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Hör mal, wer da hämmert – Jeff Lemires Black Hammer geht weiter

Während Jeff Lemire daran gearbeitet hat, sein Hammerverse mit Teil 5 fortzsetzen, hat er andere Künstler*innen fleißig klopfen, sägen und schrauben lassen. Das Ergebnis sind „Black Hammer – Visions 1 & 2“.

Black Hammer begann als Erfolgeschichte des kanadischen Superstars Jeff Lemire. Die Superheldengeschichte um Abraham Slam, Golden Gail, Colonel Weird, Barbalien und weitere seltsame Geschöpfe lässt sich als actionreiche Science-Fiction-Serie lesen, aber zugleich auch als eine Erzählung über komplizierte Patchworkfamilien oder als Meta-Comic, in dessen Verlauf die Comic-Historie seit den 1930er Jahren in Zitaten wieder aufleben darf. Seit Mitte 2016 erscheinen bei Dark Horse neben der Hauptserie sehr rasch diverse Spin-offs (etwa Sherlock Frankenstein oder Doctor Star), und inzwischen kann man sagen, dass das expandierende „Hammerverse“ alles andere als übersichtlich ist. Die Grafik veranschaulicht die Publikationszeiträume der bisher veröffentlichten Serien.

Die Publikationsphasen der einzelnen Black-Hammer-Mini-Serien bzw. Spin-offs bei Dark Horse Comics (ohne die Sammelbände und Library Editions) © Lungershausen

Die Vielzahl der parallel erscheinenden Serien machte die Orientierung in dem Black-Hammer-Kosmos zu einer großen Herausforderung. Bis zu drei Serien erschienen zeitgleich und gaben dem Splitter Verlag, der die Lizenzen für Lemires Black-Hammer-Comics hierzulande innehat (mit Ausnahme des bei Panini erschienenen Bandes Hammer der Gerechtigkeit), eine große Aufgabe auf den Weg. Seit 2018 sind 16 Hardcover-Bände erschienen, und drei weitere sind für 2023 angekündigt (s. Grafik unten).

Dies ist eine Übersicht über die deutschen Black-Hammer-Ausgaben, die überwiegend im Splitter Verlag erscheinen (Ausnahme. Allein 2019 sind fünf Bände erschienen. © Lungershausen

Im vergangenen Jahr 2022 sind nun drei weitere Bände erschienen: Visions 1 & 2 sowie die Fortsetzung der Hauptserie, bestehend aus Vergessene Helden (Band 1), Das Ereignis (Band 2), Age of Doom 1 & 2. Da letzterer im November 2019 veröffentlicht wurde, werden Fans sicher auf diesen Band gewartet haben, zumal die fünf Spin-offs, die 2020 und 2021 erschienen sind, zwischen grandios und naja schwankten.

Black Hammer – Visions 1

Black Hammer – Vision 1 © Splitter Verlag

Die vier in diesem Band versammelten Storys stammen von verschiedenen Autor*innen und Zeichner*innen, keine aber von den Schöpfern der Serie, Jeff Lemire und Dean Ormston, selbst. Der Ersatz allerdings kann sich sehen lassen, immerhin sind Geoff Johns, Chip Zdarsky, Dean Kotz und Mariko Tamaki keine Unbekannten. An verschiedene Zeichner*innen haben Black-Hammer-Leser*innen sich schon gewöhnt, anderen Autor*innen als Lemire gab es bisher noch nicht.

