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Erlangen-Tagebuch 2018, Tag 3

2. Juni 2018

Kommen wir zum traditionell anstrengendsten Tag. Samstags kommen generell immer die meisten Besucher und als wäre das nicht genug, hat die Sonne es auch wieder sehr gut mit uns gemeint. Aber es blieb leider keine Zeit, um sich im Schlosspark mit ein paar schönen Comics in den Schatten zu legen, wie das unglaublich viele Besucher taten.

Foto: Alexander Lachwitz

Roland:
Beim Gespräch über „80 Jahre Spirou“ (12 Uhr, Orangerie, Moderation: Christoph Haas) verklickert Yoann, seit 2009 hauptamtlicher Zeichner des Pagen, noch einmal en detail, warum das Marsupilami jetzt doch nicht wieder fester Teil der Albenreihe sein darf: Zwar gehören außer dem Spirou-Verlag Dupuis inzwischen auch Rechteinhaber Marsu Productions zum Konzern Média-Participations, sie sind aber weiter getrennte „profit center“. Heißt: Wollte Dupuis das Kultviech nach dem Comeback-Album Der Zorn des Marsupilamis erneut auftreten lassen, müsste man stolze Sümmchen für die Rechte bezahlen und das Marsupilami zur Hauptfigur der Geschichte machen. Außerdem verriet Yoann, dass er und Autor Vehlmann schon mehr als einmal Geschichten für die Spirou-Hauptserie verwerfen mussten, weil ihnen Autoren der parallel laufenden One-Shot-Reihe knapp zuvorgekommen waren. Als Reaktion darauf entstand die neue Spirou-Superhelden-Trilogie – für drei Alben sind Yoann und Vehlmann damit auf der sicheren Seite. À propos „One Shot“: Gastzeichner Flix enthüllte einige Details seines am 31. Juli erscheinenden Albums Spirou in Berlin. Graf Rummelsdorf wird in den 1980ern zum ersten Pilzforscherkongress in Osteuropa eingeladen, der in Ost-Berlin stattfindet. Eigentlich hat der Graf keine Lust, trotzdem stecken er, Spirou und Fantasio bald in einem wilden Stasi-Abenteuer. Besonders reizvoll klingen die zahlreichen Anspielungen auf Polit- und Comic-Geschichte, von Mielkes Grenzöffnungs-Gestammel bis zu „Kokomiko“ (Rolf Kaukas Name für das Marsupilami). Passen würde sicher auch Lenins Weisheit „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Sowohl Flix als auch Yoann erzählten nämlich, dass sie ihre Geschichten von der ersten Synopsis bis zur kolorierten, geletterten Version mehrere Male bei Dupuis zur Prüfung vorlegen müssten.

Ebenso gut besucht wie das Spirou-Gespräch war der Vortrag „Was darf ich im Comic noch geil finden?“ auf dem Podium der Comic Solidarity um 14 Uhr in Zelt C. Die Antwort blieb dieser unterhaltsame „Leitfaden für alle Leidtragenden des Feminismus“ genau genommen schuldig. Dafür machte Zeichnerin Lisa Frühbeis (My 100 Days of Strange Life) mit Bildmaterial und Statistik deutlich, wo bei Sexismus in der Populärkultur das eigentliche Problem liegt: Wären storyrevelante Frauenfiguren nicht so massiv unterrepräsentiert (erst recht solche ohne Wahrheitslasso und Katzenkostüm), dann gäbe es auch weniger Aufregung über die vereinzelte anatomisch überdrehte Bikinipose. Anders als man beim Titel des Vortrags hätte erwarten können, waren im Publikum eher die klassischen „Möpse sind doch Gegenkultur!“-Altnerds unterrepräsentiert. Steile Genderthesen („Figuren ohne sexuelle Merkmale sind die Lösung“) blieben in der anschließenden Diskussion gleichfalls die Ausnahme, stattdessen wurde lebhaft darüber debattiert, ob die feministischen Ansätze von Buffy oder den jüngeren Star Wars-Filmen aufdringlich/kommerzgeprägt/einfach toll sind. (Anmerkung: Ein ausführlicher Eindruck des Vortrags aus Christians Sicht folgt unten.)

