulturellen Aneignung“ war vielleicht
    doch etwas unglücklich formuliert und kommt mir inzwischen vor allem etwas
    hochtrabend vor. Natürlich kann man, wie ich es im Währenddessen-Text tat,
    einen Zusammenhang zwischen einer zutreffenden Kritik und einem haltlosen
    Vorwurf konstruieren, aber das ist so zielführend wie politische Korrektheit zu
    verurteilen, weil einzelne Vertreter über die Stränge schlagen. Oder politische
    Inkorrektheit pauschal zu verurteilen, weil das Konzept von den Rechten
    vereinnahmt wurde.

    Auch wenn der Vorwurf der kulturellen Aneignung oft zu
    radikal angewendet wird, ist er doch nicht immer unangebracht. Ich würde es
    beispielsweise als unangemessen empfinden, Sam Cookes Bürgerrechtslied „A
    change is gonna come“ öffentlich auf der Gitarre zu spielen und dazu
    singen zu wollen. Nichts anderes will der Vorwurf erreichen: Sensibilität
    erzeugen.

    Der Begriff „Zensur“ ist deswegen unpassend, weil
    eine Selbstzensur aus Taktgefühl etwas anderes ist als eine Selbstzensur aus
    Angst vor staatlichen Repressalien. Und auch Tabus sind etwas anderes als
    Zensur, und wenn derzeit verstärkt neue Tabus verhandelt werden, dann ist das sicher
    keine Zensur.

    Der Übermalung des Gomringer-Gedichts an der Hochschule in
    Berlin stehe ich übrigens durchaus positiv gegenüber. Schließlich ist jede
    Entscheidung für einen Fassadenspruch gleichzeitig eine Entscheidung gegen
    unzählige andere. Das hat mit Zensur nichts zu tun, eher ist das Festhalten an
    unbedingt diesem Spruch reiner Starrsinn. Aber das nur am Rande. Ich will damit
    nur sagen: Der Ruf nach mehr Sensibilität ist geboten.

    Ich denke, Reinhard Kleist könnte man beim Boxer durchaus
    kulturelle Aneignung vorwerfen, ich habe das einfach mal so als Gedankenspiel
    mitgedacht. Gerade diesem Gedanken habe ich aber mit dem Argument, dass Kleist
    sich seinen Stoffen sensibel annähert, etwas entgegensetzt. Im Grunde ist das aber
    zu viel Hirnwichserei, denn keiner hatte den Vorwurf meines Wissens nach je
    formuliert, und lenkt die Diskussion letztlich nur von der Buchbesprechung von Sonja
    M. Schultz‘ Filmbuch ab, der ich mehr Raum hätte geben sollen.

    Oder wie sehen das die Comicgate-Leser?

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