Wortspiele, die im Englischen funktionieren, können im Deutschen scheitern: „Gib mir die Suppe, Puppe.“ © Splitter Verlag

In der ersten Story „Transfer Student“ begleiten wir die Highschool-Absolvent*innen Barbara und Eunice bei ihrem Rückblick in die gerade abgeschlossene Schulhistorie. „Weißt du nicht mehr? Vierte Klasse?“ Dieses seltsame Mädchen, an das vor allem die nerdige Eunice sich gut erinnern kann … Es handelt sich dabei um (Golden) Gail Gibbons, die abgebrühte Raucherin im Körper eines Schulmädchens. In der neuen Klasse sorgt sie mit ihrem unangepassten Verhalten natürlich für Aufsehen. „Holen wir uns ein Eis, Gail.“ – „Ich will lieber einen Whiskey.“ Nach einiger Zeit muss Gail die Schule verlassen, damit den anderen nicht auffällt, dass sie im Gegensatz zu allen um sie herum nicht altert. Sie kehrt später als Gails jüngere Cousine Windy zurück an die Schule und hinterlässt erneut nachhaltige Eindrücke bei ihren Mitschülerinnen. Besonders für die Außenseiterin Eunice hat Gail große Sympathien, sieht in ihr doch die Individualität und selbstbestimmte Freiheit, die ihr selbst nicht mehr möglich ist. Die unterhaltsame Comic-of-Age-Geschichte ist eine gelungene Hommage an Daniel Clowes‘ Ghost World (2001), wenngleich die beiden Jugendlichen nur äußerlich (und entfernt) an das zynische Duo Enid Coleslaw und Rebecca Doppelmeyer erinnern. Der Fokus bei „Transfer Student“ liegt nicht auf der (eher etwas aufgesetzt wirkenden) Hommage, sondern auf dem Humor. Kein Wunder, immerhin ist der Autor Patton Oswalt nicht nur als Schauspieler in der Comedy-Serie King of Queens bekannt, sondern auch als Stand-up-Comedian unterwegs. Lediglich die Versuche, die markigen Reime ins Deutsche zu übertragen, gelingt nicht besonders gut, aber das ist auch eine unlösbare Aufgabe. „Slip the juice to me, Bruce“ klingt im Deutschen weder treffend noch witzig: „Gib mir die Suppe, Puppe.“ Dean Kotz hat seinen Zeichenstil an die Sehgewohnheiten von Lemire-Fans angepasst und dessen kantigen, sorglosen Stil adaptiert, allerdings besser als das Original. Diese Eröffnungsgeschichte ist insgesamt gelungen – und auch der Höhepunkt des Bandes.

Ein interessantes Licht auf Abraham Slam wirft die Geschichte „Uncle Slam“ von Chip Zdarsky (Sex Criminals) und Johnnie Christmas. Abe Slam muss mit ansehen, wie die Regierung einen neuen Superhelden als verlängerten Arm des Gesetzes präsentiert: „The Slam“. Die dreiste Kopie des inzwischen gealterten Superhelden weckt dessen Argwohn, immerhin steht es Superhelden nicht gut an, allzu eng mit der Staatsmacht zusammenzuarbeiten (solange man nicht Captain America heißt). Der brutale Emporkömmling ist gewaltverliebt, respektlos und überheblich: „Du warst immer nur ein Amateur, ein Typ, der aus irgendeinem Grund nicht einfach nur ein Cop sein wollte. Du tust mir fast leid, Alterchen“, und dann schlägt er Abe Slam gänzlich ohne Mitleid bewusstlos. Abe muss lernen, sich mit seiner neuen Rolle als Nicht-mehr-Superheld zu arrangieren und sein Alter zu akzeptieren. Mit dieser Perspektive knüpft Zdarsky an seinen jüngsten Spiderman-Erfolg (Die Geschichte eines Lebens) an, kann aber in der Kürze das Thema nicht besonders gut entfalten. Das Ergebnis ist eine unkomplizierte und geradlinige Geschichte, die nicht langweilt, aber auch nicht zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Black Hammer – Visions 2

Black Hammer – Visions 2 © Splitter Verlag

Nach den ersten vier in Band 1 versammelten Kurzgeschichten ist ein Folgeband erschienen, der Visions #5-8 versammelt. Dieser Band knüpft inhaltlich an vorherige Spin-offs der Black-Hammer-Serie an: Kelly Thompson und Leonardo Romero steuern eine Skulldigger-Geschichte bei (vgl. Skulldigger und Skeleton Boy), Cullen Bunn und Malachi Ward bzw. Matthew Sheean eine von Lovecrafts Motiven inspirierte Cthulhu-Story (wie in Sherlock Frankenstein).

