Christians interessanteste Film-Seherlebnisse der letzten Zeit waren Andreas Prochaskas Welcome Home Baby sowie Francesco Barillis Giallo Das Parfum der Dame in Schwarz von 1974.
Das Parfum der Dame in Schwarz
Das Parfum der Dame in Schwarz ist ein 1974 entstandener Giallo, also ein italienischer Kriminalfilm italienischer Prägung, in dem Ästhetik und Stilbewusstsein meist wichtiger sind als eine schlüssige Handlung. Der Film spielt mit den Erwartungen mehr, als dass er sie bedient, und entführt uns gegen Ende an einen unerwarteten Ort, an dem er uns mit ungläubigem Staunen zurücklässt und das Bedürfnis weckt, den Film gleich noch mal zu sehen. Ich will nicht zu viel verraten.

Mimsy Farmer: Sie war schon in Dario Argentos „Vier Fliegen auf grauem Samt“ einfach klasse.
Das Parfum der Dame in Schwarz handelt von einer jungen Frau namens Sylvia (Mimsy Farmer), der langsam der Boden unter den Füßen abhanden kommt. Es verdichten sich Andeutungen, dass manches in ihrem Leben eine andere Bedeutung hat, als sie ihr ursprünglich zuschrieb; alles scheint miteinander verkettet und irgendwie auf sie bezogen. Sind das Anzeichen von Paranoia oder gar Schizophrenie? Spielt ihr Lebensgefährte ein böses Spiel mit ihr?
Im Lauf der Handlung begegnet Sylvia auch ihrem früheren Selbst, ebenso dem ehemaligen Liebhaber ihrer Mutter, einer sehr dubiosen, bedrohlichen Figur – Realitätsverlust und höchst Greifbares, auch Gefährliches, greifen immer stärker ineinander. Eine zentrale Rolle spielt dabei auch ein afrikanischer Geschäftsmann, der Sylvia von afrikanischen Opfer-Ritualen erzählt. Aber vielleicht lebt das Archaische ja gar nicht so sehr in Afrika fort, sondern ungeachtet der Herkunft an jedem Ort. Anzüge und Hochhäuser aus Glas und Beton gibt’s ja auch in Afrika.
Der Film von Francesco Barilli entwirft ein irritierendes Bild, in dem andere, verborgen liegende Zusammenhänge die Welt weit mehr zusammenhalten als das Sichtbare. Das Parfum der Dame in Schwarz ist ein okkulter Krimi, der den Betrachter ernst nimmt. Die Inszenierung ist bildgewaltig, arbeitet effektiv mit Spiegelbildern und klaren Anspielungen auf den Kinderbuchklassiker Alice im Wunderland, so dass der Bruch mit der Realität sowohl optisch als auch erzählerisch motiviert wird. Die Inszenierung ist ein Fest für die Augen, getragen von einem wunderschönen Soundtrack von Nicola Piovani (Das Leben ist schön). Die BluRay von X-Rated glänzt mit einem besonders interessanten Audiokommentar von Marcus Stiglegger, der den Film als einen der besten Gialli bezeichnet und diese Aussage auch zu begründen weiß.

Welcome Home Baby
Eine junge Berlinerin erbt aus heiterem Himmel ein Anwesen im tiefsten Österreich. Sie beschließt, mit ihrem Partner das Haus zu besichtigen, um es im Anschluss zu verkaufen. Es wird eine Reise in den Abgrund.
Mit der Entscheidung, sich dem Erbe zu stellen, beschließt Judith, wie die Protagonistin heißt, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, denn Judith hat ihre Eltern nur ganz kurz gekannt, bevor sie zur Adoption freigegeben wurde. Als sie nun in das unheimliche, sehr abgelegene Dorf zurückkehrt, wird sie bereits sehnsuchtsvoll von ihren entfernten Verwandten, von denen sie bis dato nicht einmal etwas wusste, erwartet. Es ist so schön, dass du endlich wieder da bist, so wird sie begrüßt. Danach wird es sehr schnell sehr unheimlich und Judith entgleitet schnell die Kontrolle über ihr bisheriges Leben. Sie gerät unter einen Einfluss der netten älteren Damen, dem sie sich nicht entziehen kann. Ist am Ende Hexerei im Spiel?
Andreas Prochaskas Film wird ziemlich schnell recht irrational, vor allem, wenn Judith über einen längeren Zeitraum offensichtlich vergisst, was ihr bisheriges Anliegen war. Judith wird schwanger und verliert sich im Verfolgungswahn, während ihr Mann offensichtlich Gefallen am Dorfleben zu finden scheint, sich den Gepflogenheiten fügt und mit der Zeit sogar „a guader Jager“ wird – eine der unheimlichsten Entwicklungen des Films. Einige Kritiker werfen dem Film Logiklöcher vor, bescheinigen ihm aber, dass er eine sehr atmosphärische Bildsprache besitzt. Schon der örtlichen Begebenheit, dass die abgehängte Ortschaft in einem Tal sitzt, das von einer riesigen Autobahnbrücke überschattet wird, wohnt apokalyptische Strahlkraft inne. Hier passt nichts mehr zusammen – wie ein Riss im Himmel zerreißt die Brücke die Bindung zum Althergebrachten, gestattet aber keinen Anschluss an die Moderne.

Die Autobahn, das Jesus-Marterl, der Wald. Wir sind an einem Ort, wo nichts zusammenpasst und alles möglich ist.
Francesco Barilli, der Regisseur von Das Parfum der Dame in Schwarz, erklärte einmal, dass ein Regisseur in der Lage sein muss, Bilder zu malen. Das gelingt auch Andreas Prochaska in Welcome Home Baby in mehrfacher Hinsicht. Prochaska entwirft ein vielschichtiges Bild vom Kontrollverlust, wenn Judith zunehmend ihre Fähigkeit verliert, ein selbstgesteuertes Leben zu führen. Die Fürsorglichkeit der dörflichen Gemeinschaft, ihre Schwangerschaft, auch die Willfährigkeit, mit der ihr Mann bereit ist, den bisherigen Individualismus zugunsten einer archaischen Lebensweise aufzugeben, entziehen ihr jegliche Grundlage der Selbstbestimmtheit. Vielleicht ist Welcome Home Baby sogar eindringlicher als Polanskis Rosemary’s Baby, der doch ein recht eindeutiges Vorbild zu sein scheint.
Der Schluss ist nicht zu verstehen und kann schnell als wirr abgetan werden. Aber auch hier ist man gut beraten, das, was geschieht, wie ein Gemälde auf sich wirken zu lassen. Es bedarf der Geste des symbolischen Todes, um sich der Umklammerung des Alten entziehen zu können. Der Film zeigt, dass solche Gesten nicht rational verstanden werden müssen; und vielleicht kann alte Magie tatsächlich nur mit Magie neutralisiert werden, nicht mit Logik. Erst danach ist der Weg der Vernunft wieder offen. Ein wunderschönes Hildegard Knef-Stück illustriert den hoffnungsvollen Ausgang.
Derzeit ist Welcome Home Baby lediglich als Amazon Prime-Kaufvideo erhältlich. Es ist zu wünschen, dass der Film bald auch andere Auswertungen erfährt. Als ich das Glück hatte, ihn auf dem Fantasy Filmfest auf großer Leinwand sehen zu dürfen, hat er mich schier umgehauen.






