Nach langem Zögern hat sich Christian an Alien: Covenant gewagt.
Christian: Unter all den nihilistischen und negativen Filmen, die ich kenne, ist Alien: Covenant ein Film von besonderer Boshaftigkeit. Hatten wir im Vorgängerfilm Prometheus noch alle unsere Hoffnungen in die sympathische Figur der Elizabeth Shaw gelegt, so werden wir in Covenant mit der bitteren Realität konfrontiert, dass die Bemühungen der Wissenschaftlerin vergeblich waren. Am Ende von Prometheus war sie noch hoffnungsvoll durchgestartet, um die Konstrukteure zu finden, in denen sie den Ursprung der Menschheit vermutet hatte, in Covenant erfahren wir, wie ihre Suche ins Leere lief: der Androide David setzte unter den Konstrukteuren das Alien-Virus frei und zerstört die Existenz der Konstrukteure noch vor dem ersten Kontakt, danach benutzt er Elizabeth Shaw, um an ihr Experimente durchzuführen.

Im Internet finden sich Interviews der Elizabeth Shaw-Darstellerin Noomi Rapace, in denen sie erzählt, wie sie sich darauf freue, dass Ridley Scott mit ihr einen zweiten Teil drehen wird. Es ist eine Teufelei auf zwei Ebenen: Erst fegt Ridley Scott mit seiner Drehbuchentscheidung die Hoffnung der Schauspielerin auf eine Fortsetzung dieser Traumrolle weg, dann erhält die Figur der Elizabeth Shaw ihr unwürdiges Ende im All, ganz weit weg. Im Weltall hört dich niemand schreien.
Die Covenant-Story hat das Privileg erhalten, dass Science Fiction-Routinier Alan Dean Foster dazu eine Romanadaption verfasste, von Alien: Prometheus gibt es so etwas nicht. Auch wenn es nach Auftragsarbeit klingt, so war ich doch neugierig, ob der Autor der ethischen Katastrophe um Elizabeth Shaw noch weitere Facetten abringen konnte. Zunächst wird unter Elizabeth Shaws Hinterlassenschaften ein Kruzifix gefunden, wir werden also daran erinnert, dass sie als gläubige Christin ins Weltall flog. Später findet die Wissenschaftlerin Daniels, Crew-Mitglied des Raumschiffs Covenant, die Aufzeichnungen und Skizzen des bösartigen Androiden David, der mit Elizabeth allerhand Experimente durchgeführt hat:
“Genug dachte sie. Genug. Aber sie konnte nicht verhindern, dass sie aus den Augenhöhlen jene Zeichnungen sah, die sie bereits ausgerollt hatte, die sie bereits ausgerollt hatte.“
Wer kennt es nicht, das ungute Gefühl: etwas beinahe zu sehen, während man es nicht wahrhaben will und versucht, auf keinen Fall hinzusehen. Alan Dean Foster hat das Gefühl sehr gut in Worte gepackt:
„Sie lagen verstreut auf dem Boden, viele davon offen, sodass man sich ihnen nicht entziehen konnte. Bilder von Elizabeth Shaw, an der Experimente durchgeführt wurden. Elizabeth Shaw bei einer Vivisektion. Elizabeth Shaw, die durchbohrt, penetriert wurde…“

Mit solchen Beschreibungen ist die Erfahrung, Alan Dean Fosters Buch zu lesen, doch sehr intensiv, denn so deutlich explizit wird Elizabeth Shaws Schicksal im Film Covenant tatsächlich nicht. Da bleibt es bei einer Andeutung. Auf YouTube gibt es eine Zusammenstellung verworfener Drehbuchentwürfe und Szenen, die Elizabeth Shaws Schicksal explizit auch im Film zeigen. Auch, wenn ich diese Story-Entwicklung erschütternd finde: Was hatten wir denn erwartet, dass auf Prometheus folgt? Elizabeth Shaw als weiblicher John Carter on Mars vielleicht? Eine Variante des Planet der Affen? So perfide die Auflösung des Cliffhangers von Prometheus tatsächlich ist, sie ist stimmig und gut in Szene gesetzt.
Ich mochte beide Versionen von Alien: Covenant, die Novelization ebenso wie den Film. Das Buch ist ein schöner Action-Reißer mit einen Gespür für Details, der Film dagegen setzt die richtigen Akzente und zeigt, dass Ridley Scott das Inszenieren immer noch kann. Daniel Gramsch und Patrick Lohmeier haben den Film in einer wunderbaren Episode ihres Podcasts „Bahnhofskino“ als die „Slasher-Variante“ von Prometheus bezeichnet, weil die Story der Logik von Horrorfilmen so konsequent folgt. Vor allem die letzte Viertelstunde, als das Alien noch einmal zurückkehrt und ein duschendes Pärchen überfällt, bestätigt diese Sicht. Ich musste bisher auch jedes Mal, wenn ich die Duschszene sehe, lachen. Es ist wirklich sehr nah an den Halloween- und Freitag der 13.-Filmen.

Trotzdem ist Covenant deutlich ernsthafter und nihilistischer. Die letzte Pointe, wenn der Android sich als sein bösartiger Doppelgänger entpuppt, sitzt. Sie entlässt den Betrachter mit einem unguten Gefühl in der Magengrube. So konsequent heimtückisch war die Alien-Erzählung noch nie. Die Figur der Sigourney Weaver mag in den kanonischen Alien-Filmen regelmäßig überleben – trotzdem: der wahre Sieger ist in den ernstzunehmenden Alien-Filmen dennoch stets der Horror.
Ich teile mit vielen Alien-Fans die Ansicht, dass es nie eines Prequels bedurft hätte. Die Aliens müssen nicht kompliziert zu künstlich generierten Viren umgedeutet werden. Ridley Scotts erster Film war die kongeniale Umsetzung von Hansruedi Gigers Designs und Bildern, die auf perfekte Weise das Unbehagen des Menschen mit seinem körperlichen Innenleben illustrieren – die Entfremdung, die alienization von der eigenen Körperlichkeit. Body Horror auf den Punkt gebracht. Alles was mehr erklärt und erzählt, steht diesem perfekt konzipierten Bild nur im Weg.

Covenant ist als Horrorvision eines Androiden, der sich über jede Ethik hinwegsetzt, ein perfekter Horrorfilm ganz anderer Art. Ridley Scott, so erfahren wir unter anderem bei Patrick Lohmeyer und Daniel Gramsch, wollte bei Prometheus eigentlich einen neuen SF-Stoff verwirklichen, hat aber nur einen Alien-Film finanziert bekommen. Auch bei Alien: Covenant sehen wir diese Doppelung: In zahlreichen Szenen werden die alten Alien-Motive nur variiert, doch am Ende sehen wir doch etwas Neues, mit einer bösen Pointe, die ihresgleichen sucht.

Alle Abbildungen sind dem Umschlagbild des Buchs Alien: Convenant entnommen, (c) 2017, Luzifer-Verlag, Titan Publishing Group Ltd., Twentieth Century Fox Film Corporation.
Hier ist ein interessantes YouTube-Feature zu alternativen Entwürfen:
Deleted Scenes FINALLY Reveal Elizabeth Shaw’s HORRIBLE Death