Die Geschichte über den Klempner Louis Kaminski (oder auch Cthu-Lou) ist ein krakenköpfiger Nichtsnutz, der biertrinkend von Sportsendung zu Trash-TV zappt und mit beidem nur die Stimmen zu übertönen versucht, die ihn tyrannisieren. Das ist zum einen seine Ehefrau Elaine (deren Unzufriedenheit mit Louis‘ Engagement man durchaus verstehen kann), die trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft Doppelschichten arbeitet, um Geld für das kommende Kind zu sparen: „Immer hast du irgendweine Ausrede. ‚Ich bin ein Krake.‘ ‚Mein Rücken.‘ ‚Ich hör die Stimme von nem Großen Alten.‘ Ich sag dir, du musst dich ändern, Louis Kaminski!“ Die andere Stimme, die Louis stört, ist diejenige von einem uralten Lovecraft-Ungetüm. Aber er widersetzt sich ihr und durchkreuzt die Weltbeherrschungspläne, ausgerechnet der Nichtsnutz von nebenan. Am Ende wird kein sympathischer Held aus Louis Kaminski, kein Strahlemann, kein guter Ehemann, aber er hat sich behauptet. Und letztlich kann man sagen, dass er die Kommunikation vor allem dort verweigert, wo sie ihm nicht ernsthaft angeboten wurde. Eine Story ohne moralische Pointe und dadurch überraschend. Dave Stewart hat die Räume in sehr dunkle Farben gehüllt, so dass wir Louis durch eine Dunkelheit begleiten, die sein Zuhause ebenso erfüllt wie die Kanalisation.

Die Abenteuerwelt der Vergangenheit kündigt sich im orangenen Lichtschein bereits an. © Splitter Verlag

Die letzte Geschichte wiederum, „The horseless rider“ stammt von Scott Snyder und David Rubin. Es geht um den alten Buck, der in einem Pflegeheim mit dem schönen Namen „Last Views“ lebt und von dem Pfleger Eppley umsorgt wird. Dessen Fürsorge erschöpft sich aber nicht in darin, Buck mit den Notwendigkeiten des Alltags zu helfen, sondern umfasst auch die Habseligkeiten des an seinen Rollstuhl angewiesenen Mannes. Eppley bestiehlt die Einwohner des Heimes, und als Buck ihm auf die Schliche kommt, stellt er ihm ein Ultimatum. In einer Rückblende in die Elterngeneration der beiden Figuren sehen wir einen Dieb, der vor keiner Schandtat zurückscheut. Er bestiehlt die Toten, aber letztlich zieht er mit seinem letzten Raubzug einen Fluch auf sich, der ihn über seinen Tod hinaus begleiten wird. Snyder hat einen überraschenden Twist eingebaut, der ganz in der Eigenart Lemires das Verhältnis von Vater und Sohn in den Vordergrund stellt. Die Zeichnungen von David Rubin, der schon mehrere Black-Hammer-Comics zeichnete (darunter Sherlock Frankenstein) setzen die triste und dunkle Altersheimwelt in starken Kontrast zu den in leuchtenden Farben inszenierten Abenteuern der Elterngeneration. Nur durch die Fenster des „Last Views“ dringt immer wieder ein orangefarbener Lichtschein, der die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart anmahnt. Die Geschichte ist (auch durch Rubins wundervolle Kolorierung) der Höhepunkt des ansonsten blassen Bandes.

Angesichts der zahlreichen Spin-offs und solcher Experimente wird es wieder Zeit, sich der eigentlichen Serie zuzuwenden, die anfangs so viel Lob erhielt.

Black Hammer 5 – Reborn 1

Nun also zurück zur Hauptserie – und damit auch zu Jeff Lemire als Autor und, erstmals für Black Hammer, die erfahrende Caitlin Yarsky als Zeichnerin. Die Ausgabe umfasst #1–4 von Black Hammer – Reborn.

