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Währenddessen… (KW 4)

In der Kolumne „Währenddessen …“ zeigt die Comicgate-Redaktion, was sie sich diese Woche so zu Gemüte geführt hat.

Stefan: Mit Star Trek: Picard bietet Amazon Prime Video hierzulande ein weiteres Argument für sein Streaming-Programm, bevor im März 2020 mit Disney+ ein weiterer, gerade für Zeichentrick- und Superhelden-Interessenten, potenter Konkurrent auf dem deutschsprachigen Markt auftauchen wird. Ursprünglich entstand die Serie aber für die US-Streaming-Plattform CBS Access, genau wie Star Trek: Discovery, für das sich jedoch Konkurrent Netflix die Vertriebsrechte außerhalb der USA und Kanada gesichert hat. Wie für Discovery sind auch für die Picard-Serie Comics geplant, welche die TV-Episoden um eigene Geschichten ergänzen. In Deutschland dürfte ein Erfolg der TV-Serie also auch für Freude bei Comic-Lizenznehmer Cross Cult sorgen.

Eine direkte Fortsetzung von Star Trek: The Next Generation ist Star Trek: Picard nicht. Jean-Luc Picard ist im Ruhestand, hatte es zuvor bis zum Admiral gebracht, bis es durch ein traumatisierendes Ereignis zum Bruch mit der Sternenflotte kam. Stewart wird 2020 stolze 80 Jahre alt (Picard ist wegen der höhreren Lebenserwartung in der Zukunft von Star Trek noch viel älter) und somit bietet die Serie mit Bildern von Picards Altersruhesitz, seinem Weingut in Frankreich, auch einen melancholischeren, zerbrechlicheren Protagonisten als bisher und weit weniger Action als Discovery oder die letzten Kinofilme mit Chris Pine als jungem Captain Kirk. Somit wirkt diese Serie wieder näher am Original, es geht um philosophische, ethische Fragen, um Konflikte zwischen fremden Völkern und um Naturwissenschaften. Die Mischung aus altem, klugen Mentor und jungen Helden, welche die Actionszenen übernehmen, erinnert ein wenig an die X-Men-Filme mit Stewart als Professor X.

Der Look der neuen Serie ähnelt ansonsten eher den Star-Trek-Filmen mit der Next-Generation-Crew als der TNG-Serie aus den 1980er- und 1990er-Jahren. Die Ausstattung wirkt hochwertig und gerade die schönen Kulissen, Gimmicks wie eine Bibliothek der Zukunft und  das Wiedersehen mit alten, liebgewonnenen Figuren wie dem Androiden Data (Brent Spiner) in der Pilotfolge gehören zu den Stärken. Jede Woche gibt es eine neue Episode. Für Neues aufgeschlossene TNG-Fans sollten unbedingt reinschauen.

Niklas: Diese Woche bleibe ich noch einmal in China. Mein Mammutleseprojekt letztes Jahr war der über zweitausend Seite schwere Roman Outlaws of the Marsh von Shi Nai‘an und/oder Luo Guanzhong. Das Buch gilt neben Journey To The West und Romance Of The Three Kingdoms als ein chinesischer Klassiker. Ich habe eine englische Ausgabe gelesen, die man als dicken Schuber kaufen kann.

Outlaws Of the Marsh erzählt die Geschichte von 108 Gesetzlosen, die im Liangshan-Distrikt ihr Lager aufschlagen und von dort aus Angst und Schrecken verbreiten. Zunächst kämpfen sie gegen die Truppen des Kaisers, danach wehren sie fast im Alleingang eine Invasion der Tataren ab. Über eintausend Seiten erzählt der Roman zunächst, wie diese Gruppe zusammenkommt und rollt detailliert die Biografien der wichtigsten Charaktere auf. Das ist für mich der spannendste Teil des Romans, da diese Episoden nicht nur sehr unterhaltsam sind, sondern sich auch mit Fragen über das Böse beschäftigen. Ist es zum Beispiel böse, den Mord seines Bruders zu rächen, da es gegen das Gesetz verstößt, Selbstjustiz zu üben – oder ist es die einzige Form wahrer Gerechtigkeit, die man vollstrecken kann? Können böse Buben wie der Schwarze Wirbelwind, eine der Hauptfiguren des Buches, auch Gutes vollbringen, solange er nur von den richtigen Leuten angeleitet wird? Oder bleibt er nur ein gewalttätiger Schläger, der mehr als einmal im Jähzorn Leute sehr detailliert verstümmelt? Das sind die spannenden Fragen des Romans und die erste Hälfte wurde ich gut unterhalten. Aber dann beginnt die erwähnte Invasion der Tataren und aus einem Buch mit vielen Grauzonen, wird ein klassisches Narrativ von Gut gegen Böse. Die Räuber werden auf einmal von einer Liebe zur Heimat erfüllt – sie haben sich ja stets nur gegen korrupte Minister und nicht gegen das Reich augeflehnt – und vermöbeln die Invasoren. Das passt wohl zu den historischen Hintergründen des Romans und ich kann mir vorstellen, dass die Autoren das einbauen mussten, um kaiserlicher Zensur zu entgehen, aber schade ist es trotzdem.

Davon abgesehen bietet der Roman viele Actionszenen wie aus einem Wuxia-Film: tränenreiche Schwüre der Bruderschaft, wahre Freundschaft und einen bizarren Running-Gag. Denn sehr oft passiert einer Figur, dass sie in einem Gasthaus halt machen und der Wirt plant, diesen umzubringen. Scheinbar sind alle Gastwirte im Reich schäbige Diebe und Mörder. Die Hauptfigur kriegt das raus, es wird sich geprügelt und dann stellt sich heraus, dass der Wirt einen Freund der Figur kennt, den er sehr vergöttert und warum hat die Figur das denn nicht gleich gesagt – man ist ja schließlich Teil derselben Bruderschaft und einen werten Miträuber tötet man schließlich nicht. Schön zu wissen, dass es doch so was wie Ehre unter Dieben gibt.

Ich hatte wirklich gehofft, dass Outlaws of the Marsh einer meiner liebsten Romane werden würde. Die allzu patriotische, zweite Hälfte hat das aber zunichte gemacht. Was soll‘s. Die erste Hälfte ist ja noch da.

Was habt ihr diese Woche gekauft, gesehen, gelesen, gespielt? Postet eure Bilder, Geschichten und Links einfach in die Kommentare.

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