Währenddessen an Ostern:

Alle Abbildungen (c) DC Comics, Vertigo
Die 90er Jahre des letzten Jahrhunderts waren DAS Jahrzehnt für Grant Morrison. Nachdem er in den 80ern seine Duftmarken gesetzt hatte und bereits die fabelhafte Doom Patrol geschrieben hatte, startete er kreativ voll durch und prägte das Vertigo-Imprint des DC-Verlags mit Titeln wie The Invisibles, Flex Mentallo, Sebastian O, Kill your Boyfriend oder The Mystery Play. Das waren erfreulich oft Arbeiten, die nicht von Superhelden handelten.
Man liest in verschiedenen Quellen, dass Grant Morrison in den frühen Jahren seiner Karriere auch als Dramatiker in Erscheinung getreten ist. Über diesen – vermutlich kurzen – Zeitraum ist wenig bekannt – die Graphic Novel The Mystery Play, gestaltet von Jon J. Muth, gibt aber eine klare Ahnung davon, wie ein Bühnenstück von Morrison ausgesehen haben könnte. The Mystery Play ist ein metaphysisches Drama, das man sich gut in Bühnenbildern vorstellen kann, ein Stück über ein Theaterstück, genauer, ein „Mysterienspiel“, ein bisschen wie Oberammergau, das nicht nur von der Kreuzigung, sondern auch von der Vertreibung aus dem Paradies handelt.

Jeder ist verdächtig!
Auf der Oberfläche besehen weist The Mystery Play Elemente eines klassischen whodunnit auf. Der Darsteller von Gott wurde ermordet und ein Detektiv findet sich ein, um den Fall zu klären. Der Detektiv, der den sprechenden Namen Carpenter hat, vertritt die Ansicht, dass man einen Fall nur ganzheitlich angehen kann. Nur wenn man jede Einzelheit berücksichtigt – das schließt Aspekte wie den Vogelflug, Wolkenformationen und Sternenkonstellationen mit ein -, lässt sich das komplette Bild sehen. Carpenter löst gerne Kreuzworträtsel. Als die Reporterin Annie Woolf das Rätsel in Augenschein nimmt, das Carpenter bearbeitet hat, stehen dort nur willkürliche Buchstaben. Es gibt offensichtlich keine eindeutigen Entsprechungen, keine IF … THEN-Kausalketten, keine Mechaniken.
Auch der Verdacht, dass der Darsteller des Teufels etwas damit zu tun haben könnte, führt in die Irre. Warum aber ist das Gespräch mit dem Teufelsdarsteller dann so in Szene gesetzt, dass er diabolische Dinge sagt und offensichtlich die Rolle lebt, als wäre er doch der Teufel?
„Knowledge can tear you apart“, sagt der Teufel. „How much knowledge can you bear? Are you really strong enough for the kind of truth you claim you’re searching for?” – “I’m just trying to make sense of things”, erwidert Carpenter.

Carpenter und der Teufel.
Grant Morrison hat seine Texte sehr präzise konzipiert; nahezu jede Zeile, die geäußert wird, trägt mehrere Bedeutungsebenen in sich. Die Figuren der Schauspieler sind von ihrer Rolle nicht zu trennen, was eine interessante Dopplung erzeugt. Wie mit einem Mikroskop blickt man zunächst auf einen getöteten Schauspieler, fokussiert man aber in den Text, ist Gott tatsächlich tot. Man könnte sich eine solche Situation auch in einem experimentellen ARD-Tatort vorstellen, oder als ironische Spielerei in einem Inspektor Barnaby-Krimi. Aber Morrison will etwas profunderes erzählen. Das ist einerseits nahe daran, prätentiös zu wirken, aber die Ernsthaftigkeit, mit der Morrison hier arbeitet, nötigt mir dennoch Respekt ab.
Detektiv Carpenter spürt weiteren Verdächtigen nach, beispielsweise dem Bürgermeister, dem nachgesagt wird, er wolle von einem Sexskandal ablenken. Aber je mehr das Spektrum erweitert wird, desto unklarer wird die Motivlage; jeder könnte der Täter gewesen sein. Trotzdem wähnt sich Carpenter der Auflösung des Rätsels nahe und bittet die Reporterin, dass sie auf keinen Fall seine Vergangenheit durchleuchte, bevor er nicht mit den Ermittlungen am Ende sei. Woolf verspricht es, hintergeht ihn aber dann und findet heraus, dass Carpenter polizeilich gesucht ist. Er hat ein Kind vergewaltigt und umgebracht. An dem Tag, an dem die Passionsgeschichte im Rahmen der Mysterienspiele aufgeführt werden sollte, bezichtigt sie ihn öffentlich seiner Tat, woraufhin er von der aufgebrachten Menge ans bereitgestellte Kreuz geschlagen wird. Wenig später verschwindet Carpenter jedoch auf mysteriöse Weise, nur Annie Woolf sieht, wie Carpenter unerkannt in der Menschenmenge verschwindet, sein Mantel jedoch flattert noch an den Nägeln.

In der tatsächlichen Passionsgeschichte opfert Gott seinen Sohn am Kreuz, um die Menschheit von der Sünde zu erlösen. Jesus, so heißt es, macht sich mit den Niedrigsten der Gesellschaft gemein und nimmt deren Sünden auf. (Wer ist wohl niedriger als der Mörder eines Kindes?) Aber blättern wir in der Bibel ein paar hundert Seiten zurück. Im alten Testament verlangt Gott von Abraham, dass er seinen Sohn opfere, um ihn zu testen. Auch das ist provokativ und war es wohl schon immer. Oder noch weiter zurück. Dorthin, wo steht: „Am Anfang war das Wort“. Es deutet an, dass ein Wort und die Sache, die es beschreibt, das gleiche sind. „Und das Wort war Gott“, geht es weiter im Text – und wir fragen uns, ob Gott wirklich den Menschen erschaffen hat, oder nicht doch der Mensch Gott. Es waren wohl auch Menschen, die die Bibel geschrieben haben.
Dass ein Mensch von sich behauptet, den Willen Gottes zu erkennen, ist sicherlich Anmaßung. Aber wie steht es damit, dass Gott sich in dem manifestiert, was die Mehrheit will? Sobald der Einzelne aber ausspricht, was die Mehrheit will, ist es wieder Anmaßung. Was will die Mehrheit auch überhaupt? Armageddon? Dass endlich alles endet? (Man könnte meinen, manche radikalen Evangelikalen wollen genau das.) Oder dass man sich endlich um die Umwelt kümmert und Krieg beendet – was nur geschehen kann, wenn die Menschen sich bewegen? Die Friedensbewegungen sind oft christlich motiviert.

Steckt Gott in den Details? Oder ist die Summe aller Details Gott?
In Grant Morrisons The Mystery Play schlagen die Menschen in ihrer neu gefundenen Einigkeit (ist es deswegen schon Gottes Wille?) den Detektiv Carpenter ans Kreuz. Es wird nur von vorübergehender Wirkung sein. Der Mantel des Täters geht am Ende auf die nächste Person über, das Spiel geht in die nächste Runde. Tatsächlich ist jedes einzelne Panel in The Mystery Play bedeutungsschwer und wirkt so, als ließe sich ein tieferer Sinn darin erkennen. Je mehr man sich in die Geschichten hineinarbeitet, desto schwieriger aber wird es, noch Kohärenz zu entdecken. Am Ende bedarf es in Morrisons Geschichte des Gewaltakts der Kreuzigung, um eine neue Art von Sinn herzustellen.

„I don’t like crowds.“






