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Porn Story

Ralf König nähert sich immer mehr Woody Allen an und macht verlässlich Jahr für Jahr seine Gesellschaftskomödie über ein klar abgestecktes Themengebiet. Mit seinem neuesten Werk ist er nach der Weltraum-Extravaganza Barry Hoden wieder ganz auf der Erde angekommen – und dreht den Fokus dabei beinahe komplett um: Nicht die unendlichen Weiten des Weltalls sind diesmal das Thema, sondern die unendlichen Weiten in den Köpfen jedes einzelnen Individuums. Natürlich handelte auch das Vorgängerwerk, Barry Hoden, nicht wirklich vom Weltraum, aber immerhin war es ein rein eskapistischer Spaß für fortgeschrittene Ralf-König-Leser. Porn Story dürfte deutlich ernster gemeint sein, auch wenn der Spaß dabei nach wie vor nicht zu kurz kommt.

© Ralf KÖnig/Rowohlt

© Ralf König/Rowohlt Verlag

Nachdem das Thema des Buchs, Pornografie, zunächst auf bewährte Weise mit Schüttelreimen eingeführt wird, lernen wir den Helden Eberhard Schlüter kennen, der sich schon als Bub mit den Super-8-Pornos seines Vaters einschlägig prägt. Jedes Mal, wenn die Eltern aus dem Haus sind, kommen die Filmrollen raus – und Eberhard onaniert sich eifrig in die Pubertät hinein. Ob ihm das gut tut? Als junger Erwachsener ist Eberhard jedenfalls ein echter Porno-Profi, dem es auch nicht peinlich ist, seinem Kumpel ein Ticket für die Reise zu einer Gangbang-Party zu schenken. Zig Typen – eine Frau. In der Anonymität kein Problem, man(n) trägt ja Masken – Frau natürlich nicht.

Ist das wirklich nicht frauenfeindlich? Und sind hundert nackte Typen im Raum mit einer einzigen Frau nicht vielleicht nur verkappte Schwule? Ralf König inszeniert die Reise der zwei Kumpels mit viel Wortwitz, aber immer an der Grenze zum Fremdschämen. Dabei wird eine Sache immer klarer: Offen über Porno zu reden und seine Pornoleidenschaft ausleben, als wäre es nur ein weiteres Hobby, ist eine reichlich schräge Sache. Eberhard ist so überdreht, dass er die ganze Reise über nur blubbert und sich überhaupt nicht mehr beruhigt, sein Kumpel ist der passive Mitläufer, der sich gerne verführen lässt und mit stoischer Miene den ganzen Unfug mitmacht. Was macht man nicht alles für Sachen, wenn man jung ist.

Porn Story 1

© Ralf König/Rowohlt Verlag

Jahre später ist Eberhard verheiratet und hat einen Sohn. Er ist politisch korrekt, umweltbewusst und besorgt über den Zustand der Welt – und er mag immer noch seine Pornos. Bis ihm seine Frau dahinterkommt. Was dann folgt, entspricht bis zu einem gewissen Grad der Routine aus Ralf Königs früherem Buch Wie die Karnickel, das ein ähnliches Thema behandelte: Zunächst bemüht sich die Frau um ihren Mann, doch ist sie letztlich zu nachhaltig entsetzt vom Porno-Duktus, als dass ihr ein Zusammenleben noch möglich wäre.

Das mag klischeehaft wirken, ist aber aufgrund Ralf Königs Art, eine Handlung zuzuspitzen, auch schlüssig. Anders als bei Wie die Karnickel ist das Thema Pornografie aber diesmal nicht nur Auslöser einer Burleske, sondern vielschichtiger angelegt. Auch wenn die weiblichen Figuren der Story einmal wieder überfordert vom Porno-Thema wirken, bleibt diesmal auch für den Leser ein Rest Unbehagen, was beim wesensverwandten Wie die Karnickel noch nicht so deutlich im Raum stand. So scheint Eberhards Aussage, die Frauen hätten bei Gangbang-Partys Spaß, doch sehr eindeutig in Richtung Selbstbetrug zu gehen. Frauen, die mit dem Bus aus Tschechien angekarrt werden, um von einer Horde Assis besamt zu werden – das lässt sogar den Eberhard für eine Sekunde stutzig werden, bevor er den Gedanken schnell wieder zur Seite wischt.

Porn Story 2

© Ralf König/Rowohlt Verlag

Das größte Problem aller Figuren dieser ganzen Geschichte ist die Kommunikation: Kinder wollen sich von ihren Eltern nicht über Pornos aufklären lassen, Männer wollen mit ihren Frauen nicht über Pornos reden, Frauen zwingen ihre Männer zum Gespräch über Pornografie. Am Ende helfen keine Argumente, denn das Thema ist schon dadurch kontaminiert, dass es überhaupt zum Thema wird. Da hilft nur noch, den Intellekt abschalten und gar nicht mehr zu reden; vielleicht der einzige Weg, eine Beziehung zu retten beziehungsweise gar nicht erst zu gefährden. Da klingt es schon fast wie eine hoffnungsvolle Aussage, wenn Eberhard an einer Stelle meint, „Ich wette, die Menschheit schafft’s nicht mal mehr ins nächste Jahrhundert“.

Trotz aller Desillusionierung ziemlich witzig. Ralf König seziert das Leben eines Pornofans.

Porn Story
Rowohlt Verlag, 2015
Text: Ralf König
Zeichnungen: Ralf König, Einschübe von Nicolas Mahler
160 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 19,95 Euro
ISBN: 978-3498035716
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