Alle Artikel mit dem Schlagwort: Chinabooks

Topcomics 2020 – Unsere Favoriten des letzten Jahres

Die Comicgate-Redaktion hat sich der jährlichen Tradition verpflichtet, zum Jahresende darüber nachzudenken, wem welche Comics am meisten zugesagt haben. Der Pandemie-Triathlon, bestehend aus Lockdown, Social Distancing und Maskenfetisch, hat diesem Jahr viel Zeit für abwechslungsreiche Leseerlebnisse gegeben – und Anlass für leicht-schiefe Metaphern mit Tagesaktualität. Fünf Comicgate-Autoren präsentieren ihre jeweils fünf liebsten Comics des Jahres 2020.

Der freie Vogel fliegt – Band 4-6

„Süßer Vogel Jugend“ denkt man oft verklärend, wenn man das Treiben junger Menschen beobachtet. Dabei gibt es wohl keine Lebenphase, die den Menschen vor ähnlich komplexe Aufgaben stellt, wie die Jugend. Der Gedanke, Schule wäre ein Safe Space, an dem die Kinder auf das Leben vorbereitet werden, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, ist wohl der größte Irrtum unserer Zeit. Als ob Mobbing, Leistungsdruck, Versagensängste und der tägliche Kampf ums Standing in der Klassenordnung keine existentiellen Nöte wären.

Die Klingen der Wächter 1-3

Der Outlaw und sein Kind reiten in Richtung des kleinen Wüstenstädtchens, in dem ein steckbrieflich gesuchter Mörder Unterschlupf gefunden hat. Am Stadttor hängen drei Verbrecher als Warnung, denn der kaiserliche Stadtverwalter regiert dieses Provinznest mit eiserner Faust und willkürlichen Regeln. Im Grunde ein Zustand der Anarchie, wie ihn Alan Moore beschrieben hat, als er einmal sagte: „Wenn von Anarchie die Rede ist, dann sagen die meisten Menschen, dass sie das für eine schlechte Idee halten, denn Anarchie bedeutet, dass die größte Gang die Macht an sich reißt. Aber genau so sehe ich unsere Gesellschaft. Wir leben in sehr unterentwickelten anarchistischen Umständen, in der die größte Gang am Steuer sitzt und uns erzählt, dass dies keine Anarchie sei.“

„Der Surrealismus hilft mir, das Gefühlsleben der Personen darzustellen“  – Ein Gespräch mit Jimmy Liao

Es war einmal vor langer, langer Zeit im Jahre 2001, da erschien im Coppenrath Verlag ein kleines, poetisches Bilderbuch für Erwachsene, das hieß Wie die Liebe so spielt. Es war die erste Veröffentlichung eines Bilderbuchs von Jimmy Liao. Keiner hätte damals gedacht, dass Jimmy Liao irgendwann als Geheimtipp in der Comicszene landen würde. 2009 erschien das Buch ein zweites Mal, diesmal bei Jacoby & Stuart, in neuer, nicht unbedingt besserer Übersetzung, und wieder blieb es danach still um Liao. Der Funke mochte nicht so recht überspringen.

„In Taipeh sind alle immer am pushen!“ – Interview mit der Künstlerin 61chi

Ein Schwerpunktthema des Münchner Comicfestivals war der Themenkomplex „Comics aus Taiwan“. Hier standen vor allem die Künstler des umtriebigen Chinabooks-Verlags im Fokus, denen je eine kleine Werkschau gewidmet wurde, darunter auch der jungen Künstlerin 61chi. Während die meisten Teilnehmer des Festivals ihren Namen wie selbstverständlich auf Englisch aussprachen („Sixtyone-chi“), ist ihr Name in Wirklichkeit weniger sperrig, als es zunächst den Anschein hat. Das chinesische Wort für die Zahl 61 lautet „liù shí yī“ und ist lautgleich zu ihrem tatsächlichen Namen, entsprechend wird ihr Name „LiuChi“ gesprochen.

Helden der östlichen Zhou-Zeit 3: Der Kranichkönig

Das ist der Stoff, aus dem die schönsten historischen Eastern sind: Eine Jungfrau demütigt die größten Krieger des stehenden Soldatenheers mit ihrer Kampfkunst und erarbeitet sich so die Achtung der verschworenen Männergesellschaft. Denn nicht nur, dass die Soldaten im Dorf randaliert und Bewohner verprügelt haben, danach besaßen sie auch noch die Frechheit, sich gegenseitig in Schutz zu nehmen und zu decken. Nicht mit mir, denkt sich die namenlos bleibende Jungfrau, die bald von jedem nur noch ehrfurchtsvoll „Distel“ genannt wird. Erst verprügelt sie den General, dann den Oberausbilder. Mit einem spitzen Gegenstand schlitzt sie ihm zwischen den Beinen das Gewand auf und präsentiert hinterher die Klinge mit zwei blutigen kleinen Eiern daran aufgespießt. „Uaah! Sie hat seine Eier aufgespießt“ entfährt es den entsetzten Zuschauern; im Nachhinein stellt sich erst heraus, dass es nur Hühnerherzen waren. Daraufhin beschließt der König, die Distel noch ein weiteres Mal zu testen: Gegen 100 Mann soll sie antreten, und wenn sie sich hier ebenfalls behaupten kann, so soll sie Ausbilderin der Armee werden.