Exponate aus der Jeff-Lemire-Ausstellung. // Foto: Thomas Kögel

Weiter zum Redoutensaal am Schlosspark, wo die ineinander übergehenden Ausstellungen „Jeff Lemire – Die Kunst des Erzählens“ und „Flix – von Beruf Comic-Zeichner“ ein seltsames Paar abgeben. Letztere zeigte Flix‘ Werdegang vom Frühwerk Who the Fuck is Faust? über den Durchbruch mit Held bis zum Ende Juli erscheinenden Spirou in Berlin und beeindruckt mit immer komplexeren Zeichnungen und kühneren Seiten-Layouts. Weit weniger „flashy“ mutet daneben die Werkschau des Kanadiers Jeff Lemire an, sicher der bekannteste Künster der angereisten Delegation aus dem Salon-Gastland Kanada: Die spröden Zeichnungen mit Aquarellkolorierung stehen komplett im Dienst von Atmosphäre und Geschichte. Leider fehlen Seiten, die Lemires eigene bestechende Layout-Experimente zeigen, etwa die gespiegelten Layouts/Erzählstränge in seiner Weltraumoper Trillium. Aufregend ist hier vor allem, welche erzählerische Bandbreite er meistert, von der Provinzballade Essex County über die Endzeitsaga Sweet Tooth bis zum Rassismusdrama Secret Path (nach dem gleichnamigen Album des 2017 verstorbenen Songwriters Gord Downie). Einige Räume widmen sich auch Lemires Arbeit als Autor für andere Zeichner, zumeist visuell aufwändige, erfrischend exzentrische Science-Fiction (Descender, Black Hammer).

Christian:
In der oben schon angesprochenen, gut besuchten Präsentation „Was darf ich im Comic noch geil finden? Ein Leitfaden für alle Leidtragenden des Feminismus“ trug Lisa Frühbeis viele Beispiele von Sexismus im Comic zusammen. Da gab es natürlich die Broken-Back-Pose, in der die Körperhaltung von Superheldinnen wie Wonder Woman grotesk verdreht ist, damit Hintern und Brüste gleichzeitig in Szene gesetzt werden können; und es ging um Dresscodes – Männer im Ganzkörperanzug, Frauen fast nackt. Auch Rollenzuschreibungen wurden angesprochen: Die Frau als „Damsel in Distress“, der Mann als Macher, der darüber hinaus – siehe Beispiel von Will Eisner – einer Frau wie Ellen Dolan auch mal den Hintern versohlen darf. Und wie ist es mit der Motivation? Welche Motivation hat beispielsweise Schneewittchen im Disney-Film, außer dass sie herumgeschoben, getötet und auferweckt wird? Dagegen ist die Motivation der Hexe Maleficent aus Dornröschen ziemlich eindeutig, was die Figur der individuellen Frau mit eigenem Willen sehr eindeutig mit negativen Gefühlen und Bosheit besetzt.

Interessanterweise stammten die meisten – nicht alle – Positivbeispiele aus modernen Independent-Comics; eine große Schnittmenge zum Superhelden-Mainstream gab es zumindest in der Präsentation nicht. Stattdessen stand die Frage im Raum, welches Geschlechterbild man dem Leser denn heute vorsetzen sollte. Sexistische Posen sind eindeutig auf den jugendlichen, männlichen Leser zugeschnitten, damit der gezielt zu diesen Heften greift. Soll man solche Klischees wirklich bedienen und damit die Jugendlichen ans Medium binden?

