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Colony 1

In diesem Eröffnungsband der französischen SF-Serie Colony spielen die Menschen mal wieder „Volk ohne Raum“. Sie scheitern aber nicht am Widerstand der indigenen Bevölkerungen, sondern an sich selbst.

alle Bilder © Splitter Verlag

Colony beginnt medias in res: Ein menschlicher Erkundungstrupp um die Anführerin Milla Aygon stößt im Jahr 2123 auf ein vor 40 Jahren havariertes Schiffswrack, das kurz vor seiner Entdeckung von Piraten geplündert wurde. Bei dem Fundstück handelt sich um eine Art Arche Noah mit zahlreichen Lebewesen im Kryoschlaf. Die meisten Kapseln sind unwiderbringlich beschädigt, deren Insassen entweder von den Piraten entführt oder tot. Bis auf einen Überlebenden: Clarence. Während die Einsatztruppe unter großem Zeitdruck das Schicksal des Schiffes zu ergründen versucht, wird zunächst das Mutterschiff von den Piraten angegriffen und dann auch die Einsatzgruppe. Ihnen gelingt die Flucht, aber ein Schaden am Antriebssystem bringt die Weltraumreisenden vom Kurs ab und führt sie zu einem unbekannten Planeten, während uns die Vorgeschichte erzählt wird.

Im Jahr 2100 starteten einst zahlreiche Archen, um kolonisierungsfähige Planeten zu finden. Warum? Das wird nicht explizit gesagt, aber letztlich sind es doch immer dieselben Verfehlungen, die zum Exodus der Menschheit führen. Durch diesen verzweifelten Vorstoß ins Weltall wurden die Atils, eine technologisch höherentwickelte Rasse, auf die Menschen aufmerksam. Sie unterstützten die Menschen dabei, die Archen wiederzufinden.

Als die Rettungscrew auf das Wrack stößt, sind 123 Jahre seit dem Beginn der Mission vergangen. Diese Zeit hat Clarence in einem wohligen Kälteschlaf verbracht, in dessen Verlauf er ein virtuelles Leben führte. Darin besteht der Clou der Geschichte: Die verkapselten Raumfahrer leben ihre virtuellen Existenzen (Matrix lässt grüßen), und mit fortschreitender Dauer scheint das Bewusstsein für diesen künstlichen Zustand verloren zu gehen. Clarence muss einen hohen Preis zahlen, um wieder im (wirklich?) echten Leben anzukommen: Frau und Kinder muss er zurücklassen.

Die Einrichtung dieser virtuellen Realitäten macht den Reiz der Story aus: Weder die Figuren noch wir haben Gewissheit, ob sich die Handlung gerade in einer Phantasiewelt oder der Realität ereignet. Außerdem geistert ein „Architekt“ durch die künstlichen Welten, der über mehr Wissen als wir und die Figuren verfügt und Clarence Hinweise gibt.

Der französische Szenarist Denis-Pierre Filippi (*1972) ist seit zwanzig Jahren im Geschäft (Das Buch von Jack, dt. 2002, Eine außergewöhnliche Reise, dt. 2015 und 2019) und hat sich in vielen Genres erprobt. Mit dem italienischen Zeichner Vincenzo Cucca (*1977) hat Cucca sich einen Künstler an die Seite geholt, der in seinem Art Book als „master in drawing female curves“ (Hot Charlotte, Charismagie) bezeichnet wird. Fast kann man aufatmen, dass Colony nicht zu einem Science-Fiction-Fetisch-Album geraten ist.

Nicht immer fügen Autor und Zeichner die Szenen nahtlos aneinander, so dass die Leser*innen manchmal stärker in ihrer Aufmerksamkeit gefordert sind. Die Raum- und Perspektivwechsel sind zuweilen abrupt, und die Handlung wird oft eher von Zufällen vorangetrieben als dass sie sich von Szene zu Szene entfalten würde. Davon abgesehen führt Filippi neue Figuren oder Konflikte geschickt ein, so dass die Spannung aufrecht erhalten bleibt.

Colony schließt thematisch direkt an die Conquest-Serie bei Splitter an, allerdings nur zufällig. Während die Albenserie Conquest im Original seit Herbst 2018 bei Soleil erscheint, ist Colony schon im Januar 2018 bei Glénat veröffentlicht worden. In Frühjahr 2020 wurde die Serie mit dem vierten Band abgeschlossen. Splitter plant die nächsten Bände für September 2020 und März 2021.

Science-Fiction mit Matrix-Feeling

7von10Colony 1 –Die Schiffbrüchigen des Alls
Splitter Verlag, 2020
Text: Denis-Pierre Filippi
Zeichnungen: Vincenzo Cucca
Übersetzung: Tanja Krämling
48 Seiten, Farbe, Hardcover
Preis: 15,00 Euro
ISBN: 978-3-96219-504-5
Leseprobe

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