Black Hammer – Reborn Buch 1 © Splitter Verlag

Nachdem Joseph Weber, der originale Black Hammer, im Kampf gegen den Anti-Gott gestorben ist, ging sein Hammer an seine Tochter, Lucy Weber, über. In Reborn erfahren wir nun, wir es ihr danach ergangen ist. Auch sie ist älter geworden, hat geheiratet und zwei Kinder bekommen. Ihr Superheldendasein hat sie gegen ein konventionelles Familienleben eingetauscht. Die neuen Supervillains im Daily Age der normalsterblichen Mutter und Ehefrau sind die pubertierende Tochter und der untreue Ehemann. „Zafram“ möchte man mit Golden Gail an seiner Seite laut rufen, aber im echten Leben hilft einem eben kein schwarzer Hammer aus der Patsche.

Ihr Rückzug aus dem abenteuerlichen Superheldinnenleben macht nicht nur ihr selbst zu schaffen, sondern auch ihrer Familie. Und als ihre Tochter neben den alterstypischen Drogen auch noch eine bedrohliche Anomalie entdeckt, gerät das Familienleben völlig aus den Fugen. Colonel Weird wird am Ende einen dramatischen Schlusspunkt unter die Geschichte setzen …

Die Serie knüpft nun (endlich) wieder an das Erfolgsrezept der Comics der ersten Publikationsphase an. Die menschlichen Probleme der Superheldin stehen im Vordergrund, denn das Elterndasein erfordert andere Superkräfte als das actiongesättigte Leben im Kampf gegen den Weltuntergang. Die Zeichnungen von Caitlin Yarsky haben nicht den unverwechselbaren Charme von Dean Ormston oder David Rubin. Im untenstehenden Bild ist nur das Nötigste zu sehen, um die Umgebung als Wohnraum identifizieren zu können, aber sie erfüllen ihren Zweck. Wesentlich freudvoller geraten die wilden Zeichnungen der Parazone.

Triste Alltagswelt (mit wenig Einrichtung) © Splitter Verlag

Reborn – Buch 1 enthält die ersten vier der insgesamt zwölf bei Dark Horse erschienenen Reborn-Hefte, die Splitter in drei Bänden veröffentlichen wird. Diese folgen im Mai und im August 2023.

Fazit

Während die beiden Visions-Bände trotz mancher Stärken nur als Lückenbüßer für die sich immer weiter hinauszögernde Fortsetzung der Hauptserie erscheinen, werden viele Leser*innen der Serie damit nicht wirklich glücklich werden. Reborn hingegen zeigt den Charme der früheren Bände und hat zudem mit Lucy Weber eine interessante Figur im Fokus.

Solider Lückenfüller ohne große Höhepunkte

7von10Black Hammer – Visions 1
Splitter Verlag, 2022
Text und Zeichnungen: Patton Oswalt, Geoff Johns, Chip Zdarsky, Mariko Tamaki, Dean Kotz, Johnnie Christmas, Diego Olortegui, Scott Kolins
Übersetzung: Katrin Aust
128 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-96792-223-3
Leseprobe

 

Nur lesenswert dank Snyder und Rubin

6von10Black Hammer – Visions 2
Splitter Verlag, 2022
Text und Zeichnungen: Scott Snyder, Cecil Castellucci, Cullen Bunn, Kelly Thompson, David Rubín, Leonardo Romero, Malachi Ward, Matthew Sheean, Melissa Duffy
Übersetzung: Katrin Aust
128 Seiten, schwarz-weiß oder Farbe, Softcover oder Hardcover
Preis: 19,80 Euro
ISBN: 978-3-96792-224-0
Leseprobe

 

Charmante Fortsetzung der Hauptserie

8von10Black Hammer 5 – Reborn
Splitter Verlag, 2022
Text und Zeichnungen: Jeff Lemire und Caitlin Yarsky
Übersetzung: Katrin Aust
112 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 22,00 Euro
ISBN: 978-3-96792-225-7
Leseprobe

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  1. Pingback: Die Grube |

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