Im anschließenden Publikumsgespräch wurde folgerichtig angesprochen, dass beispielsweise in den neuen Star Wars-Filmen – durchaus durchsichtig – auf die neue Sensibilität Rücksicht genommen werde. Es werden sowohl tragende Rollen gezielt mit Frauen besetzt, als auch in der Interaktion neue Wege gegangen. Das stört viele Fans, da sie eine Übergriffigkeit des Feminismus in ihr Allerheiligstes befürchten, wenn auf einmal andere Zielgruppen, als sie selbst es sind, mit angesprochen werden. Aber ist es nicht gerade bei Kunstprodukten wie Star Wars, welche am Reißbrett geplant werden, fast essentiell, dass zeitgenössische Entwicklungen aufgegriffen werden? Die 70er sind nun mal vorbei, deal with it. Das ficht doch den Autorenfilm nicht an. Keiner wird je verlangen, dass ein Autorenfilm wie Spike Lees 25th Hour von 2002, der den Bechdel-Test nicht bestehen würde, heutzutage teilweise durch Quotenfrauen anders besetzt werden müsste. (Ein sehr reflektierter Film übrigens, mit schwachen Männern, die sich vorübergehend stark fühlen. Das legt nahe, dass der Bechdel-Test keineswegs der alleinige Maßstab für modernes, genderbewusstes Erzählen sein kann.)

Lisa Frühbeis sagt ganz richtig, dass jeder immer noch erzählen darf, wie er es für richtig hält, aber sie wünscht ganz einfach Sensibilität und einen reflektierten Umgang. Ihr Fazit ist, dass der gute Erzähler das volle Repertoire beherrschen sollte und alles berücksichtigt. Es soll und darf starke Männer und schwache Frauen geben, aber eben auch schwache Männer und starke Frauen. Das volle Spektrum des Lebens soll erfasst sein, ohne billigen Sexismus. Natürlich ist Sexyness erlaubt, aber sie sollte mit Bewusstsein verfasst und thematisch motiviert sein. Damit ist im Grunde auch der Einwurf des Mannes mit Thors Hammer auf dem Shirt völlig unnötig, der darauf bestand, dass Frauen nunmal eine andere Rollenzuweisung in der Welt haben als Männer und der moderne Feminismus hier die Wirklichkeit verzerrt. So what? Wenn das dein Ding ist, mach es. Die jungen Künstler und Künstlerinnen haben auf solche Anachronismen aber häufig keine Lust. Eine gute Entwicklung, wie ich meine.

Alexander:
Traditionell sorgt eigentlich fast jedes Jahr der Max-und-Moritz-Preis für eine nachträgliche Debatte bezüglich der Besetzung, Auszeichnungen und der Diversivität. Umso überraschender ist es, dass der wieder von Hella von Sinnen und Christian Gasser moderierte Preis diesmal fast schon erschreckend skandallos daherkam. Aber stattdessen köcheln schon am Samstag die Nachwehen der ICOM-Preisverleihung hoch. Äußerungen der Jury, auffallend wenig Besucher, nachträgliche Diskussionen über die Jury-Besetzung und auch die Abstinenz mehrerer Preisträger verleihen dem eigentlich angesehenen Preis eine seltsame Katerstimmung. Am Samstag wirkt das alles noch als eine Summe mehrerer Kleinigkeiten, soll sich später aber immer weiter aufschaukeln.

Spirou-Skizzen in der Flix-Ausstellung // Foto: Thomas Kögel

Abgesehen davon stand der Samstag für mich vor allem im Zeichen der Jeff-Lemire-Ausstellung, die zusammen mit einer Ausstellung über Flix im großen Redoutensaal präsentiert wird. Eine Verbindung zwischen beiden Künstlern gibt es nicht, aber dass Flix mit seiner aktuellen Spirou-Interpretation wohl auf dem deutschsprachigen Markt eine hohe Zugkraft hat, mag als Erklärung für diese Kombination reichen. Beide Ausstellungen sind trotz verwinkelter Gänge sehr gut aufgebaut und ermöglichen das Kennenlernen dieser sehr unterschiedlichen Künstler. Originalzeichungen neben den fertigen Druckseite, ergänzt um gut zusammenfassende Texte und abgerundet mit kleinen Filminstallationen vermitteln auch jenen, die mit den Künstlern nicht vertraut sind, einen guten Gesamteindruck. Lobenswert ist vor allem beim Bereich über Jeff Lemire, dass hier wirklich ein ausgeglichener Eindruck über seine gesamte Karriere gegeben wird und die aktuelleren Werke nicht in den Vordergrund gerückt werden.

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