Roland-Emmerich-Alarm: Pompöse Bilder, Technische Brillanz, diskursive Zurückhaltung – Bec und Raffaele bewegen sich mit Olympus Mons auf vertrautem Terrain.
Das dynamische Duo der europäischen Comic-Szene hat wieder zugeschlagen. Nach 11x Prometheus (2012-17), 3x Deepwater Prison (2014-16), 3x Pandämonium (2007-11), 2x Heiligtum Genesis (2015-18), 2x Under (2010-11), 3x Sarah (2008-11) erscheint nun eine weitere deutsche Ausgabe des hyperaktiven Comic-Blockbuster-Künstlerpaars: Der (ich habe nachgezählt) 25. gemeinsame Comicband „Anomalie Eins“ ist der Auftaktband der auf drei Teile konzipierten SF-Serie Olympus Mons. Bec und Raffaele bitten zum Tanz.
Es beginnt mit der Eroberung Amerikas im Jahr 1492 durch Christoph Kolumbus, der an Bord der Santa Maria befürchten muss, dass seine unzufriedene Crew zu meutern beginnt. Riesendusel, dass jemand plötzlich „Land in Sicht“ brüllt und Kolumbus seine Schweißperlen trocknen oder an die Eingeborenen verhökern kann. Schnitt. Wieder Wasser, diesmal aber kaltes. Barentssee, Froschperspektive: Wir sehen die „Oceans Pathfinder“ auf rauer See. In der vollbesetzten Kommandozentrale wird eine rätselhafte Anomalie beobachtet. Verrückt. Bedeutend. Wahnsinn. Schnitt. Establishing Shot: Dogubayazit in der Türkei. Drei TV-Entdecker unterhalten sich in einem grüngestrichenen Hotelzimmer über eine gerade geplante Expedition: „Archäologisches Geheimnis“. Geiler Schnitt: Mars. Russische Kosmonautin betritt die Planetenoberfläche (neu!), sieht vor sich den Olympus Mons. Ausblenden. Schnitt. Popcorn und Cola.
Christophe Bec ist als Szenarist ein Meister filmischen Erzählens. Seine Comics lesen sich als Vorlagen für monumentale Science-Fiction-Filme, die niemand besser umsetzen könnte als Roland Emmerich: pompöse Bilder, haarsträubende Handlung, aber gute Effekte. Dies gelang Bec in Prometheus, seiner umfangreichsten und erfolgreichsten Serie, und das Erfolgsrezept mit verschiedenen Handlungssträngen funktioniert auch hier. Alles hängt irgendwie miteinander zusammen, und das fasziniert mich, der ich mit den X-Files in den 1990ern aufgewachsen bin, immer wieder. Ähnlich geht es mir manchmal mit Roland-Emmerich-Filmen, wenn sie spät im Fernsehen laufen, so dass meine Mainstreamabwehrkräfte schon vom Tag ermattet sind.
Auch wenn Becs Erfolgsrezept (Aliens, Verschwörungen, Cliffhanger) ein alter Hut ist – auch alte Hüte kann man mit Stil tragen, und Bec kann dies. Die Handlungsstränge greifen ineinander, und Raffaele zeichnet routiniert eine Welt, in der wir immer nur einen Teil des Elefanten sehen, niemals aber das große Ganze. Und dann Schnitt, Schwarz. Cliffhanger.
Der Cliffhanger funktioniert. Gut. Aber wie großartig könnte das Szenario sein, wenn über die SF-Topoi (Alien-Artefakte im Meer, „Die Götter waren Astronauten“ – na, wer kennt den Däniken noch?) hinaus noch etwas Neues geschehen würde. In diesem Moment kann kitschige SF nämlich großartige Kunst werden. Bec und Raffaele haben diesen Sprung nicht geschafft, aber man muss ihnen zugute halten: Sie haben ihn auch gar nicht versucht. Sie haben ganz lustvoll und rauschhaft den Däniken getanzt. Bis zum Morgengrauen zur Musik von Hans Zimmer. Im August 2018 wird der zweite Band erscheinen: „Operation Mainbrace“. Bec und Raffaele werden uns liefern, was wir erwarten.
Bec tanzt den Däniken

Splitter, 2018
Text: Christophe Bec
Zeichnungen: Stefano Raffaele
Farben: Digikore Studios
Übersetzung: Harald Sachse
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,80 Euro
ISBN: 978-3962190200
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